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Deutschland

Kommentar: Der unbequeme Herausforderer

Der Kampf um die politische Führung im Land hat früher begonnen als erwartet. Mit ihrem Finanzminister der Großen Koalition bekommt die Kanzlerin den denkbar unangenehmsten Gegenkandidaten, findet Volker Wagener.

Nur der Zeitpunkt war überraschend. Frank-Walter Steinmeier, der Fraktionschef, wollte nicht, Parteichef Sigmar Gabriel konnte nicht. Der SPD-Vorsitzende leidet unter chronischem Sympathieentzug in Teilen der Bevölkerung. Das Feld war somit bereitet für den Mann, der derzeit nur noch einfacher Abgeordneter ist: Peer Steinbrück, ein Meister der Rhetorik, ein Angreifer, ein finanz- und wirtschaftspolitischer Experte. Der Mann zur Krise, sozusagen. Angela Merkel bekommt mit ihm den für sie gefährlichsten Herausforderer. Der Wahlkampf wird ein langer werden und verspricht dennoch keine Langeweile.

Nicht immer diplomatisch

Steinbrück hat sich vom "Peer wer?" zum "Peer weiss mehr!"-Image hochgearbeitet. Der Norddeutsche mit der scharfen Zunge ist ein atypischer Politiker. Er kommt aus der Verwaltung und hat dort lange Jahre Chefpositonen bekleidet. Sein Kommandoton hat schon des öfteren in der mitbestimmmungsorientierten SPD für Unruhe gesorgt. Seine parteiinternen Kritiker fürchten eine Neuauflage der Schröderschen "Basta-Politik" - durchregieren auch in der eigenen Partei. Es fehlt ihm der Stallgeruch der Genossen, er ist keiner, der die wärmende Mitte der Partei um jeden Preis sucht. Steinbrück spricht klar, mitunter provokant und selten diplomatisch. Die Linken seiner Partei bezeichnete er schon mal als Heulsusen. Er spricht öfter als andere Politiker aus, was er denkt. Vielen in der bald 150 Jahre alten Traditionspartei ist Steinbrück zu abgehoben, zu bürgerlich, zu intellektuell. Doch er wird respektiert, nicht unbedingt von den Linken, die sehen in ihm zu sehr den marktorientierten Liberalen.

Eigentlich muss Steinbrück zwei Wahlkämpfe führen. Zunächst ist da die eigene Partei, die noch gewonnen werden will vom Kandidaten. Das Votum des Parteitages steht noch aus. An der Prozentzahl für ihn wird man schon ablesen können, wie ernst es die Genossen mit Steinbrück an der Spitze gegen Merkel meinen. Eine Besonderheit in Steinbrücks Kandidatur liegt auch darin, dass der Mann aus der Troika (Gabriel, Steinmeier, Steinbrück) nun gemeinsam mit dem Parteichef und dem Fraktionsvorsitzenden wahlkämpfen muss. Einzelgänger Steinbrück wird sich als Mannschaftsspieler beweisen müssen. Als Mann der Attacke muss er vor allem den Spagat zwischen den Agenda-Befürwortern und den Linken hinbekommen, will er die Partei, die Mitglieder und die SPD-Wählerschichten komplett hinter sich bringen.

Der Unterschied im Stil

Bei zentralen Themenfeld des Wahlkampfes - der Eurokrise - gibt es nur geringfügige Unterschiede zwischen Merkel und Steinbrück zu entdecken. Beiden traut man das Krisenmanagement zu, da könnte Steinbrück sogar Beifall und Stimmen aus dem konservativen Lager ernten. Die Frage wird sein, wie das Großthema auf den Wahlkampfveranstaltungen präsentiert wird. Steinbrück hat aufgrund seiner vorrangigen Berufsvita als Chefverwalter nur wenig Erfahrung im Straßenwahlkampf. Er wird beim Händeschütteln auf Marktplätzen oft als kühl, distanziert, ja sogar arrogant empfunden. Seine Stunde schlägt, sobald er am Mikrofon steht. Er kann polarisieren, ein Publikum unterhalten, ja, sogar zum Lachen bringen. Nicht unbedingt Stärken der Bundeskanzlerin.

Den Unterschied wird am Ende wohl der Stil machen. Merkel kommt mit ihrer zurückgenommenen, staatsfraulichen Art immer noch gut an in der Mitte der Gesellschaft. Steinbrück kann durchaus auch im Merkellager aufgrund seiner Fachkompetenz punkten. Zumal die politischen Unterschiede zwischen beiden marginal sind. Sollte er die Kanzlerin in einem Jahr an der Urne tatsächlich ernsthaft gefährden können, stellt sich die Koalitionsfrage. Die SPD hat sich schon entschieden und will mit den Grünen ein Bündnis eingehen. Mit diesem Partner hatte Steinbrück als Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen stets Streit gesucht. Die größte Unbekannte heißt allerdings Konjunktur. Wenn sie sich - wie prognostiziert - abschwächt, spielt das Steinbrück in die Hände, zumal die schwarz-gelbe Koalition schon seit langem mehr mit sich selbst als mit dem politischen Gegner streitet. So oder so, ein langer und spannender Personen- und Typenwahlkampf steht bevor. Zu einer politischen Kurskorrektur wird das aber in einem Jahr nicht führen. Die Programme sind ähnlich, die Kontrahenten aber sehr verschieden.

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