1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Ein Kandidat mit Kavallerie

Wer sich zu früh als Kandidat festlege, werde "öffentlich platt gemacht wie eine Flunder", hat Peer Steinbrück kürzlich gesagt. Nun steht er ein Jahr vor der Bundestagswahl als SPD-Kanzlerkandidat fest.

Hanseatisch kühl, manchmal schroff und ungeduldig, ein Mann mit viel Ironie und beißendem Sarkasmus – das ist Peer Steinbrück. Unvergessen bleibt sein Vergleich der Schweizer, die an ihrem Bankgeheimnis festhalten, mit Indianern, gegen die man die Kavallerie ausreiten lassen müsste.

Sein Biograf Daniel Goffart bescheinigt dem 65-Jährigen neben rhetorischer Brillanz große Klugheit und die Fähigkeit, zuhören zu können. Aber: "Er lässt manche – das ist vielleicht sein Nachteil – seine auch intellektuelle Überlegenheit spüren." Das habe ihm immer wieder Gegner eingetragen, urteilt Goffart.

Gegner hat Peer Steinbrück genug, auch in der eigenen Partei. Obwohl der Sohn eines Architekten schon 1969, kurz nach dem Abitur, Mitglied der SPD wurde, bekam er von den eigenen Genossen immer wieder fehlenden Stallgeruch bescheinigt. Wohl auch, weil der gebürtige Hamburger mit seiner Partei immer sehr offen und kritisch umgegangen ist und mit seiner Meinung nur selten hinter dem Berg hält.

Audio anhören 01:19

Nie um ein Wort verlegen: Peer Steinbrück

So mussten sich beim parteiinternen Richtungsstreit um die Agenda 2010 Widerständler in den eigenen Reihen von ihm als "Heulsusen" beschimpfen lassen. Im Bundestagswahlkampf 2009 brachte Steinbrück die Genossen mit der Aussage gegen sich auf, dass "der Maßstab für Regierungswillen nicht der Rückzug auf das Parteiverträgliche" sein könne.

Wofür steht Steinbrück?

So wird es auch jetzt wieder sein. Ein Kanzlerkandidat müsse "authentisch" sein, dürfe "erkennbar nicht Positionen vertreten, die nicht zu ihm passen oder mit denen er auch gar nicht in Verbindung gebracht" werde, so Steinbrück erst kürzlich. "Die Programm- und die Sachaussage eines Wahlkampfes müssen in Übereinstimmung sein mit demjenigen, der als Kandidat laufen soll."

Die SPD, vor allem der mit Peer Steinbrück im Widerstreit liegende linke Flügel der Partei, wird allerdings wissen, was auf sie zukommen wird. Steinbrück ist lange genug im politischen Geschäft und birgt für die Sozialdemokraten wohl kaum noch Überraschungen. Seine direkte Art, so räumt er ein, wirke zwar manchmal bestürzend, aber sie vermeide Missverständnisse. "Ich glaube, dass meine Partei mich gelegentlich als Granate wahrgenommen hat."

Auf geradem Weg nach oben

Peer Steinbrück spielt leidenschaftlich gerne Schach und das angeblich gar nicht so schlecht. Strategisches und vorausschauendes Denken waren sicherlich auch bei seiner Karriereplanung förderlich. Unmittelbar nach dem Studium der Volkswirtschaft und Sozialwissenschaft startete der gebürtige Hamburger seine berufliche Laufbahn 1974 in der Ministerialbürokratie in Kiel. Es folgten Stationen in Bundesministerien und im Bundeskanzleramt. 1993 wurde er Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein, 1998 wechselte er in die gleiche Funktion nach Nordrhein-Westfalen, um zwei Jahre später Finanzminister des größten Bundeslandes zu werden. 2002 beerbte er seinen politischen Weggefährten Wolfgang Clement als Regierungschef. Am 22. Mai 2005 verlor er die Landtagswahl gegen den CDU-Politiker Jürgen Rüttgers mit der Konsequenz, dass es auf Bundesebene zu Neuwahlen kam.

Peer Steinbrück vor der Statue von Willy Brandt in Berlin. REUTERS/Tobias Schwarz

Der Kandidat: Steinbrück bei der Pressekonferenz am Freitag in Berlin

Das Ergebnis war eine große Koalition aus Union und SPD. Peer Steinbrück wechselte als Bundesfinanzminister nach Berlin. Ein Amt, von dem er schnell feststellte, dass es "nicht vergnügungssteuerpflichtig" sei. Tatsächlich kam mit der Finanzkrise 2008 eine enorme Herausforderung auf ihn zu. Er managte sie anfangs mit viel Verve. Der Bankenrettungsfonds und das sogenannte Finanzmarktstabilisierungsgesetz trugen seine Handschrift.

Das Versprechen, vor allem unter den Verantwortlichen für die Krise aufräumen zu wollen, konnte Steinbrück allerdings nicht einhalten. Statt von den Banken kam das Geld aus dem Bundeshaushalt und Steinbrück gab in der ihm eigenen Art einen Ausblick auf das, was die Bürger in Zukunft zu erwarten hätten: "Wir werden gegen Enttäuschung, wir werden gegen Frustration ankämpfen müssen. Es macht ja keinen Sinn, dass ich hier trockenes Brot als Eis mit Früchten verkaufe."

Gefragter Redner

Es war dann aber nicht mehr Steinbrück, der einen Sparhaushalt aufstellen musste. Nachdem die SPD die Bundestagswahl 2009 verloren hatte, wurde aus dem SPD-Bundesfinanzminister der SPD-Bundestagsabgeordnete. Lukrative Job-Angebote aus der Finanzbrache schlug der mit einer Biologie-Lehrerin verheiratete Vater von drei erwachsenen Kindern aus. Stattdessen griff Steinbrück zur Feder, schrieb ein Buch und wurde ein gefragter Vortragsredner.

Sigmar Gabriel + Frank Walter Steinmeier + Peer Steinbrueck SPD Politiker PK Bundespressekonferenz Der Weg aus der Kriese Wachstum und Beschaftigung in Europa Haus der Bundespressekonferenz Berlin 15.05.2012

Da war die K-Frage noch nicht entschieden: SPD Troika Steinbrück, Gabriel und Steinmeier (v.r.)

Darin ging es immer wieder auch um die Finanzmärkte und die Rolle der Banken. Ein Thema, das in Steinbrücks Wahlkampf sicherlich eine beherrschende Rolle einnehmen wird. Nicht zufällig veröffentlichte Steinbrück vor ein paar Tagen erst neue Vorschläge zur Bändigung der Finanzmärkte. "Die Banken haben auch sehr viel Vertrauen verloren und deswegen denke ich sind wir gut beraten, gemeinsam nach Spielregeln zu suchen, wie wir die Exzesse auf den Finanzmärkten vermeiden und eindämmen können", sagte er dazu.

Aufs Altenteil will sich Peer Steinbrück trotz seiner 65 Jahre erkennbar nicht zurückziehen. Stattdessen will er noch einmal durchstarten. Für den Fall, dass es anstrengend werden könnte, hält er auch schon einen Ratschlag bereit: "Wenn die Beine schwer werden, wenn Grauwacke-Gestein deine Taschen beutelt, dann stehe auf und bewege dich."

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema