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Fußball

Kommentar: Der Feind im Innern

Der stille Protest der Fußball-Fans in Deutschland gegen das neue Sicherheitskonzept geht weiter. Die verhärteten Fronten lenken aber vom wahren Verursacher des Problems ab, meint DW-Sportredakteur Joscha Weber.

DW-Sportredakteur Joscha Weber (Foto DW/Per Henriksen)

DW-Sportredakteur Joscha Weber

Das kenne ich eigentlich nur aus der Kreisliga: Der Trainer brüllt seine Anweisungen quer über den Platz, ein Stürmer signalisiert lautstark, dass er frei steht und am Spielfeldrand hustet jemand. Nein, die Bundesliga spielt in dieser Woche nicht vor leeren Rängen. Aber zwölf Minuten und zwölf Sekunden hat man das Gefühl, in der Oper statt im Fußballstadion zu sitzen. Zwölf Minuten und zwölf Sekunden stiller Protest. Zwölf Minuten und zwölf Sekunden Machtdemonstration.

Die Fans der Bundesligavereine machten nahezu geschlossen mit bei der Protestaktion der Fan-Initiative "12:12", die damit ihren Unmut zum geplanten Sicherheitskonzept im deutschen Fußball deutlich machen will. Man wolle den Vereinen vor Augen führen, wie die Situation sein würde, wenn die Fans nicht mehr da wären. Gespenstische Stille, Geisterkulisse, das kann niemand wollen. Fangesänge, Laola-Wellen und Choreografien sind integrale Bestandteile der Fußballkultur – Gewalt und Pyrotechnik sicher nicht.

Wie viel Sicherheit braucht der Fußball?

Die zentrale Frage der immer hitziger geführten Debatte lautet: Wie viel Sicherheit braucht und verträgt der Fußball? Mehr als jetzt, aber auch nicht zu viel, lautet die Antwort. Mehr, weil trotz aller bisherigen Maßnahmen Fußballspiele immer noch für Gewaltorgien missbraucht werden, wie die Partie Düsseldorf gegen Frankfurt am Wochenende zeigte. Nicht zuviel, weil Ganzkörperkontrollen von bis zu 80.000 Menschen weder praktikabel noch mit dem Gesetz vereinbar sind.

Anhänger von Borussia Dortmund und Polizisten stehen einander am 20.10.2012 in Dortmund gegenüber vor der Bundesligapartie Borussia Dortmund gegen FC Schalke 04. (Foto: Stephan Schütze/dpa)

Beleg dafür, dass eine Sicherheitsdebatte geführt werden muss: Fankrawalle beim Derby Dortmund gegen Schalke

Die Wut der Fans ist groß und verständlich. Sie wurden lange ignoriert und erst nach Protesten in die Sicherheitsdebatte miteinbezogen. Ein Kardinalfehler der Verantwortlichen in Liga und Verband, denn seitdem sind sie selbst das Feindbild für viele Fans. So konnten sich Fronten bilden, verhärten – und ablenken von den wahren Verursachern der Krise: den gewaltbereiten Hooligans. Sie bringen alles in Gefahr: das unbeschwerte Stadionerlebnis für Familien, die gegnerischen und manchmal auch eigenen Fans, die Polizeikräfte, die Stehplatzkultur und selbst die im europäischen Vergleich niedrigen Ticketpreise.

Die Liga muss handeln, sonst tut es die Politik

Es sind meist nur einige Dutzend Randalierer und Schläger pro Spiel, die andere Fans verprügeln, teilweise bewaffnet die Polizei attackieren und im dichten Gedränge der Stehplätze die mehr als 1000 Grad heißen und im Wortsinn brandgefährlichen Pyro-Fackeln entzünden. Die Fans links und rechts der Hooligans sehen allzu oft weg oder solidarisieren sich sogar mit ihnen, aus Protest gegen die Reglementierung durch die Deutsche Fußball Liga (DFL). Der gemeinsame Feind eint im Innern.

Dabei ist der wahre Feind nicht irgendwo da draußen. Er steht mittendrin in der Fankurve. Nicht DFL und Vereine sorgten für mehr als 1000 Verletzte, mehr als 7000 Verhaftungen und mehr als 8000 Strafverfahren in der Vorsaison, sie mussten aber darauf reagieren. Die Politik hat dem deutschen Fußball offen mit dem Entzug einer seiner Heiligtümer gedroht: der Stehplätze. Die Liga kann diesen Druck nicht ignorieren, sie muss handeln. Das neue Sicherheitskonzept ist ein erster Schritt. Wenn nicht noch weitere folgen sollen, müssen sich die friedlichen von den gewaltbereiten Fans distanzieren. Mit ihrem stillen Protest hat die Fanszene gezeigt, wie mächtig sie ist. Nach der Stille ist es nun an der Zeit, das Wort zu ergreifen: gegen Gewalt im Stadion.

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