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Standpunkt

Kommentar: CDU und CSU - Zwei Schwestern, die keine Freundinnen mehr sind

17 Monate lang feuerte Horst Seehofer gegen Angela Merkel. Das Verhältnis von CDU und CSU war zerrüttet, Trennung nicht ausgeschlossen. Und nun: Schnee von gestern? Alles gut? Sabine Kinkartz glaubt das nicht.

Angela Merkel und Horst Seehofer (Reuters/M. Dalder)

Gesichter, die Bände sprechen - Angela Merkel und Horst Seehofer am Montag in München

Versöhnungsgeschichten haben immer etwas Rührendes. Da haben sich Menschen monatelang, vielleicht gar jahrelang gestritten, angefeindet, sich bekämpft, gegenseitig geschadet und endlich erkannt, dass daraus selten etwas Gutes erwächst. Es folgen Aussprache, Verständigung, Tränen, Emotionen und schließlich: Versöhnung. Die Musik dreht auf, ganz viele Geigen erklingen, ein Kameraschwenk zeigt die beiden noch einmal Hand in Hand, fertig ist das Happy End.

Ja, das klingt weniger nach großer Politik als nach Ausblick auf die Berlinale, die Filmfestspiele in Berlin, die in dieser Woche beginnen. Aber im Kern ist es doch so: Versöhnung ist in großen Teilen etwas Emotionales. Etwas, das man nicht auf Knopfdruck ein- oder ausschalten kann. Auch nicht für den Zuschauer. Das Zwischenmenschliche muss stimmen, die sprichwörtliche Chemie. Entweder es wirkt echt, oder eben ganz schnell falsch. Also aufgesetzt, nach außen gerichtet, einem Zweck folgend, unglaubwürdig.

Zerrüttetes Verhältnis

Genauso verhält es sich bei den Unionsparteien CDU und CSU. Seit fast eineinhalb Jahren streiten Angela Merkel und Horst Seehofer ergebnislos über die Asylpolitik und die CSU-Forderung nach einer Obergrenze für Flüchtlinge. Die Schwesterparteien hatten in ihrer Historie schon immer Hochs und Tiefs. Keine Frage. Aber so zerrüttet wie zuletzt war das Verhältnis noch nie. Selbst eine Trennung wurde nicht ausgeschlossen.

Kinkartz Sabine Kommentarbild App

Sabine Kinkartz ist Korrespondentin im DW-Hauptstadtstudio

Jetzt plötzlich raspelt der CSU-Vorsitzende Süßholz. Er freue sich darauf, mit Angela Merkel als Kanzlerkandidatin in Wahlkampf zu ziehen, säuselt Seehofer nach der gemeinsamen Sitzung der Schwesterparteien in München. Er freue sich auch auf Wahlkampfauftritte mit der CDU-Vorsitzenden in Bayern und lade sie ausdrücklich ein. Er gibt sich verbindlich, zugewandt, charmant, er lächelt - der Heuchler!

Glaubt er tatsächlich, dass die Wähler ihm das abkaufen? Nachdem er 17 Monate lang eine Breitseite nach der anderen gegen Merkel gefeuert hat? Nachdem er sie öffentlich gedemütigt und ihre Flüchtlingspolitik als "Herrschaft des Unrechts" bezeichnet hat? Nachdem er bereits angekündigt hat, auch bei einem Wahlsieg lieber in die Opposition zu gehen, als einen Koalitionsvertrag zu akzeptieren, in dem keine "Obergrenze" für Flüchtlinge festgelegt ist?

Die Demontage rächt sich

Angela Merkel glaubt ihm nicht. Sie weiß genau, dass Seehofers freundliches Lächeln nur Fassade ist. Der Wolf hat Kreide gefressen, weil ihm nichts anders übrig bleibt, will er bei den Wahlen nicht ein Desaster herauf beschwören. Mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz ist der Union ein ernst zu nehmender Konkurrent erwachsen. Innerhalb weniger Tage sind die Sozialdemokraten auf der Beliebtheitsskala der Wähler in schon lange nicht mehr gekannte Höhen vorgedrungen. Noch schlimmer steht es im direkten Vergleich: Jeder Zweite würde Schulz direkt zum Bundeskanzler wählen, Merkel aber nur noch jeder Dritte.

Die Union muss Gas geben, ihre Wahlkampfstrategie dringend umschreiben, auf Angriff schalten. Für die CSU heißt das, auf Angriff nach außen. Das ist gar nicht einfach, wenn der Feind monatelang vermeintlich in den eigenen Reihen stand. Das bekommt Seehofer deutlich zu spüren. Im Januar hat er Merkel noch angegriffen, nichts unversucht gelassen, sie und ihre Flüchtlingspolitik zu demontieren. In den Umfragen waren 45 Prozent der Wahlberechtigten mit seiner Arbeit zufrieden. Im Februar lobt er die CDU-Vorsitzende und rutscht auf der Beliebtheitsskala elf Prozentpunkte abwärts. Der plötzliche Sinneswandel ist unglaubwürdig. Das ist die Quittung.

Merkel bleibt nüchtern

Es sieht erst einmal nicht so aus, als würde Angela Merkel Seehofers Spiel mitmachen. Ja, sie ist jetzt Kanzlerkandidatin nicht nur der CDU, sondern der gesamten Union. Ja, die CSU will sich hinter sie stellen, der Wahlkampf soll ein gemeinsamer Kraftakt werden. Damit kann sie arbeiten, aber mehr wird es aus der Sicht der CDU-Vorsitzenden nicht werden. Daran hat sie nach der Präsidiumssitzung in München keinen Zweifel gelassen. Weder verbal noch in ihrer Körpersprache. Seehofer gegenüber verhielt sie sich kühl bis eisig. Seine Entgleisungen verzeiht sie ihm nicht.

Am Ende könnte ihr das sogar nützen. Sie beweist Haltung, bleibt bei ihrer Linie. Auch beim Thema "Obergrenze" für Flüchtlinge. "Ich habe nicht die Absicht, hier die Position zu ändern", sagte Merkel in München auf die Frage, ob sie im Fall eines Wahlsiegs auf die CSU-Forderung eingehe. Der neben ihr sitzende Seehofer wiederholte daraufhin noch einmal seine Drohung, lieber in die Opposition zu gehen, als das hinzunehmen. Versöhnung sieht anders aus. Es ist ein Burgfriede. Ein Zweckbündnis. Ein Happy End ist es nicht.

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