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Welt

Kommentar: Beten gegen alle Normen

Der Nahost-Friedensprozess liegt im Koma - und die Präsidenten Peres und Abbas sind doch vereint beim Papst im Vatikan. Eine Stunde tiefer Ernsthaftigkeit, ein großer Moment, meint DW-Kirchenexperte Christoph Strack.

Christoph Strack (Foto: DW)

Christoph Strack, Redakteur im DW-Hauptstadtstudio

Das so passende Wort sprach vielleicht der israelische Präsident Schimon Peres. Als der 90-Jährige im Vatikan Palästinenserpräsident Mahmud Abbas trifft und sie einander umarmen, äußern beide nacheinander, fast verlegen, sie seien froh, den anderen hier zu treffen. Und dann schiebt Peres spontan nach "gegen alle Normen".

Ja, das Treffen der beiden Präsidenten im Vatikan war "gegen alle Normen". Gegen alles politische Taktieren und jede Ernüchterung derer, die seit Jahrzehnten an einem gerechten Frieden zwischen Israelis und Palästinensern arbeiten, die an Ideologien und Machtdenken scheitern, an Terroranschlägen und Gewalt des Stärkeren verzweifeln. Und alle drei - Papst Franziskus als Gastgeber sowie die beiden Präsidenten - haben aus diesen gut 90 Minuten eine historische Stunde gemacht. Wann je zuvor hat hier ein Imam gebetet, wann ein Rabbiner?

"Wie viele Divisionen hat der Papst?", fragte vor über einem halben Jahrhundert Josef Stalin und wollte damit der katholischen Kirche Macht und Einfluss absprechen. In den Vatikanischen Gärten mögen an diesem Sonntagabend ein paar Dutzend Schweizergardisten gewesen sein, gewiss keine Divisionen. Mit einem in dieser Form nie dagewesenen Ereignis hat Franziskus grandios an die Kraft großer Zeichen angeknüpft, für die in Zeiten des Kalten Krieges der kürzlich heiliggesprochene Johannes Paul II. stand.

Vor gerade einmal zwei Wochen hatte Franziskus dieses Treffen in Bethlehem angekündigt. Um Frieden solle es gehen, nicht um Politik, eine "Pause von der Politik" sollte es sein, hieß es. Am Schluss standen da nacheinander Papst, Peres und Abbas am Rednerpult, redeten ihren Gott an - "oh Herr" - formulierten ihre Sehnsucht nach Frieden. Und auch Palästinenserpräsident Abbas erwähnte explizit das Wort Judentum und schloss mit "Shalom pace, salem aleikum".

Sicher, ein Gebet ist nur ein Gebet. Da kann man gut drüber spötteln und ablästern - gerade mit Blick auf eine Region, in der islamistische Selbstmordattentäter oder gewalttätige, regelmäßig randalierende Siedler gleichermaßen vorgeben, im Namen von Religion oder Gott unterwegs zu sein. Aber Franziskus stellt sich in jene gute christliche Tradition, die "für" etwas betet - an diesem Abend für den Frieden. "Um Frieden zu schaffen, braucht es Mut. Weitaus mehr Mut, als Krieg zu führen", so Franziskus. Es gehe um ein Ja zu Verhandlungen und ein Nein zur Gewalt, um ein Ja zur Aufrichtigkeit und Nein zur Doppelzüngigkeit. Und der Papst rief dazu auf, "Baumeister des Friedens" zu sein.

Dass - nebenbei gesagt - das Ehrenoberhaupt der orthodoxen Christen, Patriarch Bartholomaios, mit Papst Franziskus gleichsam gemeinsam den Gastgeber machte, darf man auch noch als sensationell bewerten. Zwischen Papst und Patriarch eine Einmütigkeit, wie es sie auf dieser Ebene noch nie gab in 1000 Jahren Spaltung.

Die Bilder dieses Sonntagabends sind starke, großartige Bilder. Sie bleiben. Und sie werden Wirkung zeigen. In Israel und den Palästinensergebieten, aber auch, zum Beispiel, in den USA oder auch in Europa. Friedensnobelpreisträger Peres mit der Weisheit des Alters, Abbas als seriöser Präsident. Beide friedlich vereint und umgeben von Rabbinern und Imamen. Je mehr Franziskus und Vatikansprecher im Vorfeld betonten, dieses Treffen sei eine rein religiöse Veranstaltung, um so eher klang da die politische Dimension mit.

Das wussten beide Seiten - und versuchten im Vorfeld mitzumischen. Kaum hatte Papst Franziskus, für die Weltgemeinschaft überraschend, das Treffen mit den Präsidenten angekündigt, verbreiteten palästinensische Stellen als Termin den 6. Juni. Als ob ein israelischer Präsident an einem Freitag, wo der jüdische Sabbat beginnt, zum interreligiösen Gebet ins katholische Machzentrum reisen könnte. Und auf israelischer Seite mühte sich Premierminister Benjamin Netanjahu, so hört man, noch während der vergangenen Tage, den scheidenden Staatspräsidenten Peres, seinen Gegenspieler, vom Treffen mit Abbas abzuhalten. Und zugleich kündigte Netanjahu angesichts der Bildung einer gemeinsamen Palästinenserregierung, auf die sich Fatah und Hamas verständigt hatten, mal wieder neue Siedlungsbauten an… Bauen gegen eine Zwei-Staaten-Regelung hier, beten für den Frieden da.

Bei all dem liegt auch eine Tragik über der besinnlichen Stunde in den Vatikanischen Gärten. Da saßen, umgeben von vielen gewiss wichtigen Männern und nur wenigen Frauen, der 77-jährige Franziskus, der 74-jährige Bartholomaios, der 79-jährige Abbas und der bald 91-jährige Peres. Peres, dessen Amtszeit im Juli endet, dessen Nachfolger am Dienstag gewählt werden soll. Vier alte Männer sprachen vom Hoffen der Kinder auf Frieden. Und pflanzten zwei Olivenbäume. Jene Pflanze, die in den monotheistischen Religionen für Frieden steht.

Man möge sich nichts vormachen: Die nächste Gewalt, die nächste Eskalation wird gewiss kommen im sogenannten Heiligen Land. Aber dass es einen anderen Weg geben könnte, daran hat dieser römische Abend erinnert.

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