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Standpunkt

Kommentar: Autokratie versus Pluralismus in der Katar-Krise

Im Streit mit Katar hat Saudi-Arabien bislang jedes nachvollziehbare Argument vermissen lassen, meint Kersten Knipp. Auf dem Spiel stehen harte Machtinteressen, vor allem aber die politische Kultur der gesamten Region.

Katar Skyline von Doha (Getty Images/ANOC/M. Runnacles)

Die Skyline von Doha, die Hauptstadt Katars

Von Saudi-Arabien nach Europa ist es ein weiter Weg, und so tut sich gelegentlich die Frage auf, ob Informationen, die man auf diese Reise schickt, tatsächlich auch ankommen. Verstärkt stellt sich diese Frage anlässlich des rüden Vorgehens, das Saudi-Arabien und seine Partner gegenüber Katar an den Tag legen: Kann es sein, dass Auskünfte über rationale Gründe für diese Politik auf dem langen Weg nach Europa allesamt verschwunden sind?

Schön wäre es. Leider ist es nicht so. Wo immer man nachforscht, ob in Zeitungen - auch arabischen Zeitungen - im Fernsehen oder im Gespräch mit Kollegen aus der Region: Vernünftige, nachvollziehbare Gründe für die Blockade des Landes und die damit verbundenen Anschuldigungen weiß niemand zu nennen.

Im Glashaus

Der Vorwurf der Terrorunterstützung etwa ist lächerlich, wenn er von Vertretern eines Landes erhoben wird, das als eines der größten, wenn nicht der größte Sponsor fundamentalistischer Bewegungen gilt. Freilich nicht der Staat selbst, wohl aber einige im Land aktive Stiftungen stehen im Ruf, den Wahhabismus, die konservative - um nicht zu sagen reaktionäre - Staatsreligion des Königreichs weltweit zu fördern. Indonesien und der Balkan etwa sind Regionen, die die segensreichen Auswirkungen dieser Ideologie zuletzt zu spüren bekamen.

Solange diese Gelder fließen, solange ein Herz und Hirn vergiftender religiöser Fundamentalismus weiterhin verbreitet wird, sollte Saudi-Arabien sich mit entsprechenden Anschuldigungen zurückhalten.

Knipp Kersten Kommentarbild App

DW-Autor Kersten Knipp

Attacke auf den Pluralismus

Fast noch beschämender ist die Forderung, Al-Jazeera und andere von katarischen Finanziers unterhaltene Medien zu schließen. Man muss Al-Jazeera nicht mögen. In seinem arabischen Programm zum Beispiel bietet der Sender mit Yusuf al-Qaradawi einem Talkmaster die mediale Bühne, dessen ideologische Gesinnung nicht über alle Zweifel erhaben ist - um es zurückhaltend zu formulieren.

Aber Al-Jazeera hat auch andere Stimmen im Programm, präsentiert auch Positionen, die sehr weit weg sind von fragwürdigen Äußerungen bärtiger Gottesmänner. Das Programm ist pluralistisch und vor allem weit entfernt von den wahhabitischen Stimmen, den grimmigen Herren der Fatwas und frommen Sinnsprüche aus Saudi-Arabien.

Gewiss: Katar ist kein Paradies der Menschenrechte. Das bezeugt schon der in dem Emirat wie in anderen Teilen der Golfregion beschämende Umgang mit überwiegend asiatischen Gastarbeitern. Dennoch sind einige aus Katar finanzierte Medien, wie etwa die noch relativ junge Zeitung Al araby al-jadeed, für den arabischen Medienmarkt eine Wohltat. Hier liest man Stimmen, denen man folgen kann, die klare und nachvollziehbare Argumente bringen, die Positionen entwickeln und darlegen. Man muss sie sich nicht zu eigen machen. Aber ihre Inhalte sind nachvollziehbar.

Respekt für das Publikum

Sie bezeugen das, was für jedes Medium selbstverständlich sein sollte: Respekt vor dem Publikum, vor den intellektuellen Fähigkeiten der Bürger. Diese im besten Sinne aufklärerischen Stimmen finden sich in Al araby al-jadeed in dichter Form. Und man muss vermuten, dass sie eben darum im politischen Riad nicht so gut ankommen. Dort setzt man lieber auf mit konfessionellen Mitteln gemanagte Gefolgschaft von Verstand und Seele. Wer in den eigenen Blättern vor allem von den Segnungen des Glaubens spricht, um die Leser so von der dummen Idee abzuhalten, sich ein eigenes Urteil zu bilden, kann an Zeitungen, die auf die Kraft der Argumente setzen, nur wenig Freude haben.

Eben deshalb ist die Auseinandersetzung zwischen Saudi-Arabien und Katar sehr viel mehr als nur ein Nachbarschaftsstreit auf der Arabischen Halbinsel. Es geht um fundamentale Prinzipien politischer Kultur, und damit letztlich um die politische Zukunft der Region.

Setzt man weiterhin auf die Dominanz zynischer Autokraten oder auf die Kraft eines - irgendwann einmal - pluralistischen, offenen Arabiens? Dies ist der Einsatz, um den es in dem Zwist am Golf letztlich geht. Für die europäischen Staaten müsste nicht zuletzt auch angesichts absehbarer Migrationsbewegungen klar sein, welcher Seite sie beistehen sollten.

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