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Kommentare

Kommentar: Arbeitsteilung in multikulturellen Zeiten

Der algerische Autor Boualem Sansal warnt vor dem radikalen Islam. Ist es ein Zufall, dass derzeit vor allem Muslime vor Islamismus warnen? Wenn ja, wäre das ein Fall kultureller Apartheid, meint Kersten Knipp.

Der algerisch-französische Schriftsteller Boualem Sansal (Foto: EPA/ETIENNE LAURENT )

Der algerisch-französische Schriftsteller Boualem Sansal

Der algerische Autor Boualem Sansal ist das, was man einen Erfolgsschriftsteller nennt. Seine Romane, sprachlich und psychologisch dichte Erkundungen des algerischen Alltags, finden zahlreiche Leser. Sein jüngster Roman "2084" hat es seit seinem Erscheinen vor einem halben Jahr gar zu einem der meistverkauften französischsprachigen Romane gebracht. Jenseits aller Sprachkunst dürfte aber auch der latent apokalyptische Titel dem Buch Käufer beschert haben: "2084" - das ist die Fortsetzung von "1984", George Orwells düsterem Bild über jenes Jahr, das, als er den Roman 1948 schrieb, noch ferne Zukunft war.

In der Realität kam es bekanntlich anders: Das reale Jahre 1984 war dann doch deutlich entspannter als jenes "1984", mit dem Orwell seine Leser über Jahrzehnte aufgescheucht hatte. Insofern ist zu hoffen, dass auch "2084" irgendwann als schriller Alarmismus widerlegt sein wird. Denn Boualem Sansal schildert in dem Roman eine Zeit, in der eine islamistische Glaubensdiktatur den Planeten beherrscht: Laizismus, Pluralismus, das Bewusstsein von der Relativität aller Ordnung sind Relikte von gestern; an ihre Stelle ist Hingabe an den einen, eifersüchtigen Gott getreten.

Islamophobie und Hysterie?

Warum ist "2084" ein Bestseller? Aus Lust am Untergang, am latenten Rassismus oder der Islamophobie der Franzosen? Oder aus Hysterie, ausgelöst durch die beiden großen Attentate des vergangenen Jahres im Januar ("Charlie Hebdo") und November ("Bataclan")? Alles nur ein künstlich hochgepushter Medienhype? Man weiß es nicht. Nimmt man aber den Erfolg von Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" hinzu, auch er eine literarische Inszenierung lebhaft empfundener Ängste vor dem Islam, kann man eines offenbar sagen: Hinsichtlich des multikulturellen Zusammenlebens sind die Franzosen deutlich pessimistischer als die Deutschen.

Knipp Kersten (Foto: DW)

DW-Autor Kersten Knipp

Dazu kann man sich beglückwünschen, wenn man will. Deutschland, das Land der Optimisten - wer hätte das vor kurzem noch gedacht! Das man "es", also die Integration von einigen hunderttausend Muslimen, schaffen werde, daran besteht in der medialen und politischen Öffentlichkeit nach wie vor wenig Zweifel.

Überzeugte Multikulturalisten würden freilich spätestens an dieser Stelle aufschreien: Es kämen keine Muslime, sondern Menschen. Wohl wahr, jedenfalls zur Hälfte. Es kommen Menschen, die zugleich Muslime sind. Selbst im opitimistisch gestimmten Deutschland sehen das nicht alle entspannt. Was tragen die Zuwanderer in ihrem Herzen? Wie sehen sie die offene Gesellschaft, wie den entspannten Umgang der Deutschen mit kultureller Vielfalt? Die ehrliche Antwort ist: Man weiß es nicht.

Die eigene Weltoffenheit (oder zumindest das, was viele Deutsche dafür halten), die Hohelieder auf Differenz und Métissage, wie die akademisch veredelten und an den Universitäten so leidenschaftlich herumgereichten Begriffe heißen: Sind sie eine adäquate Beschreibung der Realität? Oder nur wohlmeinende Projektion? Wieder gilt: Wir wissen es (noch) nicht.

Wiederkehr des Verdrängten?

Umso auffälliger, dass Boualem Sansal es weiß, jedenfalls zu wissen behauptet. Sansal, Jahrgang 1949, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, und Zeit seines Lebens in Algerien lebend, warnt. Und zwar keineswegs nur in der Fiktion. Er tut dies auch in der jüngsten Ausgabe der Wochenzeitung "Die Zeit", und zwar sehr ausdrücklich. Er sagt auch: Wäre er nicht Muslim, dürfte er sich im Westen nicht mehr äußern. Ein kühner Satz. Und doch seltsam bestätigt in eben dieser Ausgabe der "Zeit". Dort warnen drei Muslime, genauer, eine Muslimin, die Rechtsanwältin Syran Ateş, und zwei Muslime, der türkisch-österreichische Islamwissenschaftler Ednan Aslan und eben Sansal selbst, vor einer Islamisierung Europas.

Die ethnisch deutschen Journalisten hingegen geben sich überwiegend optimistisch. Den Pessimismus überlassen sie einigen (ausgewählten) Muslimen. Wie darf man das verstehen: als Wiederkehr des Verdrängten? Als raffinierte Arbeitsteilung, ersonnen, um unter politisch komplizierten Bedingungen das offenbar schwer Sagbare doch noch zu sagen? Oder einfach als Beweis dafür, dass das multikulturelle Experiment insgeheim doch gutgegangen ist, die Muslime (auf jeden Fall schon einmal diese drei) sehr wohl die schärfsten Kritiker ihrer selbst sind? Wieder gilt: Man weiß es nicht. Eindrucksvoll belegt wäre der Erfolg der multikulturellen Gesellschaft dann, wenn Kritik und Selbstkritik nicht einmal mehr den Anschein erweckten, sie verliefen entlang ethnischer Linien.

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