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Kommentare

Kommentar: Angst verschlingt die offene Gesellschaft

Ein Drohanruf führt zum Abbruch einer Fernsehshow und zur Evakuierung einer Halle. Radrennen, Opernaufführungen und Fastnachtsumzüge werden abgesagt. Wir werden langsam paranoid, befürchtet Martin Muno.

Für zig-tausende Mädchen und junge Frauen war es der wichtigste Termin des Jahres: Die Siegerin von Heidi Klums TV-Show "Germany's next Topmodel" sollte am gestrigen Donnerstagabend gekürt werden - vor 10.000 Zuschauern in einer Mannheimer Halle und noch viel mehr vor den Fernsehgeräten. Doch welche der vier Kandidatinnen gewann, wissen wir heute immer noch nicht.

Eine Bombendrohung machte der Veranstaltung ein jähes Ende.

Die Halle wurde evakuiert, der Sender ProSieben unterbrach sein Programm und strahlte einen Spielfilm aus.

Die Magermodel-Show fügt sich damit ein in eine ganze Reihe von Ereignissen, die wegen Terror-Gefahr abgesagt wurden: Sei es das Radrennen "Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt" am 1. Mai, der Karnevalsumzug von Braunschweig im Februar oder eine "Pegida"-Demonstration in Dresden im Januar.

Der Aufschrei wird immer kleiner

Als vor fünf Jahren die Deutsche Oper in Berlin Mozarts Oper "Idomeneo" vom Spielplan nahm, nachdem befürchtet wurde, dass es bei der Aufführung zu Störungen kommen könnte, war der Aufschrei innerhalb der Politik groß. Der damalige Kulturstaatsminister Bernd Neumann sagte, die "demokratische Kultur der freien Rede" sei in Gefahr. Anstoß erregt hatte eine Szene, in der die abgeschlagenen Köpfe von Jesus, Buddha und auch Mohammed gezeigt wurden.

Als der Braunschweiger Karnevalsumzug abgesagt wurde, sprach Oberbürgermeister Ulrich Markurth von einem "traurigen Tag für unsere demokratische Gesellschaft", fügte aber hinzu: "Die Einschätzung der Polizei ließ eine andere Entscheidung allerdings nicht zu." Dass nach der gestrigen Absage entsprechende Aussagen fehlten, hat sicherlich auch etwas damit zu tun, dass die kulturelle Niveaukurve von der Opernaufführung über den Umzug bis zur Model-Show steil nach unten fällt. Aber in den fünf Jahren hat sich auch unser Denken verändert.

Jeder Irre kann etwas lahmlegen

Muno Martin Kommentarbild App

DW-Redakteur Martin Muno

Dass der Vorrang der Sicherheit zu drastischen Einschnitten demokratischer Rechte geführt hat, ist spätestens seit den Enthüllungen über die NSA-Aktivitäten eine Binsenweisheit, die auch kritische Geister mittlerweile schulterzuckend zur Kenntnis nehmen. Noch gefährlicher ist allerdings, dass die Angst vor Anschlägen wächst und dass diese Angst Trittbrettfahrer animiert. Ein Drohanruf von irgendeiner Telefonzelle wie gestern bei der Heidi Klum-Show garantiert jedem Irren die 15 Minuten Ruhm, von denen einst Andy Warhol sprach, zerstört auf Dauer aber unsere demokratische Verfasstheit.

Denn jede moderne demokratische Gesellschaft funktioniert auf der unausgesprochenen Grundlage, dass wir Bürger das Haus verlassen können, ohne jederzeit damit rechnen zu müssen, überfallen, getötet oder verschleppt zu werden. Auch wenn selbstverständlich immer ein Restrisiko bleibt. Wenn sich allerdings die Angst vor einem wie auch immer gearteten Terrorismus wie Mehltau über das gesellschaftliche Leben legt, wird die Offenheit dieser Gesellschaft bedroht.

Deswegen hat auch jeder Politiker recht, der von einer "abstrakten Terrorgefahr" spricht. Die Gefahr, in Deutschland bei einem Bombenanschlag getötet zu werden, ist Gott sei Dank geringer, als vom Blitz erschlagen zu werden oder bei einem Autounfall ums Leben zu kommen. Und deshalb ist es wichtig, nicht hinter jeder Ecke einen Terroristen zu vermuten. Ach und übrigens: Eine Bombe wurde auch in Mannheim nicht gefunden.

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