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Kultur

Kolumne Berlin 24/7 - Presseball in Zeiten des Populismus

Ein gesellschaftlicher Höhepunkt ist der Bundespressball - und Politikum. Dass AfD-Frontfrau Petry diesmal nicht eingeladen wurde, verstärkt bestehende Vorbehalte gegenüber den Medien, meint unser Kolumnist Gero Schließ.

Die Presse steht auf dem Prüfstand. Und manchmal wird aus dem Prüfstand ein Pranger. Mit diesem Gedanken im Kopf gehe ich zu meinem ersten Bundespresseball. Feierlaune will nicht so recht aufkommen. Ich frage mich, wie ich reagieren würde, wenn mir jetzt jemand ins Gesicht schreit: "Lügenpresse". Die Pegida-Demonstranten in Dresden tun das regelmäßig. Und auch die AfD stimmt in diesen Schlachtruf ein.

Das lässt keinen kalt. Schon bevor die 2300 Auserwählten das Tanzbein auf dem Parkett des Berliner Hotel Adlon schwingen, ist der Bundespresseball in den Schlagzeilen. Nicht mit exquisiten Ballroben und Menü-Listen, sondern mit einem unerwünschten Gast: der AfD Vorsitzenden Frauke Petry. Im letzten Jahr feierten sie und ihr Lebensgefährte noch mit. Aber wie man hört, löste das heftige Diskussionen unter den rund 900 Mitgliedern des Vereins der Bundespressekonferenz aus, der das Ballspektakel ausrichtet.

Auch wenn ich kein Fan von Frauke Petry bin: Sorry, liebe Kollegen, das kommt nicht gut! Das falsche Signal zur falschen Zeit. Selbst wenn Petry uns Medienleute verunglimpft: Sie nicht wieder einzuladen, wird bei den AfD-Anhängern das Gefühl der Ausgrenzung verstärken, und Vorurteile gegen "die da Oben" nur bestätigen.

Kommunikation zum Kopfschütteln

Als ich am Tag vor dem Ball den Vorsitzenden der Bundespressekonferenz, Gregor Mayntz, nach den Gründen für die Nichteinladung Petrys frage, bekomme ich ausweichende Antworten. Eine davon: Petry zähle zu den 82 Millionen Deutschen, die auch nicht eingeladen wurden. Eine andere: Über die Einladungsliste würde alljährlich neu entschieden. Nach welchen Kriterien will er nicht sagen. Da klingt mit, dass die Bundespressekonferenz ein Verein ist und der Öffentlichkeit keine Rechenschaft schuldet.

Doch ich finde, auch Parlamentsjournalisten sind ein politischer Faktor. Ob mit der Nichteinladung nicht sogar weit verbreitete Vorurteile über "die Medien" bestätigt würden, will ich noch wissen. Das Argument wäre stichhaltig, so Mayntz, wenn man die AfD auch von der offiziellen Bundespressekonferenz ausschließen würde. Doch das  sei nicht der Fall. Stimmt!  "Ihr wollt mit der AfD arbeiten, aber nicht tanzen", ruft unvermittelt ein Kollege in die Runde und erntet Gelächter. Da ist was dran. Und ich frage mich, wie würde sich meine DW-Redaktion da verhalten.

Auch am Abend des Bundespresseballs sind die Meinungen geteilt. Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth soll auf dem Roten Teppich dazu heftig applaudiert haben. Andere schütteln verständnislos den Kopf. Zu denen gehöre auch ich. Diese Entscheidung nährt Vorbehalte, die weit über die Anhängerschaft der AfD hinausgehen. In einer repräsentativen Umfrage sagen 60 Prozent der Deutschen, sie hätten wenig oder gar kein Vertrauen in die Medien. "Unser Ruf steht auf dem Spiel", warnte Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo unlängst und konstatierte unter anderem zu viel politischen "Gleichklang" in den Redaktionen.

Dämonisierung Trumps ist ein Fehler

Bestätigt er damit die Verschwörungstheorien über die Steuerung der Medien von "oben"? Gewiss nicht! Di Lorenzo meint etwas anderes. Ich denke an die verzögerte Berichterstattung über die Übergriffe in der Kölner Silvesternacht, in der sich eine reflexhafte Identifikation mit der von Kanzlerin Angela Merkel geprägten Willkommenskultur  zeigte.

Mit einem Kollegen, früher Korrespondent in den USA, diskutiere ich später augenfällige Tendenzen in der Trump-Berichterstattung. Donald Trump wird dämonisiert, sind wir uns einig. Völlig überzogene Schlagzeilen immunisieren ihn nur, machen ihn in den Augen der Anhänger noch stärker und lassen die Medien mit ihren Analysen und Fakten-Checks kaum mehr durchdringen - nicht nur in den USA.

Ich erinnere mich, dass Spiegel Online für einen Artikel über das Auswechseln zweier Trump-Berater folgende Überschrift fand: "Im Trump-Team bricht Chaos aus". Dabei hatte es in allen "Transition-Teams" im Wahlkampf solche Wechsel gegeben, auch bei Obama.

Post von Petry

Der Ruf nach Selbstkritik und Transparenz ist bei uns Medienleuten mittlerweile Mainstream. Doch wie sieht es im Alltag aus?

Derweil erreicht mich eine aktuelle Stellungnahmen von Frauke Petry, um die ich ihren Pressesprecher gebeten hatte: "Dieses Jahr können Sie gern ohne uns tanzen, wir würden ohnehin den lange einstudierten Formationstanz durcheinanderbringen." 1:0 für Petry.