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Wirtschaft

"Kollateralschaden der US-Zinspolitik"

Die Fed sei nicht ganz unschuldig an der US-Hypothekenkrise, betont Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, im Gespräch mit DW-WORLD.DE. Durch ihre Niedrigzinspolitik hätten Marktteilnehmer Risiken falsch eingeschätzt.

Ulrich Kater, Chefökonom der DekaBank

Ulrich Kater, Chefökonom der DekaBank

DW-WORLD.DE: Die Zentralbanken pumpen massiv Liquidität in die Finanzsysteme - so viel wie nie seit dem 11. September 2001. Werden die Banken damit ihrer Verantwortung gerecht, oder ist das ein Hinweis auf eine echte Krise?

Ulrich Kater: Die Notenbanken haben die Aufgabe, die Geldmärkte funktionsfähig zu halten. Wenn es eine höhere Nachfrage nach Liquidität gibt, als der Markt sie befriedigen kann, dann ist es die ganz natürliche Aufgabe der Notenbanken, diese Liquidität bereit zu stellen. Das kann auch in dieser Woche nochmals passieren. Allerdings haben bereits in der vergangenen Woche, anders als vielfach dargestellt, die Interventionsvolumina dieser ohnehin nur sehr kurzfristigen Liquiditätsunterstützung beständig abgenommen, was für eine langsame Beruhigung der Märkte spricht.

Wie viel hängt nun vom weiteren Vorgehen der Notenbanken ab, ob sich die Finanzmärkte weiter beruhigen werden, oder es zu weiteren Panikreaktionen kommt?

Die Notenbanken sind einfach das Fundament, auf dem die Finanzmärkte beruhen. Im Moment leiden die Finanzmärkte aber unter einem starken Herdenphänomen: Jeder Marktteilnehmer steht unter dem Generalverdacht, seine gegebenen Versprechen nicht einlösen zu können. Dabei ist das Vertrauen in den jeweiligen Geschäftspartner an den Finanzmärkten der allerwichtigste Rohstoff. Die Zentralbanker sind hier gefragt zu beruhigen, damit sich die Problematik entkrampft. Ich rechne damit, dass das Vertrauen an die Finanzmärkte zurückkehren wird - nicht zuletzt angesichts der guten wirtschaftlichen Fundamentaldaten.

Besteht aber nicht die Gefahr, dass sich die Investoren jetzt zu sehr auf die Zentralbanken verlassen?

Nein, die Zentralbanken sind nur für kurzfristige Interventionen zuständig. Investoren planen dagegen auf Monate, Quartale und Jahre hinaus. Auf dem Höhepunkt der Turbulenzen sieht alles immer sehr dramatisch aus, aber auf dem zweiten Blick, wenn die Märkte wieder zur Tagesordnung zurückkehren, werden auch die Investoren feststellen, dass die Fundamentaldaten stimmen und die Weltwirtschaft weiterhin sehr dynamisch ist.

Wie sah das eigentlich in der Vergangenheit aus: Wurden da die Notenbanken, allen voran die Fed - damals noch unter Alan Greenspan - ihrer Verantwortung immer gerecht? Oder ist die zu lasche US-Zinspolitik nicht auch ein Mitauslöser der jetzigen Krise?

Es gab damals gute Gründe, die Zinsen so stark nach unten zu setzen: Die Fed wollte die makroökonomischen Auswirkungen des Platzens der großen Aktienspekulationsblase 2001 kontrollieren und hat das tatsächlich auch geschafft. Wir sehen jetzt aber auch verstärkt die Kollateralschäden dieser Zinspolitik: Die Risikowahrnehmung der Marktteilnehmer wurde durch die Medizin der Niedrigzinsen zu sehr betäubt. Im Nachhinein betrachtet, wäre es sicherlich besser gewesen, wenn die Notenbanken mit ihrer Zinserhöhung schon ein Jahr früher begonnen hätten. Doch selbst Notenbanker haben nicht die perfekte Voraussicht. Für die Zukunft sollte man aber hieraus die Lehre ziehen, das Gefahrpotenzial, das von zu niedrigen Zinsen für die Kreditvergabe ausgeht, nicht zu unterschätzen.

Die Liquiditätsengpässe an den Börsen weltweit rücken auch die Zinspolitik der Bank of Japan in den Mittelpunkt: Ist nun mit einer Zinserhöhung und einer weiteren Verschärfung der Krise zu rechnen?

Die Geldpolitik der japanischen Notenbank war bereits im vergangenen Jahr viel langsamer ausgefallen als erwartet. Es ist gut möglich, dass die Bank of Japan angesichts der ohnehin vorhandenen Liquiditätsengpässe an den Märkten den eigentlich für August geplanten Zinserhöhungsschritt noch ein wenig verschiebt - und sei es nur für einen Monat. Grundsätzlich wird aber auch die Bank of Japan die geldpolitische Normalisierung vorantreiben und die Zinsen anheben müssen.

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