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Politik

Kokabauer gewinnt Wahlen in Bolivien

Evo Morales ist ein Held für die Armen und ein rotes Tuch für die USA. Bei der Präsidentenwahl in Bolivien hat er die meisten Stimmen gewonnen. Der Vorsprung vor seinen Rivalen war deutlicher als erwartet.

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Evo Morales stammt von den Aymara-Indianern ab

Erstmals in seiner Geschichte wird Bolivien aller Voraussicht nach von einem indianischen Präsidenten regiert werden. Evo Morales (46) von der "Bewegung zum Sozialismus" hat am Sonntag (18.12.2005) die Präsidentenwahl gewonnen. "Es bricht eine neue Geschichte für Bolivien an, in der wir Gleichheit und Frieden mit sozialer Gerechtigkeit anstreben werden", rief der sichtlich bewegte Morales Tausenden seiner Anhänger zu.

Nach Hochrechnungen vom Sonntagabend schien sogar eine absolute Mehrheit möglich. Verschiedene Meinungsforschungsinstitute rechneten mit 44 bis 51 Prozent für Morales. Letzte Umfragen vor der Wahl hatten ihn nur bei 35 Prozent gesehen. Sein härtester Rivale, der frühere Präsident Jorge Quiroga, kam auf 30 bis 35 Prozent.

Keine Freude in Washington

Bolivien Wahlen Anhänger der MAS des Präsidentschaftskandidaten Evo Morales in El ALto in La Paz Bolivien

Evo-Schriftzüge auf den Mauern im Armenviertel El Alto in La Paz

Wenig Freude über Morales' Sieg hat Washington. Der Mann hat schließlich das Zeug zum Schreckgespenst der USA zu werden: Er ist ein Freund von Fidel Castro und Hugo Chavez, er kaut Kokablätter, an seinem Schlüsselanhänger baumelt ein Bild vom kubanischen Revolutionär Che Guevara. In Jeans, Poncho und Turnschuhen wettert er gegen den "Neoliberalimus und Imperialismus der USA".

Der 46-Jährige Evo Morales ist kein großer Redner, aber wo er auftaucht kommen Tausende. Und wo er kann, beschwört er die alten Werte seines Volkes; der Aymara-Indianer. Die indigene Bevölkerung des ärmsten Landes Südamerikas jubelt ihm zu. Zwei Drittel der rund neun Millionen Bolivianer fühlen sich als Indios. Sie hoffen durch Morales eine Stimme zu bekommen, die sie mit der Kolonialisierung durch die Spanier verloren hatten.

Wahlsieg bedeutet noch nicht Präsidentschaft

"Der am meisten verachtete, verhasste, erniedrigte Sektor hat jetzt die Fähigkeit, sich zu organisieren", sagte Morales kürzlich in einem Interview. Morales Sieg fiel deutlicher aus als erwartet. Sein Rivale, Jorge Quiroga, räumte seine Niederlage inzwischen ein. Der Ingenieur Quiroga, der im August 2001 für ein Jahr schon einmal Übergangspräsident war, ist schon rein äußerlich ein Gegenmodell zu Morales. Er ist weiß, aus gutem Haus, stets mit Krawatte und Anzug bekleidet. Der dritte Kandidat, Samuel Doria Medina, landete genauso abgeschlagen wie fünf weitere Kandidaten.

Bolivien Wahlen der Präsidentschaftskandidat der PODEMOS Jorge tuto Quiroga in Bolivien

Quiroga: hat Chancen bei einer Abstimmung im Kongress

"Laut Verfassung wird man in Bolivien Präsident, wenn man mehr als 50 Prozent der Stimmen erhält", sagt Roberto Laserna, Dozent an den Universitäten San Simon in Cochabamba (Bolivien) und Princeton (USA). Dies scheint Morales nun auf Anhieb geschafft zu haben. Andernfalls müsste der Kongress im Januar entscheiden.

Verstaatlichung der Erdgasressourcen

Wäre Morales gescheitert, wären die Unruhen im Land wohl wieder aufgeflammt. Morales war einer der Anführer der Protestwelle der armen indianischen Bevölkerung, die im Oktober 2003 Gonzalo Sanchez de Lozada aus dem Amt trieb. Bei den Unruhen gab es 60 Tote. Im Juni 2005 warf dann Präsident Carlos Mesa das Handtuch; der Präsident des Obersten Gerichts Eduardo Rodriguez sprang als Übergangspräsident ein.

Bolivien Protestaktion Gaskrieg El Alto Straßenblockade

Protestaktion im "Gaskrieg" 2003

Die zentrale Forderung der MAS ist die Verstaatlichung der Rohstoffindustrie. Bolivien hat nach Venezuela die größten Erdgasreserven Lateinamerikas und nach Morales Willen soll das bolivianische Volk und nicht ausländische Unternehmen von dem Reichtum profitieren. Lange Zeit mussten Konzerne wie Repsol YPF, British Gas oder Totalfina lediglich 18 Prozent Abgaben auf die Erdgaserlöse entrichten. Im Mai wurde dieser Anteil auf 50 Prozent erhöht. Morales will die komplette Kontrolle.

Kokabauer ist nicht gleich Drogenhändler

Ein gefährlicher Weg: Bolivien leidet nach Ansicht von Laserna am "Fluch der Ressourcen“ wie in vielen Afrikanischen Staaten: "Damit das Land von seinen Ressourcen profitiert, braucht man starke und gesunde Institutionen, sprich einen Rechtsstaat. Den haben wir nicht. Die Politik wird nicht vom Gesetz geregelt, sondern vom Druck der verschiedenen Interessensgruppen“, beklagt Laserna. Die Unternehmen haben ihre Investitionen inzwischen drastisch zurückgefahren. "Der lebenswichtige Erdgas-Markt droht, verloren zu gehen", so der Experte.

Bolivien Wahlen Indigo-Mann kaut Blätter der Kokainpflanze

Viele Indios kauen Koka-Blätter

Das Ausland ist skeptisch, was Morales angeht. Für die USA ist der Kokabauer aber vor allem deshalb ein rotes Tuch, weil er die Antithese der US-Drogenpolitik ist. Morales unterstützt den freien Anbau der Koka-Pflanze. Dagegen steckte die Bush-Regierung allein dieses Jahr 91 Millionen US-Dollar in die Bekämpfung des Kokaanbaus. Experten wie Laserna halten diese Politik für falsch: "Diese absolutistische Haltung hat nur dazu geführt, dass der Kokainhandel in die Hände der Mafia gefallen ist", sagt Laserna. Washington unterscheide nicht zwischen Kokabauern und Drogenhändlern und verkenne die Komplexität des Problems. Auch Martin Homola, der die Arbeit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Bolivien leitet, verweist darauf, dass die Koka-Pflanze ein traditionelles Produkt in Bolivien ist. "Kokablätter gibt es in jedem Supermarkt, man kaut sie oder macht Tee daraus."

Ob Morales dem aufgewühlten Andenstaat mehr Ruhe bringen wird, ist ungewiss. "Evo Morales hat vielen Gruppen viel versprochen, was er später wohl nicht einhalten kann", sagt Homola. Instabilität wird wohl Normalität in Bolivien bleiben. Seit dem Jahr der Unabhängigkeit 1825 gab es 83 Präsidenten und 200 Staatsstreiche.

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