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Folgen des Klimawandels

Klimawandel: Austern statt Kabeljau

Die Nordsee wird wärmer. Dafür sorgt der Klimawandel. Das lockt viele neue Arten an - doch andere Meeres-Bewohner leiden unter dem Temperaturanstieg.

Rauer Wind, wogendes Dünengras und schwarz-schillernde Miesmuscheln im Sand: Das sind eindeutige Merkmale für die Nordseeküste. Doch der Klimawandel macht sich auch hier bemerkbar - vor allem unter der Wasseroberfläche. Die Nordsee wird wärmer. Und das lockt viele neue Arten an, die sich bisher lieber in wärmeren Gefilden aufgehalten haben. 

Dazu gehört beispielsweise die Pazifische Auster. Der war es an der Nordsee bisher zu kalt. "Heute beherrscht sie im Prinzip das ganze Wattenmeer", sagt der Meeresökologe Christian Buschbaum. Er beobachtet von Sylt aus für das Alfred-Wegener-Institut bodennahe Organismen im Wattenmeer. Die Pazifische Auster brauche mehrere Wochen am Stück mindestens 18 Grad warmes Wasser, um sich vermehren zu können, erklärt er. Und die hatte das Wattenmeer in den vergangenen Jahren locker zu bieten: Nach Angaben des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) erreichte die durchschnittliche Wassertemperatur der Nordsee 2016 mit genau 11 Grad den zweithöchsten Wert seit 1969. Nur 2014 sei das Wasser mit 11,4 Grad noch wärmer gewesen, heißt es dort. 

Das hat zur Folge, dass aus einstigen Miesmuschelbänken zunehmend Austernriffe werden. Die Austern verdrängen die Miesmuscheln aber nicht, erklärt Buschbaum der DW: "Die Miesmuscheln verstecken sich zwischen den Austern, vor allem im unteren Bereich - das bietet ihnen sogar zusätzlichen Schutz vor Räubern," sagt er. Nur ein wenig Nahrungskonkurrenz könnte es geben, das sei aber nicht dramatisch für den Fortbestand beider Arten.

 

Miesmuschel - Mytilus trossulus (Imago/Bluegreen Pictures)

Miesmuscheln über Miesmuscheln - sie verstehen sich auch mit Austern gut

"Ökologische Schläfer"

Auch Sardinen und Sardellen fühlen sich in der Nordsee zunehmend wohler. Schon in den 1970er und 1980er Jahren kamen sie ganz vereinzelt in der Nordsee vor. Inzwischen hat sich die Sardine gut eingelebt, und auch Sardellen-Jungtiere zieht es immer öfter nordwärts.

"Ökologische Schläfer" nennt Meeresökologe Buschbaum die Lebewesen, die bei wärmeren Temperaturen in der Nordsee "erwachen" und sich gut fortpflanzen können. "Lange Frostperioden haben früher viele wärmeliebenden eingeschleppten Arten klein gehalten", sagt er. Doch in den letzten Jahrzehnten habe es deutlich weniger Eiswinter gegeben. Das habe die Bedingungen für manche Arten verbessert. 

Das gilt auch für die in den 1950er Jahren eingeschleppte Australische Seepocke und die seit den 1930er Jahren vorhandene Amerikanische Pantoffelschnecke. Es gibt sie schon lange in der Nordsee, doch wegen der strengen Winter brachen ihre Populationen regelmäßig zusammen. Das hat sich nun geändert und sie vermehren sich zusehends. "Es ist nicht auszuschließen, dass es noch mehr 'ökologische Schläfer' gibt", sagt Buschbaum der DW weiter. Welche das sein könnten und wann sie sich zeigen, sei abhängig davon, wie sich die Temperatur in der Nordsee weiter entwickelt. Je wärmer es wird, desto wahrscheinlicher ist auch dort das Aufkommen neuer Arten.

Australische Seepocke, Neuseelaendische Seepocke, Australseepocke, Austral-Seepocke, Elminius modestus, Modest barnacle (picture alliance/dpa/blickwinkel/F. Hecker)

Die Australische Seepocke fühlt sich auch in der Nordsee wohl

Den Nachteil hat der Kabeljau 

Doch nicht jeder Nordsee-Bewohner findet den Anstieg der Temperaturen gut. Der Kabeljau bekommt gleich von zwei Seiten Druck. Zum einen ist er stark überfischt, zum anderen wird es dem Kaltwasser liebenden Fisch in der Nordsee langsam zu warm. "Für den Kabeljau hat sich die Erwärmung in der Nordsee auf jeden Fall negativ ausgewirkt", sagt Wissenschaftlerin Anne Sell, die seit 2005 am Thünen-Institut forscht und regelmäßig im Winter oder im Sommer mit Forschungsschiffen auf mehrwöchige Nordsee-Tour geht. 

Die Nordsee ist für den Kabeljau die südliche Grenze seines Verbreitungsgebietes. Dennoch hat der Temperaturanstieg für ihn nicht nur Nachteile, denn auch in der Barentssee an der Grenze zum Polarmeer wird es wärmer. Deshalb wird immerhin der Lebensraum des Fisches nach Norden größer.

 

Neue Räuber-Beute-Beziehungen

Was bedeutet es nun für die Nordsee, wenn es noch wärmer wird und sich alt eingesessene Lebewesen den Raum mit neuen Arten teilen müssen? "Es wird Veränderung geben in der Wechselwirkung zwischen den Arten", sagt Buschbaum der DW. Das könnte sich beispielsweise auf die Räuber-Beute-Beziehung auswirken. Das heißt: Für Vögel und Krebse etwa stand bisher die Miesmuschel weit oben auf dem Speiseplan. Doch die Muscheln sind nun - dank der Austern - besser geschützt. Buschbaum und andere Forscher haben schon jetzt beobachtet, dass sie deshalb weniger gefressen werden. "Die Vögel und Krebse werden sich daran anpassen", sagt Buschbaum - wie sie das machen, ist allerdings noch unklar. "Es ist aber sicher, dass es da Veränderungen geben wird."

Mit Material von dpa

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