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Politik & Gesellschaft

Klimaschutz eingebaut in den Alltag

Um Kohlenstoffdioxid einzusparen, muss nicht nur die Industrie umdenken, sondern jeder Bürger. In einem Feldversuch sollen Kölner Haushalte klimafreundlicher leben, indem sie Gewohnheiten ändern - gar nicht so einfach!

Mann und Frau mit Fahrradkarte (Foto: DW)

Gabi und Kai Kording mit ihrer neuen Karte der Kölner Radwege

Auf dem Esstisch der Familie Kording steht neuerdings eine Karaffe mit Leitungswasser statt Mineralwasser in Kunststoff-Flaschen, das über Hunderte von Kilometern herantransportiert werden muss. Die Söhne trinken das Wasser aus dem Wasserhahn und auch Vater Kai hat keine Probleme damit. Nur Mutter Gabi hat Bedenken: Man lese doch immer wieder von Keimen und Umweltgiften im Leitungswasser, sagt sie. Aber andererseits, immer dieses schlechte Gewissen, wenn sie Säcke voller leerer PET-Flaschen zur Rückgabe bringt und der Automat den Kunststoff zerquetscht.

Sonja Pannenbecker, Beraterin der Verbraucherzentrale, rät der Familie bei Bedenken zur Wasserprobe: Dann wüsste Gabi Kording, wie gut ihr Trinkwasser wirklich ist. Pannenbecker ist zum zweiten Mal zu Besuch in dem Kölner Haushalt. Beim ersten Mal ist sie durchs Haus gegangen, hat Lampen, Elektrogeräte und Heizung inspiziert und viele Fragebögen und Checklisten mitgebracht. Die Kordings sind ein "Klima-Haushalt", einer von rund 90 in Köln, die Teil des Forschungsprojekts "KlimaAlltag" sind. Sie haben sich bereit erklärt, ihr tägliches Verhalten ein halbes Jahr lang Schritt für Schritt zu überprüfen und auf klimafreundlich umzustellen.

Klimaschutz geht alle Gesellschaftsschichten etwas an

Umweltpolitik spricht normalerweise die Mittelschicht an. Die "Klima-Haushalte" vertreten jedoch verschiedene Altersgruppen, Bildungs- und Einkommensschichten der Großstadt, die Kinder haben oder auch nicht. Ein Viertel der Teilnehmer sind Migranten. Manche haben sich schon immer für Öko-Themen begeistert, andere waren diesen gegenüber bisher gleichgültig. Die nordrhein-westfälische Verbraucherzentrale berät sie bei der Umstellung. Das Projekt wird von den Wissenschaftlern des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt am Main und von der Karl-Franzens-Universität in Graz begleitet.

Zwei Frauen, eine mit Kopftuch, sitzen vor einem PC (Foto: DW)

Stromfresser Computer - Beraterin Handan Anapa (links) und Özlem Mani setzen ihn auf Sparmodus

Ziel des Projekts, das auch vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt wird, ist es, das Klimaverhalten von normalen Verbrauchern zu analysieren und zu ändern. Nur wenn möglichst viele Menschen kohlenstoffdioxid-arm leben, können langfristige Reduktionsziele erreicht werden, so die Initiatoren des Projekts. Im Grunde genommen eine Philosophie, die bereits im alten Sprichwort "Kleinvieh macht auch Mist" beschrieben ist: Wenn jeder Haushalt in Deutschland auch nur eine Tonne Kohlenstoffdioxid (CO2) pro Jahr einsparen würde, dann würden pro Jahr gut 40 Millionen Tonnen CO2 weniger in die Atmosphäre gelangen. Der Feldversuch in Köln ist jedoch ehrgeiziger: Die Haushalte sollen ihre Emissionen um ein Viertel reduzieren.

Verhalten statt Technik

Pro Jahr und Kopf werden in Deutschland elf Tonnen Kohlenstoffdioxid erzeugt; mehr als die Hälfte von privaten Haushalten. Um den Energieverbrauch und die CO2-Emissionen langfristig zu senken, muss es nicht immer die Wärmedämmung oder das Elektro-Auto sein. Kleine Alltagsdinge tun es auch: Beim Kochen den Deckel auf den Topf legen, die Restwärme nutzen, öfter das Rad nehmen oder weniger Fleisch essen. "Uns geht es weniger um technische Maßnahmen", sagt der Leiter des Feldversuchs, Frank Waskow von der Verbraucherzentrale. "Wenn man die Heizung austauscht, dann ist es eine einmalige Entscheidung." Aber eine neue Heizung mache wenig Sinn, wenn man weiterhin falsch lüfte oder falsch heize. "Dazu gehört eine Verhaltensänderung", sagt Waskow. "Und wir wollen untersuchen, was die Motivation ist und welche Hemmnisse es gibt, warum die Leute bestimmte Sachen nicht umsetzen."

Bei den Kordings ist es mit der Mobilität so eine Sache. Die Familie wohnt in einem umgebauten Bauernhof, direkt hinter dem Garten liegen die Felder. Die Kinder nehmen für den Weg zur Schule oder zum Sport das Rad oder den Bus. Gabi Kording fährt oft mit dem Rad zur Arbeit und erledigt so ihre Einkäufe im Viertel. Kai Kording nimmt aber das Auto, um zu seiner Firma in der Innenstadt zu gelangen: Sonst müsste er morgens noch viel früher aufstehen. Er will dennoch einen Versuch wagen: Kai Kording muss beispielsweise samstags arbeiten, aber nicht so früh wie üblich da sein. "Da könnte ich samstags mit dem Fahrrad fahren. Wenn es gut funktioniert, nutze ich es vielleicht irgendwann unter der Woche."

Die Eheleute haben zwei Autos. Ein neues ist erstmal zu teuer, obwohl der alte Mercedes im Stadtverkehr ganze zehn Liter Benzin frisst. Die Kordings sind bereit, wo nur möglich, den Wagen stehen zu lassen. Aber nicht, wenn es um ihre geliebten Hobbys geht. Die Familienmitglieder treiben Mannschaftssport und fahren oft viele Kilometer zu Wettbewerben. Im Urlaub campen oder segeln sie - da sind sie auf das Auto angewiesen. Aber der große VW-Bus soll nicht leer durch die Gegend fahren: "Wir bilden Fahrgemeinschaften und nehmen zu den Wettbewerben meist mehrere Kinder mit."

Ein Viertel weniger CO2-Ausstoß

Frank Waskow, Verbraucherzentrale NRW (Foto: DW)

Frank Waskow von der Verbraucherzentrale NRW nutzt Rad oder Carsharing

Özlem Mani hat - wie die Hälfte der Kölner "Klima-Haushalte" - kein Auto. Für Großstadtbewohner sei das inzwischen ziemlich normal, sagt Experte Waskow: Stellplätze sind teuer, mit dem Rad kommt man schneller an und Bus und Bahn bieten ein dichtes Netz. Die junge Assistenzärztin Özlem Mani fährt täglich mit der Bahn zum Krankenhaus. Zu Hause nutzt sie Energiesparlampen, deren helles Licht, das so manchem ein Graus ist, sie sogar mag.

Mit ihrer Beraterin Handan Anapa geht Mani trotzdem die Checklisten durch. Und siehe da, auch bei Mani gibt es zu Hause eine große Klimasünde: Der Computer läuft ständig. Umso wichtiger, diesen Stromfresser auf sparsamen Modus einzustellen und ab und zu den Stecker zu ziehen. Sie sei einfach zu bequem dafür, sagt die junge Frau: "Ich persönlich möchte in erster Linie Sachen in meinem persönlichen Umfeld ändern, die einfach und alltagstauglich sind. Man kann nicht von jetzt auf gleich alle Lebensgewohnheiten umstellen."

Unterm Strich will der Feldversuch den CO2-Ausstoß in den drei Bereichen Energienutzung, Ernährung und Mobilität um ein Viertel senken. Für die einzelnen Teilnehmer gibt es keine konkreten Vorgaben. Zu unterschiedlich sind die Lebenslagen und die Motive, erklärt Projektleiter Waskow. Wer auf Ökostrom umstellt, spart sofort 50 Prozent CO2 ein. Die Fleischportion zu halbieren, bringt nur ein paar Prozent, fällt aber ungleich schwerer. "Unsere Klimaberater stellen schon fest", so der Leiter des Kölner Feldversuchs, "dass sich viele Menschen doch Gedanken über Klimaschutz und Kosteneinsparungen machen, dass ihnen häufig aber der letzte Impuls fehlt." Und den soll ihnen der "KlimaAlltag" geben.

Autorin: Matilda Jordanova-Duda
Redaktion: Helle Jeppesen

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