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Wissen & Umwelt

Klimaanpassung im Watt: Wachsen mit dem Meer

Der Klimawandel bedroht das Wattenmeer. Im Interview erklärt WWF-Referent Jannes Fröhlich, wie Anpassungen an den Meeresspiegelanstieg gelingen können - und warum Küsten- und Naturschutz Hand in Hand arbeiten müssen.

Das Ökosytem Wattenmeer ist in seiner Größe einmalig auf der Welt. Das von den Gezeiten geprägte Wattgebiet zieht sich entlang der Nordseeküste von Deutschland, den Niederlanden und Dänemark. 30 Prozent der Fläche steht periodisch unter Wasser. Im Watt, auf den Salzwiesen, Sandbänken und den Dünen leben rund 10.000 Tier- und Pflanzenarten. Seit 2009 ist das Wattenmeer Weltnaturerbe der UNESCO. Das Schleswig-Holsteinische Wattenmeer ist der mit Abstand größte Nationalpark Deutschlands. Doch der Klimawandel bedroht das fragile Ökosystem.

DW: Welche Folgen des Klimawandels bekommt das Wattenmeer aktuell zu spüren?

von WWF-Referent Jannes Fröhlich (J. Fröhlich / WWF).

WWF-Referent Jannes Fröhlich setzt sich für naturverträgliche Lösungen im Küstenschutz ein.

Jannes Fröhlich: Durch den Klimawandel erwärmen sich hier die Luft und das Wasser, außerdem steigt der Meeresspiegel. Hier sind die deutlichsten Folgen für das Wattenmeer zu erwarten. Beispielsweise wird es durch die steigenden Temperaturen in Zukunft immer seltener Eiswinter geben, die für den Lebensraum und die Fortpflanzung einzelner Tierarten von Bedeutung sind.

Wir bemerken bereits die Erwärmung des Wassers. So ist die Wassertemperatur im Wattenmeer seit den 1980er Jahren deutlich angestiegen. Auch ein Meeresspiegelanstieg ist hier schon zu beobachten. Im letzten Jahrhundert ist der Meeresspiegel um circa 20 Zentimeter angestiegen - und das wird sich durch den Klimawandel stark beschleunigen. Wir rechnen mit einem Anstieg von bis zu ca. einem Meter bis zum Ende des Jahrhunderts, und es gibt Studien, die von einem noch stärkeren Anstieg ausgehen.

Warum ist der Meeresspiegelanstieg gerade für das Wattenmeer so gefährlich?

Das Wattenmeer ertrinkt, wenn der Meeresspiegel zu schnell steigt. Wattflächen, die normalerweise bei Niedrigwasser trocken fallen, würden dauerhaft unter dem Meeresspiegel liegen. Einzigartige Lebensräume wie Wattflächen und Salzwiesen sind bedroht, Zugvögel verlieren Rastplätze und ihre Nahrungsgrundlage.

Bei den Salzwiesen rechnen wir damit, dass sie in der Fläche abnehmen. Wenn der Meeresspiegel höher liegt und häufiger Sturmfluten stattfinden, führt das zur Erosion der Salzwiesen. Das betrifft verschiedene Tier- und Pflanzenarten und führt zu einer Verkleinerung des Nationalparks Wattenmeer. Das wollen wir unbedingt verhindern.

Welche Möglichkeiten zur Klimaanpassung gibt es?

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten. Diskutiert wird vor allem das "Wachsen mit dem Meer". Wattflächen und Salzwiesen können mitwachsen, wenn der Meeresspiegel nicht zu schnell steigt, und sich Sand und Schlick absetzen können. Steigt der Meeresspiegel aber zu schnell, erodieren diese Flächen und das Wattenmeer hat nicht genug Sedimente zur Verfügung, um den Anstieg des Meeresspiegels abzupuffern. Entscheidend ist, dieses Mitwachsen des Wattenmeeres in Zukunft zu ermöglichen.

Fliegende Knutt bei Hooge-Ost (H.-U. Rösner / WWF).

Das Wattenmeer ist Rastplatz für Millionen von Zugvögeln

Auf der anderen Seite können wir noch Wattflächen und Salzwiesen renaturieren - Lebensräume, die vielleicht auch in der Vergangenheit schon verloren gegangen sind. Wir sollten unser Augenmerk darauf legen, Lebensräume im Wattenmeer zu erhalten und eben auch wiederherzustellen.

Das Land Schleswig-Holstein hat im letzten Jahr die "Strategie für das Wattenmeer 2100" für die Anpassung an den Klimawandel beschlossen, bei der auch der WWF mitgewirkt hat. Was konnte diese Strategie bisher bewirken?

Die Strategie orientiert sich, wie der Name schon sagt, an einem Zeithorizont bis 2100 und ist erst vor kurzem erstellt worden. Durch die Veröffentlichung ist eine Debatte in Gang gekommen. Das beeinflusst auch jetzt schon Entscheidungen und Forschungsaktivitäten und kleinere Pilotprojekte. Das Land Schleswig-Holstein bringt beispielsweise ein Forschungsvorhaben voran, um genauer die Sandumlagerung zwischen Sylt, Amrum und Föhr genauer zu untersuchen, weil diese wichtig für die Sedimentversorgung des Wattenmeers sind.

Außerdem wirkt sich die Wattenmeer-Strategie 2100 auf den praktischen Küstenschutz aus. Die Strategie sieht zukünftig vor allem einen "weichen" und naturnahen Küstenschutz vor, der die Natur möglichst wenig beeinträchtigt. Küstenschutz und Naturschutz müssen Hand in Hand gehen, um Lebensräume im Wattenmeer nicht zu beeinträchtigen.

Deich bei Dockkoog trennt Stadt Husum vom Wattenmeer (Foto: J. Fröhlich / WWF).

Der Deich zwischen der Stadt Husum und dem Wattenmeer soll naturverträglich verstärkt werden

In der Vergangenheit standen sich Küstenschutz und Naturschutz oft im Weg. Das Pilotprojekt zur Klimaanpassung im Wattenmeer (PiKKoWatt) des WWF soll das ändern. Wie gelingt das?

Mit dem vom Bundesumweltministerium geförderten Projekt PiKKoWatt wollen wir beispielhaft Klimaanpassung im Wattenmeer voranbringen. Wir beteiligen uns an Küstenschutzplanungen und setzen uns für die naturverträglichen Lösungen ein. Zum Beispiel will das Land Schleswig-Holstein einen Deich zwischen der Stadt Husum und dem Wattenmeer verstärken, um sich auf den Meeresspiegelanstieg vorzubereiten. Wir haben uns über ein Jahr lang mit allen Interessensvertretern und Fachleuten an einen Tisch gesetzt und beraten, an welcher Stelle man den Deich so naturverträglich wie möglich stärken sollte.

Was muss in Zukunft noch getan werden, um das Wattenmeer ausreichend vor dem Klimawandel zu schützen?

Die Sedimentversorgung des Wattenmeeres ist ein zentrales Thema. Das Wattenmeer leidet unter einem Mangel an Sedimenten wie Sand, wenn der Meeresspiegel hier in der Region zu schnell steigt. In Zukunft könnte es deshalb sinnvoll werden, zusätzliche Sedimente aus der Nordsee in das Wattenmeer einzubringen. Das ist eine Frage, auf die wir in Zukunft eine Antwort finden müssen, auch um zu klären, wie so etwas mit vertretbaren Umweltfolgen möglich ist. Wir wollen deshalb keine voreiligen Aktivitäten unterstützen, denn das oberste Gebot in einem solchen Nationalpark ist, Natur Natur sein zu lassen.

Jannes Fröhlich ist Referent im

Wattenmeerbüro des WWF

in Husum.

Das Interview führte Oleg Ködding-Zurmühlen.

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