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Kultur

Kleist - ein skeptischer Verhaltensforscher

Heinrich von Kleist schied mit 34 Jahren freiwillig aus dem Leben. Damals ein Außenseiter, gilt er heute als einer der ganz großen deutschen Dramatiker und Erzähler. Im Kleist-Jahr 2011 wird er bundesweit gewürdigt.

Heinrich von Kleist (1777-1811), Kopie (1831) nach der Originalminiatur von Peter Friedel von 1801 (Quelle: Kleist-Museum Pressematerial von Arte Fakt)

1777, in eben dem Jahr, in dem Heinrich von Kleist geboren wurde, errichtete man in seiner Heimatstadt Frankfurt nahe der Oder eine prächtige Garnisonsschule. Die hat die Wirren der Zeitläufte einigermaßen unbeschadet überstanden und beherbergt schon seit 1969 das Kleist Museum. Das ist berühmt für seine umfangreichen Bestände und gilt längst als kultureller Gedächtnisort von nationaler Bedeutung. Allein am Platz mangelte es zuletzt erheblich. Weshalb jetzt neben dem barocken Stammgebäude ein schlichter moderner Neubau entstehen wird, finanziert von der Stadt Frankfurt, dem Land Brandenburg und vom Bund.

Pressematerial von ArteFakt Kulturkonzepte: http://www.artefakt-berlin.de/projekt_kleist_jahr_2011.html#pressehier

Siegerentwurf Erweiterungsanbau Kleist-Museum, Lehmann Architekten GmbH Offenburg

Damit, sagte Kulturstaatsminster Bernd Neumann am Freitag (4.3.2011), bekenne sich der Bund zur nationalen Mitverantwortung für den Bereich der Kultur, zum Kleist-Museum, und vor allem "zu unserem Erbe als Kulturnation, für das Heinrich von Kleist in besonderem Maße steht".

Viel Ehre für einen Verehrten

Bernd Neumann war einer der Prominenten, die das Kleist-Jahr 2011 mit dem symbolischen ersten Spatenstich für den Museums-Anbau einleiteten. Für Frankfurt/Oder war das ein ganz besonderer Moment. Denn die kleine, nicht eben verwöhnte Grenzstadt zu Polen erhofft sich vom erweiterten Kleist-Museum nicht nur ein bisschen Glanz, sondern auch zusätzliche Gäste. Die sind natürlich schon in den nächsten Monaten herzlich willkommen - zu den Veranstaltungen des Kleist Jahres 2011, für das im gesamten Innenstadtraum geworben wird.

Skeptiker und Moralist

Bundesweit sind zahlreiche Veranstaltungen geplant, lokale Schwerpunkte dieses Kleist-Jahres aber werden seine Geburtsstadt Frankfurt/Oder und Berlin sein, wo der Dichter seine letzten Lebensjahre verbrachte und schließlich aus dem Leben schied. Dabei wollen sich die Veranstalter keineswegs mit einem in die Jahre gekommen Klassiker schmücken, sondern laden vielmehr zur Entdeckung eines höchst zeitgemäßen und aktuellen Dichters und Dramatikers ein.

Auf dem Foto zu sehen sind u.a. Kulturstaatsminister Bernd Neumann, Sabine Kunst, Brandeburgs Minsiterin für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Martin Wilke, der OB von Frankfurt/Oder und Hinrich Enderlein, der Vorsitzende des Vorstands der Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte e.V. Foto: Silke Bartlick

Spatenstich zum Erweiterungsbau des Kleist-Museums in Frankfurt/Oder.

Das Besondere an diesem Heinrich von Kleist sei natürlich sein großes spannendes Werk, seine Sprache, sagt Wolfgang de Bruyn, der Direktor des Kleist Museums in Frankfurt/Oder. Aber gerade in der heutigen Zeit mit den sich verschärfenden gesellschaftlichen Umbrüchen, werde sein Leben immer beispielhafter. Weil Kleist so ruhelos gewesen sei und immerzu gesucht habe - quer durch Europa nach Bildung, Arbeit, nach Liebe, Zuneigung, und vor allem nach sich selbst. Und Kleist sei, ergänzt Günter Blamberger, Germanist und Präsident der Heinrich von Kleist Gesellschaft, im Gegensatz zu anderen Dichtern um das Jahr 1800 eben kein deutscher Idealist gewesen sei, sondern vielmehr eine Art skeptischer Verhaltensforscher. "Kleist zeigt Helden, die im Alltag handeln und scheitern. Und eben keine Intellektuellen, keine Bildungsbürger, und er ist als großer Skeptiker und großer Moralist wirklich einzigartig in der deutschen Literatur."

Zeitgenosse Kleist

Eben deshalb steige laut Blamberger weltweit das Interesse am Werk von Heinrich von Kleist. Und eben deshalb ist er wohl auch für junge Menschen interessant. Oder sogar eine Herausforderung. Den Eindruck hat jedenfalls, wer unweit des Kleist-Museums durch eine weitläufige Plattenbauwohnung spaziert, die Frankfurter Schüler und Studenten in ein Gesamtkunstwerk verwandelt haben – in die sogenannte Kleist-Wohngemneinschaft. Dort wurde jeder Raum, angeregt von einer Lebensstation oder einem Zitat des Dichters, künstlerisch gestaltet: zum Arbeitsplatz eines Ruhelosen, zur Gefängniszelle, zum Meer des Lebens, in dessen Wogen ein einsamer Mann das Glück sucht.

Foto: Silke Bartlick

Installation in der Kleist-WG

Einige der jungen Künstler kann man bis Ende des Jahres immer mal wieder in der Kleist-WG treffen. Denn gelegentlich beteiligen sie sich an den Führungen durch die weitläufige Wohnung. Die hat übrigens auch schon viele Frankfurter angezogen, die mit dem Dichter bislang nichts am Hut hatten. Weil sie wissen wollten, was es mit den wandgroßen Comics auf sich hat, die man durch die trüben Fensterscheiben sehen kann und mit dem zimmerhohen Baum aus buchstabenübersätem Papier. Für Kinder, sagt die 14-jährige Laura, sei die WG ein Abenteuerspielplatz. Viele Erwachsene aber seien hier ganz still geworden und in sich gekehrt.

Autorin: Silke Bartlick

Redaktion: Sabine Oelze

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