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Kultur

Ein grandios gescheitertes Genie

Heinrich von Kleist steht in der Literatur immer noch im Schatten von Goethe und Schiller. Über den Menschen Kleist und dessen Werk haben wir mit Günter Blamberger von der Kleist-Gesellschaft gesprochen.

Günter Blamberger im Portrait (Foto: picture alliance/ Eventpress Hoensch)

Günter Blamberger

Günter Blamberger ist Professor für Deutsche Philologie (Neuere Literaturgeschichte, besonders des 18. und 19. Jahrhunderts) an der Universität zu Köln und Präsident der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft.

DEUTSCHE WELLE: Herr Blamberger, was fasziniert Sie an Heinrich von Kleist?

Günter Blamberger: Mich fasziniert an Heinrich von Kleist vor allem, dass er - anders als der deutsche Idealismus - keine melancholisch-grübelnden Helden hat, sondern tatsächlich Alltagsmenschen porträtiert, die in Krisen und Katastrophen geraten. Sie basteln dabei nicht an philosophischen Themenentwürfen – wie bei Schiller, Goethe oder Schlegel - sondern handeln und scheitern. Und Kleist ist für mich der größte Ausnahmefall in der deutschen Literaturgeschichte, da er mehr darauf achtet, wie sich Menschen tatsächlich verhalten, als wie sie sich verhalten sollen.

Man kennt ja heute - zumindest dem Namen nach - noch das "Käthchen von Heilbronn" oder den "Zerbrochenen Krug". Aber wie bekannt ist Kleist als Dichter heute tatsächlich?

Er ist viel bekannter als man es tatsächlich vielleicht annehmen könnte - im Ausland ist er im Übrigen auch bekannter als Goethe oder Schiller, gerade wegen seiner aktiv handelnden Helden, weil das Ausland mit den melancholischen deutschen Grüblern, die in die Innerlichkeit flüchten, gar nicht so viel anfangen kann. Aber er ist auch gerade unter der Jugend sehr beliebt. Ich erfahre es auch an der Universität. Wenn ich ein Seminar machen würde über Schlegel, Schiller oder Mörike, hätte ich etwa 20 Studenten, bei Kleist habe ich 100 bis 150. Er ist deswegen einfach attraktiv, weil er in seiner Fähigkeit, riskant zu leben, ohne ein festes Lebensprojekt, und auch riskant zu schreiben, ohne feste Entwürfe und Systeme, eigentlich der jetzigen Generation sehr nahe kommt, die auch so eine Art von Patchwork-Identität hat, wie Kleist sie selber hatte.

In Deutschland gelten Goethe und Schiller einfach als die deutschen Dichterhelden. Kleist ist aber ein Schriftsteller, der seine Protagonisten häufig scheitern lässt. Er selber ist in seinem Lebensweg in gewissem Sinne auch gescheitert. Ist das ein Grund, warum Kleist lange im Schatten der anderen großen "heroischen" Dichter stand?

Ich würde Ihnen erst einmal widersprechen – Kleist steht heutzutage nicht im Schatten von anderen. Beim Betrachten der Theaterspielpläne stellt man sofort fest, dass sehr viel mehr Kleist-Stücke aufgeführt werden als beispielsweise Dramen von Schiller oder Goethe. Das gilt auch für die Lehrpläne der Schulen oder für Veranstaltungen an Universitäten. Es ist eigentlich eine sehr bildungsbürgerliche Sicht, dass man Goethe und Schiller als "die Klassik" feiert und eigentlich vergisst, dass die Gegenklassik genauso prominent und wirkungsmächtig war seit der Moderne. Aber Sie haben vollkommen Recht - er galt in seiner Zeit als Gescheiterter, weil man nichts mit einer Dichtung anfangen konnte, in der eine wild gewordene Amazone namens Penthesilea ihren Liebhaber zusammen mit Hunden auffrisst. Das galt als geschmacklos, und die Werke Kleists galten als ebenso heillos wie der Dichter selber. Sein Selbstmord wurde eben auch dadurch erklärt.

Diese Auffassung zieht sich durch das ganze 19. Jahrhundert. Vor allem Goethe hat durch sein harsches Urteil über Kleist dafür gesorgt, dass dieser lange Zeit nicht im Kanon war. Und erst im 20 Jahrhundert, mit dem Beginn der Moderne - als ihn Kafka wiederentdeckte, oder Alfred Döblin, oder Thomas Mann - also mit dem 100. Todestag, da wird Kleist dann in den Kanon der deutschen Literatur aufgenommen. Inzwischen ist er längst in dem Weltliteratur-Kanon. Es gibt in diesem Jahr überall auf der Welt große Kongresse und man kann im Nachhinein nicht mehr sagen, dass man ihn als Gescheiterten sehen kann - wie er sich selber auch nicht gesehen hat, er wusste sehr wohl, was er konnte. Wir denken immer nur sein Leben von dem Freitod her, deshalb schildern wir es eine Krisenbiographie. Ich glaube, das Bild von Kleist muss einfach zurechtgerückt werden. Er ist ein Gegenklassiker, der größte Moralist in der deutschen Literatur - und das ist selten, weil wir immer nur Bildungsidealisten hatten - und er ist jemand, der auch faszinierend für unsere Gegenwart schreiben kann.

Sie haben selber eine Kleist-Biographie verfasst und sagen, das Bild von Kleist müsse zurechtgerückt werden. Wo geschieht das?

Ich habe versucht, meine Kleist-Biographie eben nicht aus der Perspektive seines Todes zu schreiben, um nicht sein ganzes Leben unter den Verdacht der Melancholie und des Scheiterns zu stellen. Stattdessen habe ich gezeigt, wie jemand in eine Krisenzeit um 1800 gerät, wo ganz Europa in Aufruhr ist durch die Napoleonischen Eroberungen, die ständische Gesellschaft vollkommen entsichert wird und auch alle Sicherheiten des Alltagslebens nichts mehr gelten. Und wenn dann jemand beginnt, ganz riskant zu leben und mit Laufbahnen zu experimentieren und von Projekt zu Projekt wandert - also Student ist, Militärkarriere macht, die für Adlige vorgeschrieben war, dann Bauer in der Schweiz werden will, eine bürgerliche Ehe anstrebt, die die aristokratische Verlobte auch nicht mitmacht, der erste Boulevardjournalist wird –und so weiter. Das ist ein durchaus spannendes Leben, wo jemand auch Fragmente aus der Zukunft entwirft, die zum Teil, was naturwissenschaftliche und technische Ideen betrifft, an Science Fiction erinnert, an Jules Verne. Er will einen Kanal durch die Erde bohren und skizziert das erste U-Boot.

Bisher wurde kaum gewürdigt, was für ein experimenteller Charakter er war. Und das gilt eben auch für die Literatur - er ist jemand, der als Moralist zu entdecken ist, der die Dinge so beschreibt, wie sie sich tatsächlich verhalten. Das Sensationelle an seinen Figuren ist ja, dass sie permanent sozusagen die Stimmnungen wechseln, im Charakter kippen, also unberechenbar sind - dass Penthesilea in einem Moment liebt und im nächsten tötet. Solche Kipp-Figuren kennen wir ja auch heute – wenn wir so plötzliche Identitätswechsel erleben, dass zum Beispiel einen Hamburger Geographiestudenten, den man jahrelang erlebt hat als Kommilitonen, plötzlich dabei sieht, wie er in die Twin Towers rast mit dem Flugzeug - das ist etwas ganz Unheimliches, dass Seelen nicht berechenbar sind, dass es überhaupt keine Kontrollpläne gibt, um jemanden zu kalkulieren, auch keine Lebenspläne, die wie Reisepläne bis ans Ende funktionieren. Das alles hat er beschrieben: ein völlig riskantes experimentelles Dasein. Und ich glaube, das wird noch lange faszinieren. Hätte er sich nicht für den Freitod entschieden, sondern weiter geschrieben, glaube ich, dass sich Kleist von vorneherein einer größeren Geltung erfreut hätte als Goethe oder Schiller.

Das Gespräch führte Klaus Gehrke

Redaktion: Conny Paul