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Globale Zusammenarbeit

Kleinbauern statt Agrarindustrie

Nichtregierungsorganisationen warnen: Die Förderung von großen Investitionen der Privatwirtschaft in die Landwirtschaft löst das globale Hungerproblem nicht. Stattdessen sollte man Kleinbauern stärker unterstützen.

Eine Milliarde Menschen auf der Welt hungern - die meisten von ihnen sind Kleinbauern. Was auf den ersten Blick paradox erscheint, ist die Folge der Vernachlässigung der Landwirtschaft, sowohl in den Entwicklungsländern selbst als auch in der Entwicklungszusammenarbeit. "Kleinbauern erhalten wenig Unterstützung, um ihren Zugang zu Land und Wasser zu verbessern. Sie bekommen kaum Zugang zu Beratungsdienstleistungen, zu Saatgut und Krediten", erklärt Marita Wiggerthale, Expertin für Welternährung und globale Handelsfragen von Oxfam Deutschland im Interview mit der DW. Preisschwankungen auf den Weltmärkten sowie Dürren und Überschwemmungen infolge des Klimawandels kommen verschärfend hinzu, gibt Wiggerthale zu bedenken. "Und die Geldgeber sowie die großen Organisationen legen einen immer größeren Fokus auf die Förderung guter Rahmenbedingungen für Privatinvestitionen, für große Investoren, statt für Kleinbauern."

Anlässlich des Globalen Forums für Nahrung und Landwirtschaft am Rande der Grünen Woche in Berlin bezeichnete das Bundeslandwirtschaftsministerium die "enge Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Investoren" als "Schlüssel für eine erfolgreiche Entwicklungszusammenarbeit in der Agrarpolitik".

Soja-Ernte auf einer Plantage in Brasilien (Foto: Getty Images)

Soja-Anbau in Brasilien: Einst Kleinbauernland jetzt Agrarindustrie-Acker

Auch in den Leitlinien zur Förderung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, die das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Anfang 2012 verabschiedet hat, heißt es explizit: "Wir fördern die Entfaltung privatwirtschaftlicher Initiative und den Aufbau von Wertschöpfungsketten im ländlichen Raum." Das Konzept betont dabei, dass vor allem Maßnahmen und Investitionen unterstützt werden sollen, "bei denen Kleinbauern Zugang zu Märkten, beruflicher Qualifizierung und Finanzdienstleistungen erhalten".

Oxfam: Politik geht von falschen Voraussetzungen aus

Hier setzt die Kritik von Oxfam an. "Es wird einige Kleinbauern geben, die in der Lage sind, sich in moderne Wertschöpfungsketten zu integrieren und Kooperationen mit größeren Konzernen einzugehen, beispielsweise in Form von Vertragsanbau", sagt Marita Wiggerthale. Die Oxfam-Expertin gibt aber zu bedenken, dass "das Heer der Kleinbauern formal überhaupt nicht organisiert" ist. Voraussetzungen wie Zugang zu Märkten, Krediten und Saatgut müssen durch den Staat geschaffen werden, so die Forderung von Oxfam.

Marita Wiggerthale, Agrarexpertin der Entwicklungsorganisation Oxfam (Foto: Heiner Kiesel / DW)

Marita Wiggerthale: "Der Staat muss bessere Voraussetzungen schaffen"

Stattdessen setzen die Initiativen der staatlichen Entwicklungshilfe verstärkt auf die Rolle der Agrar- und Ernährungsindustrie. Zu den Mitgliedern der "G8-Allianz für Nahrungsmittelsicherheit" oder der "Deutschen Initiative für Agrarwirtschaft und Ernährung in Schwellen- und Entwicklungsländern" (DIAE) zählen Unternehmen wie Bayer, BASF, Monsanto, Nestle und Syngenta. Erklärtes Ziel dieser Initiativen ist es, das Wachstum der Landwirtschaft zu fördern und so einen Beitrag zur Ernährungssicherheit zu leisten. Oft werde jedoch genau das Gegenteil bewirkt, so Gertrud Falk von der Menschenrechtsorganisation FIAN Deutschland: Unternehmen "investieren nur in Landwirtschaft, wenn sie Rechtssicherheit haben", gibt sie zu bedenken. Das führe dazu, "dass Entwicklungsländer traditionelle Rechtssysteme in formelle Rechtssysteme umwandeln. Dann werden Landtitel geschaffen, die gekauft werden müssen. Gerade die Armen, die Hungernden, haben oft nicht das Geld, um diese Titel zu kaufen".

Besonders für Frauen sei diese Entwicklung fatal, erläutert Gertrud Falk: "In traditionellen Gesellschaften haben sie oft keinen Zugang zu Land. Wenn sie kein Land besitzen, bekommen sie auch keine Kredite." Dabei spielen Frauen in der Landwirtschaft eine wichtige Rolle. Allein in Afrika werden mehr als 90 Prozent der Grundnahrungsmittel und über 30 Prozent der Marktfrüchte von Frauen produziert. In den meisten Ländern stellen sie 70 bis 80 Prozent der Arbeitskräfte in kleinbäuerlichen Betrieben.

Eine Frage der Verteilung

Kleinbauern verkaufen ihre Ernte auf dem Markt in Mopeia in der mosambikanischen Provinz Zambézia (Foto: Estácio Valoi / DW)

Vermarktung: Kleinbauern brauchen Zugang zu den Märkten

Die Antwort auf den Hunger in der Welt sei nicht die Produktionssteigerung durch Investitionen der Agrarindustrie, sagt Falk. "Es werden weltweit Nahrungsmittel produziert, die neun Milliarden Menschen versorgen können." Das Problem sei vielmehr die Verteilung der Lebensmittel und der Zugang zu den lokalen Märkten. Als Beispiel verweist sie auf Uganda, ein fruchtbares Land, das auch seine Nachbarstaaten noch mit versorgen könne. "Aber den Bauern fehlt die Infrastruktur. Dort wird täglich Milch in großen Mengen weggeschüttet, weil sie nicht auf den Markt gebracht werden kann, weil es keine Elektrizität gibt, um sie zu kühlen. Das sind Probleme, die zu Hunger führen", erläutert Falk.

Ein weiteres Problem als Folge der Ausdehnung der Agrarindustrie sei das Landgrabbing: "Mit Unterstützung der Regierung nehmen große Investoren der lokalen Bevölkerung Land weg." In der Agrarindustrie entstehen neue Arbeitsplätze, räumt Falk ein, "was viele Entwicklungsländer ja auch wirklich brauchen". Aber oft sei der Lohn "sehr viel geringer als das Einkommen, das die Betroffenen durch eigene Landwirtschaft hätten erwirtschaften können".

UN will Rechte von Kleinbauern stärken

Weltweit gibt es ungefähr 500 Millionen kleinbäuerliche Betriebe, die zwei Milliarden Menschen mit Nahrungsmitteln versorgen. Dass die Unterstützung von Kleinbauern wirtschaftlich und gesellschaftlich sinnvoll ist, hat Brasilien mit seinem "Null-Hunger-Programm" bewiesen: Die für die Schulspeisungen benötigten Lebensmittel werden ausschließlich bei lokalen Bauern eingekauft - das hilft gleichzeitig Schulkindern und Kleinbauern. Dennoch, sagt Marita Wiggerthale von Oxfam Deutschland, seien in Brasilien allein in den Jahren 2009 und 2010 "sechs Mal mehr öffentliche Ausgaben in den Agrobusiness-Sektor geflossen als in die kleinbäuerliche Landwirtschaft". Mit den bekannten Folgen: Landkonzentration, Vertreibung von Kleinbauern, Verlust von Artenvielfalt und Degradation der Böden.

Der UN-Menschenrechtsrat arbeitet derzeit an einer Erklärung über die Rechte von Bauern und anderen Menschen, die in ländlichen Gebieten arbeiten. Ausgangspunkt ist eine entsprechende Resolution, die der Menschenrechtsrat auf seiner Sitzung im September 2012 verabschiedet hat - gegen die Stimmen der EU und der USA. "Wir erhoffen uns davon eine Wirkung, die ähnlich wie bei der Erklärung der Rechte der indigenen Bevölkerung zu einem Bewusstseinswandel führt, damit die Rechte von Kleinbauern und ländlicher Bevölkerung stärker respektiert werden", sagt Falk.