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Global Ideas

Die teuren Folgen des Klimawandels

"Katrina" oder "Sandy": Harmlose Namen für extreme Wetterereignisse, die enorme wirtschaftliche Schäden hinterlassen. Mit Mikro-Versicherungen soll es auch Armen möglich werden, sich abzusichern.

Satellitenfoto zeigt die riesige Wolkenspirale des Sturms mit dem Auge in der Mitte (Quelle: NOAA)

Der Hurrikan "Katrina" richtete Ende August 2005 im Südosten der USA enorme Schäden an

Sie tragen harmlose Namen wie "Katrina" oder "Sandy", werden fast schon verniedlichend "El Niño" (span. "das Kindchen") oder "La Niña" (span. "das Mädchen") genannt. Doch extreme Wetterereignisse hinterlassen nicht nur menschliches Leid, sondern auch enorme wirtschaftliche Folgen.

Arme verlieren ihr Leben, Reiche ihren Wohlstand

Knapp anderthalb Millionen Menschen sind in den letzten drei Jahrzehnten den immer extremeren Launen des Wetters zum Opfer gefallen. 60 Prozent derer, die Stürme, Überschwemmungen oder Dürreperioden mit dem Leben bezahlten, lebten in den ärmsten Weltregionen und hatten kaum etwas anderes zu verlieren: Nur zehn Prozent der Sachschäden entfallen auf sie. Jeder zweite Schadensfall betrifft jedoch das Hab und Gut der Menschen in den Industrieländern.

Durch den Klimawandel häufen sich extreme Wetterlagen wie Stürme, Überschwemmungen oder extreme Temperaturen: Die menschlichen und wirtschaftlichen Folgen werden gravierender. Bevölkerungswachstum, komplexere Infrastruktur in den Städten und wachsender Wohlstand in den Industrienationen verschärfen den Trend, denn sie bedeuten mehr potenzielle Opfer und noch höhere Schäden.

Ein Mann sitzt auf dem Holztrümmern eines völlig zerstörten Hauses (Quelle: AP)

Extreme Wetterphänomene treffen vor allem die Armen

Der weltgrößte Rückversicherer "Munich RE" beziffert die weltweiten Schäden durch extremes Wetter von 1980 bis 2011 auf insgesamt 2,6 Milliarden US-Dollar. Davon entfiel mehr als die Hälfte auf Unwetter wie Stürme. Knapp ein Drittel waren so genannte hydrologische Ereignisse, zu denen unter anderem Überschwemmungen zählen. 17 Prozent der Schäden gingen auf das Konto von Ereignissen wie Dürre und Hitze. Es sind Schäden, für die auch Versicherungen einspringen müssen, doch die ständig steigenden Ausgaben gefährden langfristig ihr Geschäftsmodell. Daher sind auch sie, gemeinsam mit wissenschaftlichen Instituten in der Ursachenforschung aktiv, vor allem Rückversicherer, die weltweit agieren und Risiken übernehmen, die ein durchschnittliches Ausmaß überschreiten.

Datensammlung belegt Klimawandel

Seit den 70er Jahren führt "Munich RE" eine eigene Abteilung zur Erforschung von Risiken, die im Zusammenhang mit Naturereignissen stehen. Seit 1980 werden sie in einer Datenbank erfasst. Inzwischen sind rund 30.000 Einträge vorhanden. Es handelt sich nach Angaben des Unternehmens um die weltgrößte Sammlung dieser Art. "War es am Anfang nur ein Gefühl, häufen sich die Indizien: Der Klimawandel lässt die Zahl der Schäden rapide steigen", sagt Peter Höppe, Leiter der Abteilung Georisikoforschung bei "Munich RE". Während das Ausmaß der geologisch bedingten Ereignisse, etwa durch Erdbeben, gleich geblieben sei, habe sich die Zahl der wetterbedingten Naturkatastrophen in den vergangenen drei Jahrzehnten verdreifacht. "Das deutet darauf hin, dass sich in der Atmosphäre etwas verändert haben muss", so der Wissenschaftler.

Kooperation mit Klimaforschern

Unterstützung bekommt Peter Höppe vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK), mit dem "Munich RE" seit Jahren eng zusammenarbeitet. Es liefert Informationen über die globalen Klimaveränderungen und die möglichen Auswirkungen auf Mensch, Natur und Wirtschaft. "Vorhersagen sind nicht möglich", so PIK-Klimaforscher Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe. Aber man könne Modellszenarien liefern, mit denen die Versicherer ihr Geschäftsmodell bewerten können. "Etwa nach dem Motto: Wie hoch ist das Risiko, wenn ich ein Haus an einem Fluss versichere", sagt Gerstengarbe. Es ginge auch darum zu prüfen, ob die Fälle tatsächlich mit Klimawandel zu tun haben. Dabei müsse die Gesamtheit und nicht jeder einzelne Sturm betrachtet werden, das mache die Angelegenheit schwierig, so der Klimaforscher. Der Aufwand lohne sich aber, denn mit den Ergebnissen könnten Folgen des Klimawandels minimiert werden.

Flussbett im Vordergrund ausgetrocknet, im hinteren Bereich noch wasserführend (Quelle: NOAA)

Klimawandel und intensive wirtschaftliche Nutzung: Eine folgenschwere Kombination

Beispiel Südafrika: Die wirtschaftliche Nutzung des Orange Rivers, einer der wichtigsten Flüsse des Landes, ist an der Kapazitätsgrenze. "Wenn es durch den Klimawandel noch weniger Wasser gibt, dann hat man ein massives Problem", sagt Gerstengarbe. Das PIK hat im Rahmen eines Projektes untersucht, wie sich der Niederschlag entwickelt hat. Die Leute vor Ort könnten dann entscheiden, was getan werden muss, z.B. ob und wie Wasser gespeichert wird oder wie eine effiziente Nutzung aussehen könnte.

Datenbank im Internet

Ein weiteres Projekt wird online umgesetzt. Das Potsdamer Institut baut derzeit eine Internet-Plattform auf, die Informationen über den Klimawandel und dessen Folgen liefern soll. Unter klimafolgenonline.com werden zunächst für Deutschland Daten bis zur Kreisebene angeboten. "Wird es trocken, wird es feuchter, muss ich mit mehr oder weniger Niederschlag rechnen? Landwirte oder die Regierung können dieses Wissen als Grundlage für ihre Entscheidungen verwenden", sagt Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe. Künftig, so plant das Institut, soll diese Plattform ausgebaut und weltweit angeboten werden.

Ein Holzhaus in einer Halle, das im hinteren Teil eingestürzt ist (Quelle: IBHS)

Beim IBHS wird erforscht, wie Häuser auf heftige Winde reagieren

Die Versicherer haben indes ein großes Interesse daran, dass die Auswirkungen des Klimawandels verringert werden, schließlich ist ihr Geschäft dadurch betroffen. Die "Munich RE" fördert deshalb unter anderem einen Sturmsimulator des US-Versicherungsinstituts IBHS. In dem Windkanal wird das Verhalten von Modellhäusern bei heftigen Stürmen untersucht. Die hierbei gewonnenen Erkenntnisse können dann künftig in den Gebäudebau einfließen. Auch beim Thema „Hochwasserschutz“ will der Rückversicherer Einfluss nehmen und engagiert sich in verschiedenen Gremien, um Präventionsmaßnahmen voranzutreiben. Darüber hinaus gründete "Munich RE" im April 2005 die "Munich Climate Insurance Initiative" (MCII, siehe Infobox). Im Fokus hierbei sollen vor allem diejenigen stehen, die normalerweise kaum Geld für eine Versicherung haben. Denn auch wenn sie in der Statistik mit geringeren Schadenssummen auftauchen, sind sie bei Schäden besonders hart betroffen, da sie ohnehin oft am Existenzminimum leben.

Hilfe für die Armen, nicht ohne Hintergedanken

Dass ein Eigeninteresse dahinter steckt, ist offensichtlich: Denn in Zeiten des Klimawandels sind Elementarversicherungen ein Wachstumsmarkt. Und in diesem will man schon frühzeitig Claims abstecken. Die Initiative setzt sich dafür ein, dass beispielsweise Landwirte oder Fischer in Schwellen- und Entwicklungsländern die Möglichkeit bekommen, sich mit so genannten Mikro-Versicherungen vor dem finanziellen Ruin nach Wetterkatastrophen zu schützen. Diese könnten durch Abgaben der Industriestaaten finanziert werden, schließlich sind diese maßgeblich für den Klimawandel verantwortlich.

So entwickelt die MCII unter anderem mit Unterstützung des Bundesumweltministeriums ein Versicherungskonzept in der von Hurrikans geplagten Karibik. Ziel ist der Schutz von Kleinbauern und Tagelöhnern vor dem Verlust ihrer Existenzgrundlage. Die "Munich RE" hat darüber hinaus gemeinsam mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und einer örtlichen Versicherungsgesellschaft in den Philippinen, das oft von sintflutartigen Niederschlägen und Stürmen heimbesucht wird, eine so genannte Wetterindex-Mikroversicherung eingeführt. "Bereits kleine Auszahlungen reichen, um etwa Saatgut zu kaufen, und die Existenz zu erhalten", so Höppe.

Autor: Po Keung Cheung
Redaktion: Ranty Islam