Klein-China in Italien | Europa | DW | 10.11.2015
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Europa

Klein-China in Italien

Der Papst besucht heute Prato. In der toskanischen Industriestadt wird Franziskus wohl einmal mehr auf das Leid ausgebeuteter Arbeiter aufmerksam machen. Hier trifft es vor allem Chinesen, wie Megan Williams berichtet.

Eine chinesische Textilfabrik im toskanischen Prato steht zwar nicht auf dem Besuchsprogramm von Papst Franziskus, doch eine Begegnung mit der "Welt der Arbeit". Bei dieser Gelegenheit dürfte er auch mit chinesischen Textilarbeitern zusammenkommen. Der Kampf gegen alle Formen moderner Sklaverei ist ihm ein Anliegen.

Nach dem einstündigen Besuch in Prato fliegt Franziskus im Hubschrauber ins benachbarte Florenz weiter. Dort hält er nach einem Besuch im Baptisterium eine Rede vor der fünften nationalen Versammlung der katholischen Kirche Italiens. Dabei dürfte er auch Grundsatzfragen zur Zukunft der Kirche des Landes thematisieren. Das Mittagessen nimmt der Papst in einer Armenküche gemeinsam mit Bedürftigen ein. Am Nachmittag feiert er mit Zehntausenden eine Messe im Stadion. Am frühen Abend wird er im Vatikan zurückerwartet. Der eintägige Besuch ist die zehnte inneritalienische Reise des Papstes seit seinem Amtsantritt im März 2013.

Megan Williams mit einer Reportage aus Prato: Es war Winter, ein früher Morgen im Jahr 2011, als ich auf der Rückbank eines italienischen Polizeiwagens an einer Reihe niedriger Backsteingebäude vorbeifuhr. Die sogenannten "Hallen", kleine Fabriken, säumten die Straßen im Industriegebiet von Prato. Wir waren unterwegs in der Toskana, nordwestlich von Florenz.

Prato war einst führend in der Produktion hochwertiger Wollwaren. Noch im Jahr 2000 exportierte die Stadt Textilien im Wert von sieben Milliarden Euro. Doch die Konkurrenz aus Osteuropa, Afrika, Bangladesch und natürlich China machte Druck. Dort ist Arbeit billig und dorthin zogen auch die Reste von Pratos Textilindustrie, nachdem zuvor die Hälfte der Fabriken hatte schließen müssen.

Italien - Textilfabrik Prato, Chinesische Arbeiter

Heißer Dampf und wenig Pausen - chinesische Arbeiter in Prato

In die alten Gebäude zogen Textilproduzenten aus China, für die Arbeitsschutz oft ein Fremdwort war. Die Behörden versuchten, dagegen anzugehen, meist mit spärlichem Erfolg. Auch der Polizeiwagen, in dem ich saß, war auf dem Weg zu einer Razzia. Ziel: eine der vielen hundert Klitschen, in denen die chinesischen Arbeiter an Nähmaschinen schwitzten und emsig günstige Kleidung schneiderten. Kleidung, die die Europäer gern und viel kauften.

Kein Licht, viel Schmutz

Die Polizisten stießen eine Seitentür auf und ich ging hinter ihnen her in einen Raum, groß wie eine Turnhalle, vollgestopft mit Nähmaschinen, der Boden übersät von Stoffresten, die Fenster - zugeklebt mit schwarzer Plastikfolie. In einer Ecke sollten schnell zusammengezimmerte Spanplatten Zwischenwände bilden. Eine Küche, ein Bad, viel Schmutz.

Italien Fabrik in Prato

Prada aus Prato? Nein, nicht echt, sondern nachgemacht

Rund 20 junge Leute tauchten aus dem Dunkel auf, rieben sich die Augen - eher verwundert als verängstigt. Die Polizei sah sich ihre Pässe an. Drei der Arbeiter hatten keine Aufenthaltserlaubnis. Widerwillig stopften sie Kleidung, Computer, Woks und Tiefkühlnahrung in große Plastikbeutel. Mit einer dicken Kette wurde die Fabriktür verschlossen. Plötzlich tauchten Autos auf, die Arbeiter stiegen ein, vermutlich wurden sie in eine andere Fabrikhalle gebracht.

Sieben Tote zwischen Sperrholzplatten

Rund 2000 ähnliche Aktionen hat die Polizei seit 2008 durchgeführt, rund die Hälfte der besuchten Fabriken hat sie dichtgemacht wegen Verstößen gegen Arbeitsschutz und Sicherheitsbestimmungen. Jeder weiß, dass die Betreiber dann einfach zum nächsten Gebäude ziehen und unter anderem Namen weitermachen wie zuvor. Schlagzeilen aus Prato? Zuletzt gab es die 2013, da brannte eine der "Hallen", sieben Arbeiter starben in ihren Sperrholzverschlägen.

Italien - Textilfabrik Prato, Feuer (Foto: EPA/CLAUDIO GIOVANNINI)

Sieben Menschen starben 2013 bei einem Brand in einer der Produktionshallen

Das führte immerhin dazu, dass die Behörden ihre Kontrollen verstärkten. Es gab fünf Anklagen wegen Totschlags, auch die zwei Italiener, denen das Gebäude gehörte, kamen vor Gericht. Die Justizminister Italiens und Chinas vereinbarten bessere Zusammenarbeit im Kampf gegen das organisierte Verbrechen. Doch, so sagt Mafia-Ermittler Franco Roberti, die Gruppe der Chinesen in Prato ist "eng gestrickt und schwer zu durchdringen."

Import, Export, Missgunst

Etwa jeder fünfte der knapp 200.000 Einwohner Pratos soll aus China stammen. So viele wie sonst nirgendwo in Europa. Es gibt Konflikte, angefangen bei den Restaurants, die vielen Italienern zu laut sind und zu lang geöffnet haben, bis hin zu Neid und Missgunst gegenüber chinesischen Geschäftsleuten, die ihren neuen Reichtum zeigen und die dicksten Autos fahren.

Marco Wong ist hier im Import-Export tätig, geboren und aufgewachsen in Italien. Er sagt, dass meistens die Chinesen das Nachsehen haben, wenn es Streit gibt. Neulich erst sei das wieder so gewesen, als auf der Straße vor einem chinesischen Restaurant eine Schlägerei ausbrach. "Die Behörden haben den Italienern natürlich ihre Version der Geschichte abgenommen und kurz danach das Restaurant einer Überprüfung unterzogen. Viele Chinesen sehen das als Zeichen dafür, dass sie hier verfolgt werden."

Chinesische Textilindustrie in Prato (Foto: DW/Shitao Li)

Chinesische Läden sind nicht schwer zu finden in Prato

Wong versucht, den Chinesen in Prato politisches Gewicht zu verleihen. Zweimal hat er schon für den Stadtrat kandidiert auf der Liste der Linken - zweimal hat er verloren. Vor sechs Jahren bekam er 24 Stimmen, im vergangenen Jahr waren es 241. "Es gibt jetzt mehr chinesisch-stämmige Bürger, die einen italienischen Pass haben", sagt er. "China erlaubt keine doppelte Staatsbürgerschaft. Deswegen sind das Menschen, die wirklich hier bleiben wollen."

18 Stunden, sieben Tage

Doch auch Fortschritte sind zu sehen, ganz langsam. Der Verband kleiner und mittelständischer Handwerksbetriebe hat angekündigt, chinesischen Unternehmen, die ihre Betriebe in Prato anmelden, besser zu beraten, besonders zu den Themen Gesundheit und Sicherheit. Trotzdem wird es weiterhin schwierig sein, zu verhindern, dass chinesische Arbeiter illegal einreisen. Genauso wie der Abfluss von Milliarden an unversteuerten Euro in Richtung China kaum zu verhindern ist.

Teil des Problems: vielen der Arbeiter ist nicht klar, dass sie hier ausgebeutet werden. Schließlich arbeiten sie unter ähnlichen Bedingungen wie in China - verdienen aber mit zwei bis drei Euro in der Stunde locker das Doppelte.

Bei meinem letzten Besuch in Prato traf ich den 28-jährigen Textilarbeiter Wei Dingwen. Er arbeite sieben Tage die Woche, 18 Stunden pro Tag für etwa 40 Euro Tageslohn, so Dingwen. Das erste Jahresgehalt gehe komplett an die Schlepper, die ihn hergebracht hätten. Dann sagte er mir, mit einem Lächeln im Gesicht, dass er seine Arbeit gern habe. "Denn Arbeit bedeutet Geld."

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