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Kultur

Klassik sucht Liebhaber

Opern- und Klassikmusik verkauft sich wieder etwas besser. Doch die gestiegenen Umsätze sind eher einigen wenigen Popstars des Genres zu verdanken. Klassik Anno 2004: Ein Nischenphänomen mit großen Nachwuchsproblemen.

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"Sex sells" gilt auch für Operndiven

"Wenn es nach mir ginge, würden wir zweimal pro Woche eine Oper zur Primetime senden." Diese Meinung vertrat der Programmchef eines großen deutschen Privatfernsehsenders am Rande der Funkausstellung 2002 in Berlin. Wieso er es aber nicht, begründete er gleich im Anschluss: "Nur leider interessiert sich dafür niemand. Wir hätten unter einem Prozent Marktanteil." Mitte Dezember 2004 erreichte der Auftritt der Opernsängerin Anna Netrebko mehr als 14 Millionen Deutsche, 47 Prozent Marktanteil gab es für "Wetten, dass…?" im ZDF. Die meisten Zuschauer dürften wegen Robbie Williams und Kylie Minogue eingeschaltet haben.

Die russische Sopranistin sang eine Arie aus "Gianni Schicchi" und wurde danach mit Komplimenten für ihre Schönheit überhäuft - vom Moderator Thomas Gottschalk und vom Mitgast Robbie Williams. Der Fall Netrebko ist exemplarisch für Chancen und Dilemma der klassischen Musik und der Oper.

Stars verhindern weiteren Abstieg

In den ersten drei Monaten des Jahres 2004 stiegen die Plattenverkäufe laut deutschem Phonoverband ifpi im Bereich Klassik um 2,3 Prozent an. Verantwortlich dafür sind Zugpferde wie Netrebko oder der chinesische "Wunderpianist" Lang Lang, der 2004 einen "Klassik-Echo" erhielt und damit seine instrumentalen Fähigkeiten einer Million Fernsehzuschauern im ZDF darbieten durfte.

Deutsche Oper

Oper und Konzerte: Hochkultur mit strengen Benimmregeln

Die absoluten Zahlen ergeben ein anderes Bild, nämlich dass Klassik in Deutschland nur ein "Special Interest" ist. Im Jahr 2003 betrug ihr Anteil an allen Musikverkäufen 7,1 Prozent. Weit über die Hälfte aller verkauften Tonträger gingen dabei an über 50-jährige. Unter 30-jährige machen, gemessen an den Umsätzen, nur fünf Prozent der Klassik-Interessierten aus.

Konzertrituale werden archaisch

Immer wieder beklagen auch Konzertveranstalter, dass kaum jüngere Leute unter ihren Besuchern sind. Das "Jugendkulturbarometer 2004" vom Zentrum für Kulturforschung (ZfKf) belegt erstmals diesen Trend. Bei der Studie wurden Jugendliche zwischen 14 und 25 Jahren bundesweit befragt. Nur acht Prozent waren häufiger in klassischen Konzerten und sechs Prozent in der Oper. Dabei gibt es durchaus ein großes Interesse der Jugendlichen an Hochkultur, so sind laut der Studie vor allem Ausstellungen und multimediale Veranstaltungen für sie attraktiv.

Der wichtigste Grund für das Desinteresse sei die Form, in der Konzerte und Opern stattfinden, sagt der Leiter des ZfKf, Andreas Wiesand: "Gerade Konzerte sind nicht sehr motivierend. Den Jugendlichen fehlt das Informelle, sie sind nicht bereit, drei Stunden still da sitzen."

Es sei ein Generationenproblem, sagt Wiesand, er selbst sehe Konzerte auch oft als Tortur. "Da wäre viel mehr möglich, das hat Simon Rattle beispielsweise bewiesen."

Der Berg kommt zum Propheten

Simon Rattle in Berlin

Der Brite Simon Rattle ist ein Innovator der Klassik-Szene

Der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker wurde gerade (9.12.2004) mit dem Preis der Comenius-Stiftung geehrt für sein beispielhaftes Engagement zur Vermittlung kultureller Werte. Seit 2002 leitet Simon Rattle das "Education"-Programm der Philharmoniker. Dabei gehen Orchester und Dirigent an Schulen und geben Musikunterricht der anderen Art.

Sie proben ihr aktuelles Repertoire mit Schülern aus allen Schichten und Altersklassen. Sechstklässer lernen Instrumente zu spielen und treten dann mit dem Weltorchester zusammen auf. Parallel zu "Education" haben Rattle und die Berliner Philharmoniker ein Jugendabonnement eingeführt, mit dem junge Menschen für jeweils knapp sechs Euro verschiedene Berliner Konzerthäuser besuchen können.

So viel Bürgernähe wird belohnt: 22.000 Zuschauer sind alleine an einem Abend im Sommer 2004 zu einem Open-Air-Konzert der Philharmoniker gekommen. Unter ihnen waren auch viele junge Klassik-Fans. Lang Lang hat auch gespielt, 3sat hat das Konzert übertragen. Bei "Wetten, dass…?" ist Rattle übrigens bislang noch nicht aufgetreten. (bde)

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