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Musik

Klangredner am Pult - Harnoncourt wird 85

Der Cellist, Buchautor und Ensemble-Gründer Nikolaus Harnoncourt ist einer der einflussreichsten Dirigenten des neuen und alten Jahrhunderts - und hat Musikgeschichte geschrieben. Am 6.12.2014 wurde er 85 Jahre alt.

Im letzten Satz von Joseph Haydns "Abschiedssinfonie" verlassen die Musiker einzeln und gruppenweise die Bühne. Am Ende bleibt nur noch ein Geiger übrig und spielt die letzte Note. Dem Brotgeber Fürst Nikolaus Esterhazy war die Botschaft im Jahr 1772 nicht entgangen: Er hatte seine urlaubsreifen Musiker über den vereinbarten Termin hinaus beansprucht; sie wollten zu ihren Familien zurück.

Dies ist nur eins der auffälligsten Beispiele, bei dem mit Hilfe der Musik etwas ausgesagt wird. Es lässt sich jedoch allgemein auf die Musik vergangener Zeiten übertragen: Melodien, harmonische Folgen oder Rhythmen können eine ganze Bandbreite von Emotionen, Gedanken und Situationen ausdrücken. Heute fällt es uns allerdings schwer, diese musikalische Syntax zu verstehen.

In seiner 1985 erschienenen Sammlung von Essays und Vorträgen "Musik als Klangrede" erklärt Nikolaus Harnoncourt, dass Musik nur in ihrem zeitlichen Kontext zu begreifen und zu erfassen sei. In seinen Augen hatte man im 20. Jahrhundert in der sogenannten "ernsten Musik" (ein Begriff, den Harnoncourt ablehnt) nur einen sinnleeren Schönklang kultiviert. Musik "verkam zum bloßen Alltagsornament", etwas, das man "genießt", aber nicht versteht.

Harnoncourt probt mit dem Concentus Musicus beim Beethovenfest in Bonn, 2000

Der 'Klangredner' probt hier beim Beethovenfest in Bonn (2000)

Am Anfang war das Wort

"Musik als Klangrede" wurde zum Manifest für die Anhänger historischer Aufführungspraxis. Harnoncourt war nicht ihr erster Vertreter, aber wohl ihr einflussreichster. Bereits 1953 hatte er zusammen mit seiner Frau Alice, die Violine spielte, das Ensemble für Alte Musik "Concentus Musicus Wien" gegründet. Er wollte die "Lebendigkeit des Barock auf die Musik übertragen".

Seine Methoden: penibelstes Studium historischer Quellen und das Spielen auf historischen Instrumenten, um möglichst nah an den Klang zu kommen, der dem Komponisten vorgeschwebt hatte. Seine Ästhetik: starke rhythmische Akzente, schroffe Kontraste und "singende" Melodiefolgen. Harnoncourt ging davon aus, dass die Instrumentalmusik - nicht nur die der Barockzeit - letztendlich auf dem gesungenen Wort basiert. Für ihn ist die Musik eine Steigerung und Vertiefung des Ausdrucks, die in Wörtern, in Sprache steckt.

Wie Worte, so soll auch Musik aufrütteln können. Sie darf Hartes und Unbequemes beinhalten oder sogar, so Harnoncourt, "auch hässlich sein". Das Ergebnis war paradox: Diese wissenschaftlich fundierte Spielart war keineswegs trocken, sondern lebendig. Sie ließ ahnen, wie viel Bedeutung in der Musik steckt. Dazu sagte Harnoncourt einmal: "Wir Musiker sind keine Künstler sondern Dolmetscher."

Der praktizierende Maestro

Als Spross des luxemburgisch-lothringischen Hochadels wurde Johannes Nicolaus Graf de la Fontaine und d'Harnoncourt-Unverzagt am 6. Dezember 1929 in Berlin geboren. Er wuchs im österreichischen Graz auf, spielte mit zehn Jahren Cello und studierte an der Wiener Musikakademie. 1952 trat er den Wiener Sinfonikern bei. Ihr damaliger Chefdirigent: Herbert von Karajan.

Den Interpretationsstil von Karajan empfand der junge Musiker als "gleich gebügelt". Nichts stach besonders hervor. Zehn Jahre später kam sein Gegenentwurf: eine Einspielung von Johann Sebastian Bachs Brandenburgischen Konzerten. Für sein Ensemble, das Concentus Musicus, war es der Durchbruch. Endgültig international bekannt wurde Harnoncourt dann, als er am Opernhaus in Zürich mehrere Opern von Claudio Monteverdi rekonstruierte und aufführte. Ab 1972 unterrichtete Harnoncourt am Salzburger Mozarteum.

Dirigent Nikolaus Harnoncourt (Foto: EPA/Herbert P. Oczeret)

Nikolaus Harnoncourt hat weltweit großes Ansehen gewonnen.

Erfolge mit dem Concentus Musicus

1957 trat das Concentus Musicus Wien erstmals öffentlich auf. Das Publikum reagierte überrascht und verstört auf die quieksenden Bläser und den herben Streicherklang auf Darmseiten. Der Klang der bisher vertrauten Musik war auf einmal völlig neu. Er war Lichtjahre entfernt vom vorherrschenden Musizierstil Karajans. Heute sind Karajan und seine Ästhetik des schönen Klangs aus der Mode gekommen. Dagegen gibt es kaum einen namhaften Dirigenten - ob Norrington oder Thielemann, Nelsons oder Rattle - der sich nicht auf Harnoncourt und die Erkenntnisse der historischen Werktreue beruft.

Ab den Siebziger Jahren stand Harnoncourt immer öfter vor großen Orchestern mit modernen Instrumenten wie dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam, den Wiener und Berliner Philharmonikern oder dem Chamber Orchestra of Europe. Seit den frühen 1990er Jahren dirigiert er fast jedes Jahr bei den Salzburger Festspielen. 2014 wurde er mit dem ECHO Klassik für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Siegeszug durch die Klassik

Im Laufe der Jahre erweitere Harnoncourt sein Repertoire auf die Klassik, Spätklassik und Spätromantik - von Mozart und Schubert bis hin zu Brahms, Bartók und Berg. Dabei brachte er stets die Erkenntnisse aus der historischen Aufführungspraxis mit ein. Seit 1985 findet in Harnoncourts Heimatstadt Graz das von ihm gegründete Festival Styriarte statt.

Zu seinem 85. Geburtstag am 6. Dezember tritt er mit seinem Concentus Musicus in Wien auf. Auf dem Programm steht Joseph Haydns "Die Schöpfung". Ein passendes Werk für einen der schöpferischsten Geister unter den nachbildenden Künstlern und einen der stilprägendsten Dirigenten des 20. und 21. Jahrhunderts.

Nach seiner ersten Zusammenarbeit mit dem Dirigenten sagte der chinesische Starpianist Lang Lang: "Er kann mir die Musik so darlegen, dass ich mich direkt in die Zeit hineinversetzt fühle, in der sie komponiert wurde." Die DW-Musikdokumentation "Mission Mozart – Lang Lang & Nikolaus Harnoncourt" wird am 11. Januar 2015 ausgestrahlt.

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