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Asien

Kirche auf Konfrontationskurs zu Duterte

Mit einem radikalen Regierungsprogramm stellt sich der künftige Präsident Rodrigo Duterte gegen die katholische Kirche. Für die machtverwöhnten Bischöfe der Philippinen ist dieser Kollisionskurs ein Affront.

Der größte Machtkampf zwischen Klerus und Regierung auf den Philippinen liegt gerade einmal dreißig Jahre zurück. Damals gingen die Bischöfe gegen den Diktator Ferdinand Marcos auf die Barrikaden. Die "People Power Revolution", auch "Rosenkranzrevolution" genannt, war eine von der Kirche angeführte, größtenteils friedliche Bürgerprotestbewegung, die zum Sturz von Marcos führte. Im Februar versammelten sich Aktivisten, darunter auch Nonnen, in Manila, um an den Jahrestag des Volksaufstands zu erinnern (Artikelbild).

Auch heute genießt die Kirche auf den Philippinen großen Einfluss auf Politik und Alltag. Mehr als 80 Prozent der Philippiner sind Katholiken, der Inselstaat ist die Bastion der Kirche Roms in Asien. In vielen politischen Fragen, insbesondere in der Familienpolitik, bewiesen die Bischöfe in den letzten Jahren ihre Machtposition: Wirkungsvoll protestierten sie gegen das Gesetz zur Geburtenkontrolle und stellen sich bis heute vehement gegen die Legalisierung von Scheidungen im Land.

Kardinal Jaime L. Sin 2001 in Manila (Foto: picture-alliance/dpa)

Der verstorbene Kardinal Jaime L. Sin war das Gesicht des kirchlichen Widerstands gegen das Marcos-Regime

Duterte auf Kollisionskurs

Der künftige Präsident Duterte will diesen Einfluss nicht mehr walten lassen und macht keinen Hehl aus seiner Abneigung für die Kirchenmänner. In seiner gewohnt vulgären Sprechweise nannte er sie zuletzt "Hurensöhne" und bezeichnete die katholische Kirche als "scheinheiligste Institution des Landes". Duterte beschuldigt die Bischöfe der Korruption und beteuerte, er wolle nach seinem Amtsantritt alle Sünden der katholischen Kirche offenlegen. Bisher hat die Kirche kaum auf Dutertes Anschuldigungen reagiert. Erzbischof Socrates Villegas, Vorsitzender der katholischen Bischofskonferenz auf den Philippinen, sagte kürzlich in einer Pressekonferenz, seine Antwort auf Dutertes Äußerungen sei "das Schweigen Jesu vor der Arroganz von Pontius Pilatus".

Socrates Villegas Vorsitzender der katholischen Bischofskonferenz der Philippinen (Foto: picture-alliance/AP Photo/A. Favila)

Vorsitzender Bischof Socrates Villegas reagiert (noch) gelassen auf Dutertes Drohung, er werde die "Sünden der Kirche auf den Philippinen offenlegen"

Radikales Regierungsprogramm

Nach seiner Amtseinführung am 30. Juni will Duterte Scheidungen legalisieren, die Todesstrafe einführen und das Bevölkerungswachstum bremsen. Drei Kinder pro Familie - mehr sollen nicht erlaubt sein. Für die machtverwöhnte katholische Kirche im Land ist dieses Regierungsprogramm ein Affront. Ein besonderer Streitpunkt ist dabei die angekündigte Wiedereinführung der Todesstrafe, wofür Duterte sich bereits im Wahlkampf stark gemacht hatte. Auf Druck der katholischen Kirche, der Europäischen Union und von Menschenrechtsgruppen beschloss 2006 die damalige Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo die Abschaffung der Todesstrafe. Duterte hingegen will, dass sie demnächst auch für Drogendelikte, Vergewaltigung, Raub, Autodiebstahl und Korruption gilt.

Zahlreiche philippinische Kirchenvertreter zeigen sich in diesem Punkt kompromisslos und kündigten Widerstand an, sollte das Land zur Todesstrafe zurückkehren. So kündigte der Erzbischof von Lipa, Ramon Arguelles, an, er werde "freiwillig an die Stelle derer treten, die die Regierung hängen will". Innerhalb der Bischofskonferenz ist Arguelles mit seiner Protestankündigung nicht allein: "Wir werden uns auf jedem Fall dem Plan widersetzen, und zwar die ganze katholische Bischofskonferenz der Philippinen", sagte Erzbischof Oscar Valero Cruz : "Die Kirche wird nicht ruhig sitzen bleiben, sondern sich gegen die Todesstrafe erheben."

Wahlkampf mit Figur und Fäusten des Kandidaten Duterte (Foto: Reuters/E. Acayan)

Duterte will hart gegen Kriminalität vorgehen, unter anderem durch Wiedereinführung der Todesstrafe

Familienpolitik: Neue Chance für Geburtenkontrolle?

In puncto Familienpolitik sehen viele Experten Dutertes Position gegen die katholische Kirche hingegen als positives Zeichen. So schrieb Raquel A.G. Reyes, Kolumnistin und Forscherin an der School of Oriental and Asian Studies (SOAS) in London jüngst in der "Manila Times": "Duterte missachtet den Widerstand der Kirche gegen Verhütung. Diese Einstellung könnte die Misere vieler Familien beseitigen und Frauen unterstützen." Jedes Jahr gibt es auf den Philippinen rund 800.000 ungewollte Schwangerschaften, mehr als die Hälfte davon enden in illegalen, meist lebensgefährlichen Abtreibungen. Gleichzeitig ist die Überbevölkerung ein ernstzunehmendes Problem in einem Land, in dem rund ein Drittel der Bevölkerung als arm gilt. "Ein Präsident, der sich für die reproduktiven Rechte von Frauen und Familien einsetzt, kann das Land in eine bessere Zukunft leiten", so Reyes weiter. Dass Duterte, bekannt für frauenfeindliche Ansichten, die Geburtenkontrolle der Frauenrechte wegen einführen will, bleibt allerdings fraglich.

Freude in den Strassen über ein verabschiedetes Gesetz zur Verhütung (Foto: dapd)

Jubel nach dem Gesetz von 2012 über die staatliche Finanzierung von Verhütungsmaßnahmen und Sexualaufklärung. Die Kirche sabotiert das Gesetz jedoch.

Fehlende öffentliche Debatte

Überraschend ist Dutertes harsche Kirchenkritik nicht, zumal sich bereits während des Wahlkampfes zahlreiche Bischöfe gegen ihn aussprachen. Abgesehen vom Machtkampf zwischen Kirche und Politik fehlt allerdings gerade die öffentliche kritische Debatte über Dutertes Regierungsprogramm. Ryan Tani, Gründer der Organisation "Filipino Freethinkers", die sich unter anderem stark für das Gesetz zur Geburtenkontrolle einsetzte, sieht das mit zunehmender Besorgnis: "Viele Unterstützer von Duterte bedrohen seine Kritiker - Aktivisten, Blogger, Prominente, sogar Kinder und Studenten - mit Vergewaltigung und Tod. Es wäre naiv zu glauben, dass Äußerungen einer charismatischen Führungspersönlichkeit das öffentliche Verhalten nicht beeinflussen." Kürzlich drohte Durterte damit, den Kongress aufzulösen, sollte wegen seiner unklaren Bankgeschäfte ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn eingeleitet werden. Die "People Power Revolution" erscheint 30 Jahre später in weiter Ferne.

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