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Deutschland

Kinderarmut ist keine Sackgasse

Kein Geld für Spielzeug und Nachhilfe: Kinder und Jugendliche sind in Deutschland am stärksten von Armut betroffen. Zum Problem wird das für die Jüngsten aber erst dann, wenn ihre Eltern resignieren.

"Oma, ich habe ganz tolle Geschenke bekommen", erzählt Lisa* stolz am Telefon. "Und so eine blöde Barbie-Nachmache von einer armen Freundin!“ Die arme Freundin war Leutrime G., von allen immer nur Leu genannt. Es war Lisas Geburtstag und das Mädchen hatte sich von Leu eine Barbie-Puppe gewünscht. Leus Mutter wusste nicht, was eine Barbie war, und auch nicht, dass diese mehr kostet, als sie sich leisten kann. Also hatte sie ihrer Tochter ein Zwei-Mark-Stück in die Hand gedrückt. "Dann kauf deiner Freundin so eine Puppe", sagte sie. Eine Markenpuppe kostete damals - Mitte der 1990er Jahre - etwa das 15-fache. "Ich hatte damals selber keine Spielsachen, geschweige denn eine Barbie-Puppe", erzählt die 26-Jährige heute. Der Vorfall auf der Geburtstagsfeier war für Leu ein Moment voller Scham und Wut über ihre eigene Mittellosigkeit. Geburtstagsfeiern hat Leu nach diesem Erlebnis jahrelang gemieden.

Hohe Kinderarmut unter Migranten

Ähnlich wie Leu geht es vielen jungen Menschen in Deutschland. Laut dem Deutschen Kinderschutzbund e.V. leben derzeit 2,5 Millionen Kinder in Armut. Im Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung heißt es, dass 15,2 Prozent der Jugendlichen zwischen elf und 20 von Armut betroffen sind. Besonders gefährdet seien jene mit Migrationshintergrund - von ihnen wird knapp jeder Vierte mit finanzieller Armut konfrontiert.

Porträtaufnahme von Leutrime Grainca. Foto: privat

Leutrime G. kam 1991 als Flüchtling nach Deutschland.

Leu und ihre Familie kamen 1991 als Kriegsflüchtlinge nach Deutschland. Ihr Vater hatte für die Unabhängigkeit des heutigen Kosovos gekämpft und war deswegen inhaftiert worden. Als er freikam, ergriff er die Chance, sein Leben und das seiner Familie ins ferne Deutschland zu retten.

Leu war im Kindergartenalter, als ihre Familie in ein Asylbewerberheim am Stadtrand von Dortmund zogen. An die Zeit in dem tristen Gebäude kann sie sich nur noch dunkel erinnern. Ihre Eltern haben im Kosovo studiert. Da ihre Abschlüsse hier nicht anerkannt wurden, mussten sie sich mit Gelegenheitsjobs als Putzhilfe oder LKW-Fahrer durchkämpfen.

Armut ist in Deutschland relativ

In Deutschland galt die Familie zu dieser Zeit als arm. Wobei Armut in einem reichen Land wie Deutschland relativ ist, denn sie bemisst sich nach dem Durchschnittseinkommen der Bevölkerung. Laut Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung gelten Kinder dann als arm, "wenn sie in einem Familienhaushalt aufwachsen, dessen durchschnittliches Einkommen weniger als 50 Prozent bzw. 60 Prozent des Medians der Einkommen in der Gesamtbevölkerung beträgt." Einfacher ausgedrückt: Eine Durchschnittsfamilie mit zwei Kindern ist arm, wenn sie weniger als 1.640,- Euro netto im Monat zur Verfügung hat.

"Der Armutsbegriff ist in Deutschland etwas schwierig", sagt Ute Projahn von der Jugendhilfe des Landesverbandes Rheinland (LVR). Sie leitet die Standorte Bornheim und Euskirchen des LVR Familienhauses. Hier finden Familien und Kinder in Not stationäre und ambulante Hilfe. "Wir leben in einer Gesellschaft, in der eigentlich genügend Geld da ist und wo auch Familien, die objektiv nicht so viel Geld haben, wie sie gerne hätten, doch ganz gut versorgt sind."

Dr. Ute Projahn leitet die Standorte des LVR Familienhauses in Bornheim und Euskirchen. Foto: Anna Peters

Ute Projahn von der Jugendhilfe des Landesverbandes Rheinland (LVR)

Die finanzielle Armut ihrer Familie hat Leu nicht einfach hingenommen. Mit 13 Jahren fing sie an zu arbeiten - und schon bald hatte sie vier Jobs neben der Schule: "Nach der Schule habe ich Nachhilfe gegeben, abends Medikamente ausgetragen, samstags in einer Kaufhauskette an der Kasse gearbeitet und sonntags Zeitungen ausgetragen."

Durch das selbstverdiente Geld fühlte Leu sich besser akzeptiert von den Gleichaltrigen: "Mit mehr finanziellem Spielraum nimmt man mehr an gesellschaftlichen Aktivitäten teil." Mit Schulfreundinnen Kaffee trinken oder in der Innenstadt shoppen, das konnte Leu sich dank ihrer Jobs jetzt leisten.

Emotionale Armut ist das eigentliche Problem

Schlechtere Aussichten auf gute Zukunfts- und Bildungsaussichten haben Kinder in ärmeren Familien vor allem, wenn die Mittellosigkeit zu emotionaler Armut führt: "Viele Eltern kochen nicht regelmäßig, räumen nicht auf und leben vermüllt. Die Kinder werden einfach sich selbst überlassen und der Frust über die finanzielle Lage an ihnen ausgelassen," berichtet Ute Projahn aus ihrem beruflichen Alltag. "Das wichtigste ist wirklich, dass die Chancen, die einem geboten werden, genutzt werden. Gefährlich ist es in eine Lethargie zu verfallen, nach dem Motto 'Aus mir wird ja sowieso nichts'."

Leutrime Grainca. Foto: privat

Für ihre Abschlussarbeit zu Integrationspolitik erhielt Leu G. (Mitte) eine Auszeichnung ihres Instituts

Alles andere als lethargisch waren Leus Eltern, und schon früh bekamen die Kinder den emotionalen Druck zu spüren. "Wir sind für euch nach hier gekommen, damit ihr es besser habt als wir!", solche Sätze hörte Leu in ihrer Jugend oft. Wenn es einmal mittelmäßige Schulnoten gab, musste sie sich Vorträge anhören, welche Opfer ihre Eltern für die Zukunft der Kinder gebracht hatten. Die Sorge, ihre Eltern zu enttäuschen, motivierte Leu immer wieder aufs Neue.

Die Musterschülerin machte Abitur und schloss 2012 ihr Masterstudium an der Universität Duisburg-Essen ab. Für ihre Abschlussarbeit zur Integrationspolitik in Nordrhein-Westfalen hat sie eine Auszeichnung ihres Instituts für Studierende mit Migrationshintergrund erhalten. Schon seit ihrer Studienzeit arbeitet sie für die SPD-Landtagsfraktion in Düsseldorf.

Leu hat sich aus der Armut heraus gekämpft. Jungen Familien, die in einer ähnlichen Situation stecken, wie sie damals, rät sie, jede Chance zu nutzen, damit es den eigenen Kindern später besser geht: "Ob vergünstigter Musikunterricht oder kostenlose Nachhilfe - ich möchte Familien in Not raten, solche Angebote, wenn es sie vor Ort gibt, in Anspruch zu nehmen.'" Was sie in ihrem Leben gelernt hat? Niemals zu resignieren.

*Name von der Redaktion geändert

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