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Politik

Kevin Rudd: Der Durchstarter

Er hat das Kyoto-Protokoll ratifiziert, sich bei den Aborigines entschuldigt und einen Truppenabzug aus dem Irak angekündigt. Jetzt ist er bei der Queen zu Gast. Ein Porträt des neuen australischen Premierministers.

Kevin Rudd, Quelle: dpa

Australiens neuer Macher: Kevin Rudd packt an

Selbst ein volltrunkener Besuch in einem Striptease-Club konnte Kevin Rudd nicht aufhalten: Mit 53 Prozent gewann der Labor-Politiker im November 2007 die Wahlen in Australien und löste damit nach elf Jahren den konservativen Regierungschef John Howard ab.

John Howard (r.) vor einem Wahlplakat von Kevin Rudd

Neuer Anführer: John Howard (r.) musste seinen Stuhl nach elf Jahren für Kevin Rudd räumen

Überhaupt passt die im Wahlkampf ans Licht gekommene Episode so gar nicht zum sonstigen Image des 50-Jährigen. Rudd gilt als Intellektueller und wird wegen seiner kindlichen Gesichtszüge von einigen Parteikollegen "Harry Potter" genannt. Dass er dennoch hart durchgreifen kann, hat er schon bewiesen: Das radikale Streichen öffentlicher Stellen brachte ihm den Spitznamen "Doctor Death" - "Dr. Tod" - ein. Sich selbst bezeichnet Rudd als "a very determined bastard" - frei übersetzt: "ein sehr entschlossener Mistkerl". Und genau mit dieser Entschlossenheit geht Rudd auch an seine neue Aufgabe. Als erste offizielle Amtshandlung unterzeichnete er das seit Jahren von Australien abgelehnte Kyoto-Protokoll, und in der ersten Parlamentssitzung nach der Sommerpause entschuldigte sich der Premierminister bei den Aborigines für die "Demütigungen und Abwertungen" eines "stolzen Volkes und einer stolzen Kultur". Rudd ließ damit seinen Worten aus dem Wahlkampf prompt Taten folgen.

Stimmenfang auf allen Kanälen

Doch damit nicht genug: Bis Mitte 2008 will Rudd die 550 im Irak stationierten australischen Soldaten nach Hause holen. Zudem kündigte er an, keine zusätzlichen Truppen nach Afghanistan zu entsenden, bevor sich nicht die anderen NATO-Länder stärker im umkämpften Süden des Landes engagieren. Unter Rudds Vorgänger John Howard galt Australien immer als treuer Verbündeter der USA. Diese Zeiten scheinen unter dem neuen starken Mann Australiens vorerst vorbei zu sein.

Kevin Rudd mit Frau Therese, Quelle: AP

Jubel am Wahlabend: Kevin Rudd lässt sich mit seiner Frau Therese feiern (24.11.2007)

In Australien kommt Rudds Politik an: 100 Tage nach seinem Amtsantritt waren 70 Prozent der Australier mit ihrem neuen Premierminister zufrieden - besser hat vor ihm noch keiner abgeschnitten. Dabei sah es lange Zeit gar nicht danach aus, dass Rudd die neue Hoffnung der "Australian Labor Party" (ALP) sein würde. Zwar ist er seit seinem 15. Lebensjahr ALP-Mitglied, doch ins Parlament schaffte Rudd es 1998 erst im zweiten Anlauf, und den Parteivorsitz hat er erst seit Dezember 2006 inne. Ein relativ unbeschriebenes Blatt also für die australischen Wähler. Und so zog Rudd bei seiner Kampagne "Kevin07" alle Register: Egal, ob Fernsehshows, MySpace oder YouTube - der Herausforderer war überall vertreten. Angeblich soll Rudd vom vielen Händeschütteln im Wahlkampf sogar Abschürfungen und Kratzer an der rechten Hand davon getragen haben.

Vom Putzjob zum Präsidentenamt

Sein politisches Geschick lernte Rudd auf internationalem Parkett. 1981 begann er seine politische Karriere im Außenministerium, bevor er bis 1988 Botschafter in Stockholm und Peking war. Dort konnte er mit seinen Mandarin-Kenntnissen punkten, die er beim Studium der chinesischen Geschichte und Sprache erwarb. Dass er es bis in die diplomatischen Kreise schaffte, ist keine Selbstverständlichkeit. 1957 als Sohn eines armen Milchbauern und einer Krankenschwester in der Kleinstadt Nambour geboren, muss Rudd mit elf Jahren einen Schicksalsschlag hinnehmen: Sein Vater stirbt bei einem Verkehrsunfall. Die Farm der Familie ist nur gepachtet und so ist Rudds Mutter gezwungen, mit ihren vier Kindern zeitweise in einem Auto zu leben. Sein Studium finanzierte er mit einem Putzjob. Doch sein Ehrgeiz und Fleiß bringen ihm schon als Jugendlicher die Auszeichnung zum Jahrgangsbesten und ein Stipendium ein.

An seinem ersten Tag an der Universität in Canberra lernt Rudd seine spätere Frau Therese Rein kennen, 1981 heiraten sie. Während Rudd seine Diplomatenkarriere startet, gründet seine Frau eine Agentur, die Jobs an Langzeitarbeitslose vermittelt. Heute hat das Unternehmen weltweit Büros und macht einen Millionenumsatz. Um ihren Mann im Wahlkampf zu unterstützen, trat sie als Vorstandsvorsitzende zurück und verkaufte den australischen Unternehmensteil, um mögliche Interessenkonflikte zu vermeiden. Eine Linie, die auch ihr Mann verfolgt. So war Rudd vollkommen untypisch für einen Labor-Politiker nie Mitglied einer Gewerkschaft. Er ist gläubiger Katholik und gab sich im Wahlkampf besonders in Wirtschaftsfragen konservativ, was ihm schon den Vergleich mit Tony Blair einbrachte.

Ein Rockstar als Umweltminister

Kevin Rudd auf Wahlkampftour, Quelle: AP

Händeschütteln für den Wahlsieg: Kevin Rudd

Auch bei der Kabinettszusammenstellung ließ sich Rudd von niemandem reinreden und präsentierte einige Überraschungen. So wurde mit der 46-jährigen Julia Gillard zum ersten Mal eine Frau Stellvertreterin des Regierungschefs. Ebenfalls ein Novum ist Penny Wong: Als erste Asiatin und bekennende Lesbe kümmert sie sich speziell um den neu geschaffenen Bereich Klimaschutz. Umweltminister wurde der ehemalige Sänger der Rockband Midnight Oil, Peter Garrett. Der äußerst populäre 54-Jährige setzt sich seit langer Zeit für Umweltfragen und gegen Atomwaffen ein, und wird deshalb auch als australischer Bono bezeichnet.

Rudd weiß genau, wie er sich beliebt macht. Sein neuster Trumpf: Der Premierminister will die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 nach Australien holen - auch wenn die Australier lieber Rugby als Fußball spielen, sicherlich ein kluger Schachzug. Und so spekulieren australische Medien unter der Überschrift "Kevin09" bereits, dass Rudd vorzeitige Neuwahlen anstrebt, um sein momentanes Umfragenhoch zu zementieren.

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