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Europa

Keine Zuflucht mehr - Juden in der Türkei

Juden in der Türkei werden oft für Israels Politik verantwortlich gemacht, sind immer häufiger antisemitischen Attacken ausgesetzt. Viele blicken besorgt in die Zukunft und denken darüber nach, das Land zu verlassen.

Wenn sich die Familie von Jeff Besken trifft, gibt es oft Verständigungsschwierigkeiten. Seine Großeltern, über 90 Jahre alt, sprechen untereinander Ladino, eine aussterbende altspanische Sprache sephardischer Juden. Beskens Eltern sprechen sie nur selten. Der 39-Jährige selbst versteht noch fast alles. Seine jüngere Schwester dagegen kein Wort.

So geht es vielen sephardischen Juden in der Türkei. Rund 25.000 leben im Land, die meisten in Istanbul. Ihre Vorfahren wurden im 15. Jahrhundert aus dem katholischen Spanien vertrieben und fanden im Osmanischen Reich Zuflucht. Nun will die spanische Regierung das damalige Unrecht wiedergutmachen. Im Februar 2014 hat sie einen Gesetzentwurf eingebracht, nach dem Nachfahren sephardischer Juden weltweit das Recht bekommen sollen, einen spanischen Pass zu erhalten. Das betrifft rund 3,5 Millionen Menschen. Obwohl das Parlament noch über das Gesetz entscheiden muss, gilt seine Verabschiedung als sicher.

Angst vor Übergriffen wächst

"Ich habe den spanischen Pass sofort beantragt. So wie meine gesamte Familie und eigentlich alle sephardischen Juden in der Türkei, die ich kenne", sagt Besken im DW-Gespräch. Das sei eine Garantie, falls etwas "passieren" sollte. "Dann können wir ohne Probleme unsere Sachen packen und gehen. Es ist ein großer Vorteil für uns."

Jeff Besken (Foto: Besken/DW)

Sorge um die Sicherheit: Jeff Besken

Beskens Familie ist wohlhabend. Er lebt im schicken Urlaubsort Bodrum an der Ägäis und arbeitet als Bauingenieur im Familienunternehmen. "Ich habe hier ein gutes Leben. Ich will eigentlich nicht weg aus der Türkei. Doch in den vergangenen Jahren haben wir Juden in der Türkei immer mehr mit Antisemitismus zu kämpfen. Auch im alltäglichen Geschäftsleben spüren wir das. Es ist bereits vorgekommen, dass ein muslimischer Türke meinem jüdischen Freund Geld schuldete. Dann hieß es: Ich gebe dir nur einen Teil davon zurück. Den Rest schicke ich in deinem Namen nach Gaza."

In den vergangenen 500 Jahren sei das Leben für die Juden friedlich gewesen, unter den Osmanen und später unter den Türken, erzählt Besken. Doch seit 2010 liegen die diplomatischen Beziehungen zwischen der Türkei und Israel auf Eis - eine Reaktion auf Israels Gaza-Blockade und darauf, dass israelische Einheiten einen Schiffskonvoi mit Hilfsgütern für Gaza enterten; dabei starben neun türkische Aktivisten. "Viele Türken sehen uns als Stellvertreter für die israelische Regierung und den Gaza-Krieg", klagt Besken, "aber damit haben wir doch nichts zu tun." Der Ingenieur verleugnet seitdem immer öfter seine jüdische Identität. "Ich sage oft, dass mein Vater aus den USA kommt, wenn man mich nach der Herkunft meines Namens fragt." Er kenne auch viele Juden, die ihre Grundstücke verkaufen: "Viele haben Angst vor der Ungewissheit. Davor, wie sich die Politik entwickelt."

Immer mehr Auswanderer

Viele Juden hätten in den vergangenen Jahren bereits das Land verlassen, erklärt Mois Gabay, aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde in Istanbul und Journalist der jüdischen Zeitschrift "Salom" ("Schalom", auf deutsch "Friede"). "Wir beobachten das vor allem bei den Schulabsolventen. 2014 haben 40 Prozent der jüdischen Schulabgänger ein Studium im Ausland vorgezogen. Ein Jahr zuvor waren es nur halb so viele", bedauert Gabay. Er bezieht sich auf die offiziellen Zahlen der jüdischen Gemeinde und erwartet, dass sie noch steigen. Wundern würde ihn das nicht.

Neve Shalom Synagoge Istanbul Innenansicht (Foto: Wikipedia/DW)

Berühmtes Gotteshaus und Ziel antisemitischer Anschläge: Die Neve-Shalom-Synagoge in Istanbul

Vor allem in den sozialen Medien sei der Antisemitismus zu spüren, sagt Gabay. "Die digitalen Bedrohungen und Hassreden gegen die Juden in der Türkei machen uns schwer zu schaffen. Seit vergangenen Sommer, seit dem jüngsten Gaza-Krieg, wird verstärkt gegen Juden gehetzt", so der 30-Jährige im DW-Gespräch. Zum Beispiel in einem antisemitischen Tweet der türkischen Sängerin Yildiz Tilbe: "Gott segne Hitler", schrieb sie, "das Ende der Juden ist nah." Es gebe viele Tweets wie diesen. Die türkische Regierung distanziere sich zwar von solchen Veröffentlichungen und betone stets, dass Juden Teil der türkischen Kultur seien. "Aber solche antisemitischen Sprüche sollten strafrechtlich verfolgt werden. Niemand unternimmt etwas dagegen", beklagt Gabay.

Mois Gabay (Foto: Sokollu/DW)

Prophezeit mehr Auswanderung: Mois Gabay

Polizeischutz für Synagogen

Gabay verweist auch auf die verschärften Sicherheitsvorkehrungen rund um die Synagogen. "Dort werden immer mehr Polizisten und Zivilpolizisten eingesetzt. Vor einigen Wochen stand auf einem großen Banner an der berühmten Neve-Salom-Synagoge in der Istanbuler Altstadt die Drohung: 'Dieses Gebäude wird zerstört'." Die Neve-Salom-Synagoge ist das größte Gotteshaus der Juden in der Türkei. 1986 haben es palästinensische Terroristen während des Sabbat-Gebetes überfallen und 22 Menschen getötet. 2003 starben bei Autobombenanschlägen auf zwei Synagogen 24 Menschen - Traumata, von denen sich die jüdische Gemeinde in der Türkei nie erholt hat.

Der verstärkte Schutz beruhigt die Menschen allerdings nicht immer. Je mehr Polizisten im Einsatz seien, desto unsicherer fühle er sich, sagt Mois Gabay. "Das ist alles neu für uns. Früher gab es so etwas nicht. Auch die Proteste vergangenen Sommer in Istanbul richteten sich explizit gegen uns Juden. Die Demonstranten sind immer wieder vor unsere Synagogen marschiert, um gegen die israelische Regierung zu protestieren. Wieso gehen sie nicht einfach zum israelischen Konsulat?" fragt Gabay.

Der spanische Pass ist darum für die Juden in der Türkei wichtig: Er gibt ihnen eine neue Perspektive. Gabay glaubt: "Dann werden nicht sofort alle Juden aus der Türkei in die EU umziehen. Aber wir erwarten schon, dass die Zahl der Auswanderer zunehmen wird."

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