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Politik

"Keine Ahnung, wie es weitergehen soll"

Israel erlebte am Wochenende (11.5.2002) die größte Friedensdemonstration seit Beginn der Intifada. Allerdings ist Kritik an der Regierungspolitik eher die Ausnahme. Eine Gesellschaft zwischen Ratlosigkeit und Furcht.

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Eher die Ausnahme:
Protest in Israel

Noch immer ist das Leben in Israel nicht zur Normalität zurückgekehrt. Noch immer sind die Kaffeehäuser schlecht besucht, die Restaurants halb leer. Denn es gibt sie noch immer, die Terroranschläge auf Cafés und Restaurants, auf Bushaltestellen und Märkte, obwohl ihre Zahl seit dem Beginn der militärischen Offensive in den palästinensischen Gebieten zurückgegangen ist. Um sieben Uhr an diesem Abend ist die Gegend um die Fußgängerzone in Jerusalem, früher ein brodelndes Vergnügungsviertel, fast ausgestorben.

Nur vereinzelte Zweifel an der israelischen Position

Hanna ist zwanzig Jahre alt. Sie ist in Jerusalem geboren und hat viele Jahre in New York gelebt. Jetzt ist sie wieder zuhause und studiert hier an der Hebräischen Universität. Der Ruhe, die in Jerusalem an diesem Abend herrscht, traut Hanna nicht. Man müsse jederzeit wieder mit Anschlägen rechnen, sagt sie. Die israelische Militäroffensive könne dieses Problem nicht wirklich lösen. Auch Hannas Freundin Ronit, eine einundzwanzigjährige Soldatin, ist nicht überzeugt, dass die Operation Schutzschild mehr Sicherheit oder gar Frieden gebracht hat.

"Ich habe keine Ahnung, wie es weiter gehen soll", sagt Ronit. Sie wünscht sich Frieden mit den Palästinensern. Es müsse doch möglich sein, dass beide Völker im Nahen Osten friedlich zusammenleben. Mit dieser Position aber steht Ronit selbst in der eigenen Familie allein da. Ihr Vater hasst die Palästinenser. Er ist der Meinung, Araber seien eigentlich keine Menschen, sondern mörderische Tiere.

Breite Zustimmung für Scharon - Abweichler werden ausgegrenzt

Terror in Israel

Selbstmordanschläge sind in Israel an der Tagesordnung

Diese Haltung wird von vielen Israelis geteilt. Die breite Mehrheit der israelischen Bevölkerung steht hinter ihrem Ministerpräsidenten. Sie hält die militärischen Aktionen im Westjordanland für gerechtfertigt. Der Grund für diese breite Zustimmung liegt in der beispiellosen Welle von Terroranschlägen und Selbstmordattentaten, die der Operation Schutzschild vorausging. Wer von der Linie abweicht, wird mit Ausgrenzung bestraft und mundtot gemacht.

So wie die Sängerin Yaffa Yarkoni. Seit mehr als 50 Jahren steht die 76-jährige auf der Bühne. Sie hat den Staat mit ihren Liedern begleitet und für ihr Lebenswerk den Israel-Preis erhalten, die höchste Auszeichnung, die Israel zu vergeben hat. Doch seit dem letzten Unabhängigkeitstag ist Yaffa Yarkoni persona non grata in der israelischen Öffentlichkeit. Die große Gala, die ihre lange Karriere krönen sollte, wurde abgesagt, Bewunderer, Kollegen und sogar Freunde haben sich von ihr abgewandt. Ehemalige Fans haben ihr die Scherben ihrer zerbrochenen CDs zugeschickt. Ihr Faxgerät läuft heiß unter dem Berg der Schmähbriefe, die eintreffen.

Kritik zwischen Ratlosigkeit und Furcht

Und warum das alles? Weil sie in ihrem traditionellen Interview zum Unabhängigkeitstag die israelische Militäroffensive im Westjordanland kritisiert hatte. "Ich verstehe nicht, wie wir, die wir den Holocaust überlebt haben, so etwas tun konnten", sagte sie unter Verweis auf die Misshandlungen und Demütigungen von palästinensischen Gefangenen und auf die Bombardierung von Flüchtlingslagern. Und sie äußerte ihr Verständnis für die Kriegsdienstverweigerer, die lieber ins Gefängnis gehen als die israelische Politik mitzutragen. Doch solche Ansichten sind in Israel derzeit nicht populär.

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