1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wissen & Umwelt

Kaum Hilfe für traumatisierte Flüchtlinge

Von 2012 bis 2013 stieg die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland um 70 Prozent. Tendenz steigend. Jeder Zweite ist traumatisiert und benötigt psychologische Betreuung. Doch die Aufnahmestellen sind völlig überfordert.

Rema Salty wird den Tag niemals vergessen, an dem sie entschied, Syrien zu verlassen. Die junge Frau war mit ihrer damals vierjährigen Tochter Yara zu Hause, als draußen die ersten Schüsse fielen.Vom Fenster ihrer Wohnung aus beobachtete Rema, wie draußen, nur einen Steinwurf entfernt auf der anderen Straßenseite, Terroristen ein Schulgebäude unter Beschuss nahmen. Dort ging Fares zur Schule, Remas zehnjähriger Sohn. Für die nächsten Stunden wusste die Syrerin nicht, ob er noch am Leben war.

Als Fares am Abend nach Hause kam, war er äußerlich unverletzt. Nur sein Knie hatte er sich bei der Flucht in einen nahegelegenen Wald aufgeschlagen. Doch er zitterte am ganzen Körper und sprach kein Wort. "Ich habe ihn einfach im Arm gehalten, vier Stunden lang, sonst konnte ich nichts tun", sagt Rema und Tränen steigen ihr in die Augen.

Psychologische Betreuungsstellen überlaufen

Heute lebt Rema mit Fares, Yara und ihrem Mann in Hamburg. Sie ist eine von insgesamt 110.000 Menschen, die im Jahr 2013 als Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Das ist ein Anstieg von etwa 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahr - und die Zahlen steigen weiter an. Mehr als jeder zweite dieser Flüchtlinge hat traumatische Situationen wie Rema und ihre Familie erlebt. Doch psychologisch betreut werden die wenigsten. Experten diskutieren dazu ab heute in Berlin beim

Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

.

Bildergalerie syrische Flüchtlinge Wintereinbruch Januar 2015

In Syrien sind viele Städte zerstört. Auch Rema und ihre Familie verloren ihr Zuhause

Zwar gibt es in Deutschland keine offiziellen Statistiken über psychologische Behandlungen bei Flüchtlingen - doch die Aufnahmestellen, an die sich Flüchtlinge wenden können, sind heillos überlaufen. Selbst wenn eine Behandlung nötig wäre, bekommen sie häufig keinen Platz in einer der Aufnahmestellen. Rechtlich gesehen werden Flüchtlinge im Asylverfahren oder mit Duldung nur bei akuten Erkrankungen versorgt. Eine Behandlung für einen Flüchtling zu organisieren, ist daher ein Papierkrieg für die behandelnde psychologische Einrichtung.

"Wir werden überrollt"

Das koste vor allem viel Zeit, so Ingo Schäfer, leitender Oberarzt der Traumaambulanz in Hamburg. Zeit, die ohnehin fehlt. Wenn Schäfer über die Kapazitäten seiner Einrichtung spricht, liegt Verzweiflung in seiner Stimme. "Wir werden zurzeit überrollt von der Anzahl der Anfragen. Pro Woche wollen bis zu zehn neue Flüchtlinge zu uns in die psychologische Betreuung kommen. Davon können wir nur einen Bruchteil bewältigen." Dolmetscher bestelle die Traumaambulanz häufig auf eigene Kosten, denn sie werden von den Krankenkassen nicht getragen. "Ob ein Flüchtling eine psychologische Behandlung erhält, ist erst einmal dem Zufall überlassen", so Schäfers Einschätzung.

Auch am LRV-Klinikum Düsseldorf ist die Situation ähnlich. Hier arbeiten auf Flüchtlinge spezialisierte Psychologen. Doch Ljiliana Joksimovic, leitende Oberärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, kommt mit ihrem Team häufig an die Grenzen des Möglichen. "Wenn wir einem Flüchtling hier einen Platz geben, dann ist der für die nächsten drei Jahre blockiert", sagte sie der Deutschen Welle. "So langfristig müssen wir planen."

Behandlungsbeginn: möglichst sofort

Denn die meisten Flüchtlinge kommen erst in die Sprechstunde, wenn ihre psychische Erkrankung ihr Leben massiv beeinflusst und einen Alltag unmöglich macht. "Häufig stellen wir eine Posttraumatische Belastungsstörung fest", sagt Joksimovic. "Die Flüchtlinge haben Schreckliches erlebt. Ihre Erfahrungen reichen von Folter über den Verlust von Angehörigen bis hin zu Massenvergewaltigungen."

Natürlich führt nicht jedes traumatische Erlebnis zu einer psychologischen Erkrankung. Doch die Traumatisierung führe dazu, dass Alltagssituationen schnell zu Krisen für den Betroffenen würden, so Joksimovic. "Ein Umzug kann dann der Auslöser für eine Depression sein".

Wenn der Behandlungsbeginn nicht sofort erfolgt, kommt es schnell zu einer Chronifizierung der Erkrankung. "Dann kommen Angststörungen, Panikattacken oder Depressionen hinzu", erklärt Joksimovic. "Die Behandlung wird schwieriger und langwieriger". Besonders Kinder seien häufig von Langzeitfolgen betroffen, wenn die Traumatisierung nicht bald aufgearbeitet werde.

Bildergalerie syrische Flüchtlinge Wintereinbruch Januar 2015

Besonders Kinder sind von psychischen Langzeitschäden durch Traumatisierung betroffen

Integration wird unmöglich

Wenn die psychische Erkrankung chronisch geworden ist, beeinträchtigt sie das gesamte Leben des Flüchtlings. "Das erschwert die Integration in dem neuen, fremden Land natürlich zusätzlich", so Joksimovic. Fuß zu fassen in der neuen Heimat, die mit ihrer fremden Kultur und bürokratischen Hürden ohnehin eine Herausforderung darstellt, wird dann fast unmöglich.

Beim Arzt - geschweige denn beim Psychologen - waren Rema und ihre Familie hier in Deutschland noch nie. Den steinigen Weg von der Erstaufnahmestelle über ein weiteres Flüchtlingsheim bis in die eigene Wohnung haben sie trotzdem bewältigt. Heute hofft die junge Syrerin darauf, dass die Zukunft vor allem Gutes für sie bereit hält. Vielleicht gehört dazu irgendwann auch ein Besuch beim Psychologen, der ihr hilft, die Traumata der Vergangenheit zu verarbeiten.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links