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Deutschland

Katastrophen: Wenn der Ernstfall eintritt

Vor Kurzem erschreckte die Bundesregierung die Bürger mit ihren Plänen zum Katastrophenschutz. Zu Recht, finden Experten, denn Notsituationen würden immer wahrscheinlicher.

Wenn es um Gefahren und mögliche Katastrophen geht, dann ist Kommunikation zentral. Aber die wichtigste Botschaft bei dieser Thematik hat es offenbar schwer, Gehör bei der Bevölkerung zu finden: "Insbesondere Anschläge nehmen immer wieder einen großen Teil der öffentlichen Aufmerksamkeit weg, von den Themen, die für die Zukunft viel wichtiger sind", kritisierte Herbert Trimbach. Als Abteilungsleiter im brandenburgischen Innenministerium ist er zuständig für öffentliche Sicherheit und nun beim 12. Europäischen Katastrophenschutzkongress in Berlin.

Trimbach will die Terrorgefahr nicht kleinreden, aber ihm und den Fachleuten im Saal ist ziemlich klar: Ein Anschlag kann kommen, die katastrophalen Folgen des Klimawandels aber werden zu spüren sein.

Hagelkörner in Bayern (Foto: dpa)

Extremwetterereignisse in Deutschland nehmen zu: Hagelkörner in Bayern

Peter Höppe, er leitet die Abteilung GeoRisikoForschung beim Versicherer Munich Re, hat Zahlen vorrätig. Die zeigen, wie groß die Schäden durch den Klimawandel bereits sind. "Das ist eine der größten Risiken für die Menschheit in diesem Jahrhundert", betont der Risikoforscher.

Es ist anzunehmen, dass die Sorge vor Schäden in der Bevölkerung zwar gut für sein Unternehmen ist, die reale Katastrophe hingegen auf die Geschäftsergebnisse drückt. Er mahnt deswegen zu mehr Prävention. "Seit 1980 hat sich Zahl der naturbedingten Schadensfälle verdreifacht", liest er aus seinem Datensatz heraus. Das Wetterunheil kann plötzlich und lokal begrenzt über die Menschen hereinbrechen. Ende Juli 2013 hätten zwei schmale Hagelereignisse Schäden von 3,2 Milliarden Euro verursacht, erinnert Höppe. Die Hagelkörner waren dicker als ein Tennisball.

Paul Becker (Foto: Heiner Kiesel)

DWD-Vizepräsident Paul Becker baut auf bessere Vorhersagen

Tückische Extremwetterlagen

Oder es ist die schiere Hitze, die ihre Opfer findet. "Da fahren zwei Züge aufeinander zu: Es wird wärmer werden und die Bevölkerung wird immer älter", warnt Paul Becker, Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes (DWD) und erinnert an die Hitzewelle von 2003 "mit wahrscheinlich mehreren zehntausend Toten", meist älteren.

Seine Behörde arbeite stetig daran, die Vorhersagen zu verbessern, um die Bevölkerung auch bei lokalen Extremwetterlagen genauer und schneller warnen zu können. "Aber ich mache mir Sorgen, dass die Warnungen bei denen, die sie brauchen, eben auch bei den älteren Menschen, gar nicht ankommen", fügt er hinzu.

Sehnsucht nach Sirenen

Das ist die zweite Ebene des Kommunikationsproblems, das die Katastrophenschützer und -forscher umtreibt: Wie kriegt es die Bevölkerung überhaupt mit, wenn akute Gefahr droht? Bis Anfang der 1990er-Jahre gab es dafür flächendeckend Signalgeräte in jeder Kommune. Beim schrillen Warnton der Sirenen wussten die Menschen, dass es ernst wird. Die meisten dieser Heulpilze sind inzwischen aus Kostengründen demontiert. Mancher trauert ihnen nach.

Hans-Gerrit Möws, Referatsleiter im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) hält sich damit nicht auf. Er arbeitet daran, dass das bundeseigene Modulare Warnsystem (MoWas) mit den Lebensgewohnheiten der Bevölkerung mithält. Das System unterhält eigene Satelliten und schickt Warnungen und Verhaltensempfehlungen über alle erreichbaren Kanäle aus - Apps, Rundfunksender, die verbliebenen Sirenen, oder das Internet und die sozialen Netzwerke. "Wir schaffen es vom Versand zum Bürger in der Regel unter einer Minute und erreichen 80 Prozent der Bevölkerung", sagt Möws. Um die Rate zu erhöhen, wird damit experimentiert, Feuermelder in den einzelnen Haushalten anzufunken, oder die Anzeigetafeln an Bushaltestellen einzubinden.

Birgitta Sticher (Foto: Heiner Kiesel)

Birgitta Sticher will, dass die Warnung auch zur erwünschten Handlung führt

Daran, dass die Warnungen auch verstanden werden, feilt Birgitta Sticher. Sie ist Professorin für Psychologie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. "Am Anfang wurde von der Bundesregierung ganz viel Geld für die Technik ausgegeben, aber es ist eine große Verschwendung von Mitteln, wenn man die psychologische Seite nicht bedenkt." Es sei wichtig, betont die Psychologin, dass schon im Vorfeld Netzwerke in der Nachbarschaft aufgebaut würden, in denen sich die Menschen helfen und vertrauen. Dann würden auch die Leute erreicht, die nichts von der offiziellen Warnung mitbekommen. "Je besser diese Vernetzung vorher da ist, desto besser funktioniert es in der Katastrophe", betont sie.

Keine Lust auf Katastrophenszenario

Damit kommt man aber in den Bereich dessen, was der Fachpolitiker "dicke Bretter bohren" nennt. Die Menschen in Deutschland haben keine Lust, sich mit absehbaren und unabsehbaren Katastrophen zu beschäftigen. Das ist ein weiteres Kommunikationsproblem. Sie haben sich an das Gefühl gewöhnt, irgendwie in Sicherheit zu leben. Diese Gemütslage hat sich nach dem Kalten Krieg eingestellt und ist schwer zu trüben. Bundesinnenminister Thomas de Maizière durfte das verärgert feststellen, als er kürzlich seine Konzeption Zivile Verteidigung (KZV) vorgestellt hat. Ein kleiner Passus, in dem der Bevölkerung nahegelegt wird, Notvorräte anzulegen, sorgte landesweit für spöttische Kommentare.

Ursula Fuchs (Foto: Heiner Kiesel)

Ursula Fuchs versucht, die Bürger zum Selbstschutz zu ermuntern

Allerdings hatte das große Medienecho auch etwas Gutes aus Sicht der Katastrophenmanager. "Wir haben danach extra Leute einstellen müssen, um unsere Checklisten für den Katastrophenfall zu verschicken", sagt Ursula Fuchs, Referatsleiterin für Information im BBK. Sie macht sich aber keine großen Hoffnungen, dass das Interesse nachhaltig ist. Sie verdeutlicht das am Beispiel des mehrtägigen Stromausfalles von 2005 in Teilen Norddeutschlands. "Ein Jahr später wurde dort nachgefragt, wer denn nach dieser Erfahrung Vorräte angelegt hat und die Bereitschaft war nicht höher als vorher."

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