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Kultur

Karneval der Kulturen

Am Freitag (19.3.) entscheiden die Fernsehzuschauer, wer Deutschland beim Eurovison Song Contest vertreten soll. Vorbei ist die Zeit der Schnulzen: Statt Schlagerkönigen treten nun Viva-Stars den Kampf um die Punkte an.

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Deutsche Popmusik soll beim Eurovision Song Contest siegen

Dieses Jahr findet der "Grand Prix d'Eurovision de la Chanson" in Istanbul statt. Nur heißt er längst nicht mehr so. "Eurovision Song Contest" lautet eigentlich der Titel des europäischen Gesangswettbewerbs. Was in Deutschland aber kaum einer weiß, denn hier ist die traditionelle Unterhaltungsshow immer noch als Schlager-Festival verschrien. Doch das soll sich jetzt ändern.

"Wir wollen uns professionell definieren", betont Jürgen Meier-Beer, NDR-Unterhaltungschef und Organisator des deutschen Vorentscheids. Anlass zu Kritik an der eigenen Sendung gab es in den letzten Jahren genug - war doch der Grand Prix aus deutscher Sicht eher eine Lachnummer. Zunächst entdeckten ihn die Komiker als Bühne: Guildo Horn und Stefan Raab zeigten dem Ausland erfolgreich, dass deutscher Humor auch musikalisch sein kann. Dann kehrte mit Ralph Siegels Regiment des Schlagers zurück - und sorgte nicht minder für Schmunzeln: So überzeugte Lou 2003 mehr durch Fröhlichkeit als durch Gesang.

Peinlich berührt wandte man sich in Deutschland vom Fernsehbildschirm ab. Es verwundert also nicht, dass die Zuschauerzahlen des Vorentscheids um gut ein Drittel einbrachen. Abgestraft wurde die altbackene ARD-Show dabei von der neuen Generation des musikalischen Wettstreits: Der Casting-Show "Deutschland sucht den Superstar".

Nachhilfe bei Viva

Höchste Zeit, sich vom Schlagerkonzept zu verabschieden, beschlossen die Verantwortlichen. Denn musikalisch hinkt Deutschland der europäischen Konkurrenz hinterher: "Bereits im vergangenen Jahr zeigte der Erfolg der russischen Gruppe 'Tatu', dass andere Länder den Wettbewerb als Forum für international erfolgreiche Popmusik nutzen", stellt Meier-Beer fest. Er befand, das könne die deutsche Musikszene auch bieten, und verbündete sich mit dem Musiksender Viva.

Also mussten in diesem Jahr die Bewerber für das deutsche Lied, das in Istanbul ins Rennen gehen soll, sich erstmal in der eigens eingerichteten Viva-Sendung "Euroclash" durchsetzen. Die Nominierung führten der NDR und Viva dann gemeinsam durch und einigten sich auf neun Interpreten. Dank einer Wildcard rutschte noch Max, der neue Zögling von Stefan Raab, in dieser Woche als Zehnter in die Runde. Diese wurde in den vergangenen Wochen ausgiebig bei Viva beworben: Porträts, Auftritte und Videoclips sollten das Interesse der Jugend für den Wettbewerb schüren. Deshalb wurde auch am Vokabular gefeilt: Nicht mehr Interpreten, sondern Acts treten nun an bei "Germany - 12 points!".

Lob für Professionalität

Vor allem aber hat das neue Konzept die Musikwelt überzeugt. Denn die Nominierten sind ausnahmslos Vertreter aus den vorderen Rängen der Charts: Von Elektropunk der Band Mia über Soul von Laith Al-Deen bis hin zum Techno von Westbam sind verschiedenste Stilrichtungen vertreten. Die musikalische Bandbreite entlockt sogar der Schlagerszene Lob für die neue deutsche Ausscheidungszeremonie.

Und auch die Musikwissenschaft ist überrascht von der neuen Professionalität des Wettbewerbs. "Endlich zeigt sich die kulturelle Vielfalt der deutschen Musik", meint Christoph Micklisch von der Universität Oldenburg. Und er hofft, dass man sich beim Eurovision Song Contest endgültig vom Klischee des deutschen Schlagers verabschiedet.

Pop-Festival mit Kultcharakter

Der Siegeszug der Popmusik im deutschen Vorentscheid geht einher mit einer umfassenden Neugestaltung des traditionsreichen europaweiten Wettbewerbs. Zunächst erhält der Eurovision Song Contest ein ständiges Logo, das den Wiedererkennungswert heben soll. Auch die Spielregeln werden neu aufgestellt: Da der Andrang von Interessenten so groß ist, findet nun ein Halbfinale statt. Hier buhlen 22 Länder - die Verlierer des letzten Jahres und Neulinge - um die Zuschauerstimmen. Die besten Zehn treffen im Finale dann auf den Gastgeber Türkei, die vier größten Beitragszahler, darunter Deutschland, und die neun erfolgreichsten Länder von 2003.

Der größte Grand Prix aller Zeiten - für die Türkei eine günstige Gelegenheit, sich modern und aufgeschlossen auf dem europäischen Parkett zu präsentieren. "Diese Veranstaltung hat Kultcharakter in Europa", sagt Micklisch. "Die Gemeinschaft zählt, nicht die Konkurrenzsituation." Und damit scheint die Botschaft von Jürgen Meier-Beer endlich angekommen zu sein: "Das größte gemeinsame Spiel Europas" kann beginnen.

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