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Auszeichnung

Karlspreis an Historiker Timothy Garton Ash verliehen

Die höchste Ehrung für Verdienste um die europäische Einigung geht an einen Briten. Der Historiker Garton Ash tritt für eine enge Bindung zwischen Großbritannien und der EU ein - seit der Brexit-Entscheidung erst recht.

Der Papst, Königin Beatrix der Niederlande, Henry Kissinger, Valéry Giscard d'Estaing, François Mitterand und Helmut Kohl bekamen ihn schon verliehen. Der britische Historiker und Publizist Timothy Garton Ash tritt nun in die illustre Reihe von Trägern des internationalen Karlspreises zu Aachen. Er wird seit 1950 verliehen und ehrt Persönlichkeiten oder Institutionen, die sich um Europa und die europäische Einigung verdient gemacht haben. Der Karlspreis ist undotiert und gilt als die wichtigste Auszeichnung für Verdienste um die europäische Einigung.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte Timothy Garton Ash in seiner Laudatio am Donnerstag im Krönungssaal des Aachener Rathauses als "Europas Zeuge, Europas Chronist und Gefährte". Mit "oftmals verblüffender Beobachtungsgabe" habe er durch Begegnungen in vielen Ländern "Weltgeschichte im Präsens erlebt", habe buchstäblich "am Küchentisch der Weltgeschichte" gesessen.

"Garton Ash bietet Populisten die Stirn"

Großbritannien Symbolbild Brexit, EU-Flagge in London (picture-alliance/dpa/A. Mcnaught)

Bald Vergangenheit: Die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens

Mit Garton Ash bekommt ein entschiedener Gegner des Brexit die Auszeichnung. Er war ein leidenschaftlicher Kämpfer für den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union. Den Tag des Referendums am 23. Juni 2016 hatte er als "die größte Niederlage seines politischen Lebens" erfahren. Timothy Garton Ash tritt auch seit der Austritts-Entscheidung für eine enge Bindung zwischen Großbritannien und der EU ein. Er bewerte als Historiker den europäischen Integrationsprozess nicht nach kurzfristigen oder tagespolitischen Ereignissen, sondern sehe die Krise vor dem Hintergrund komplexer Zusammenhänge. Der 61-jährige Wissenschaftler biete Populisten und Vereinfachern die Stirn, heißt es in der Preisbegründung des Karlspreisdirektoriums. "Dabei gibt er wichtige Anstöße für den Erhalt unserer Werte wie Freiheit, Frieden und Demokratie sowie Wahrhaftigkeit, Toleranz, Recht und Selbstbestimmung."

Beschäftigung mit Dissidenten im kommunistischen Mitteleuropa

Timothy Garton Ash wurde am 12. Juli 1955 in London geboren. Nach Abschluss eines Geschichtsstudiums an der Universität Oxford führten den Doktoranden seine Forschungen zum deutschen Widerstand gegen Hitler Ende der Siebziger Jahre nach Berlin. Er war fasziniert von der Frage, was den einen Menschen zum Widerstandskämpfer gemacht hatte, den anderen zum Kollaborateur. "Am Ende arbeitete ich dann doch nicht über den deutschen Widerstand. Ich entdeckte nämlich, dass jenseits der Berliner Mauer im kommunistisch beherrschten Ostdeutschland lebendige Menschen mit demselben Dilemma zwischen Widerstand und Kollaboration zu kämpfen hatten. Also schrieb ich statt einer Doktorarbeit über Berlin unter Hitler ein Buch über Berlin unter Honecker. In der Folge beschäftigte ich mich mit Dissidenten im kommunistisch regierten Mitteleuropa und begleitete sie auf ihrem steinigen Weg zur Befreiung", so Garton Ash.

Deutschland Berlin Mauer Martin-Gropius-Bau und Abgeordnetenhaus (imago/imagebroker)

Das geteilte Berlin 1985

Forschung in Zeiten des Kalten Krieges

Zwischen den Brennpunkten Warschau, Prag, Budapest und Berlin hin- und herreisend, führte der Brite Gespräche mit Intellektuellen und maßgeblichen Politikern und wurde zu einem der bedeutendsten Chronisten und publizistischen Begleiter der Freiheitsjahre 1989/90. Mit seinem Buch "Ein Jahrhundert wird abgewählt" wurde er 1990 schlagartig in Deutschland bekannt. Sein drei Jahre später erschienenes monumentales Werk "Im Namen Europas" machte ihn weltberühmt. Für diese Darstellung eines halben Jahrhunderts deutscher Politik im Kontext der Ost-West-Auseinandersetzung führte Garton Ash ausführliche Gespräche mit fast allen damals Beteiligten, sah sich persönliche Aufzeichnungen und Korrespondenzen an - beispielsweise die von Bundeskanzler Brandt, Schmidt und Kohl, aber auch von Breschnew und Gorbatschow - und nutzte alle erreichbaren Materialien bis hin zu Stasi-Geheimakten.

Im vergangenen Jahr lieferte Garton Ash mit seinem neuesten Buch "Redefreiheit" ein flammendes Plädoyer für die Freiheit des Wortes, den offenen Diskurs und eine Stärkung der Zivilgesellschaft. Der Professor lehrt seit 1990 europäische Gegenwartsgeschichte am St Antony's College der Universität Oxford. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit schreibt er regelmäßig Kolumnen in der britischen Zeitung "The Guardian" und engagiert sich in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

jhi/bb,pl (epd/kna/karlspreis.de)

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