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Dschihadismus

Karak – Angriff auf Jordanien

Die Attacke auf die Kreuzfahrerburg von Karak reiht sich in eine Reihe weiterer dschihadistischer Anschläge ein. Sie zeigen, wie gefährdet Jordanien trotz aller politischen und militärischen Antiterror-Maßnahmen ist.

Sprengstoffgürtel und weitere explosive Materialien, die jordanische Sicherheitskräfte in der Stadt Kerak westlich des Toten Meeres fanden, legen eine Vermutung nahe: Die Terroristen, die am Sonntag zunächst eine Polizeistation und dann Besucher der bei Touristen beliebten Kreuzritterburg der Stadt angegriffen hatten, planten offenbar einen weit größeren Anschlag. So erklärte es der jordanische Innenminister Salemeh Hammad auf einer Pressekonferenz am Montagnachmittag. 

Welcher Nationalität die Täter waren, verriet er nicht. Dafür enthüllte sie ein Sicherheitsbeamter: "Die vier toten Kämpfer sind jordanische Mitglieder einer Terrorzelle, die vermutlich zum 'Islamischen Staat' (IS) gehört", sagte er der Nachrichtenagentur AFP.

Beunruhigende Signalwirkung

Ebenso beunruhigend wie die potentielle Schlagkraft der nun ausgehobenen Zelle dürfte  die Signalwirkung des Anschlags sein. Er rief den Jordaniern, vor allem der Weltöffentlichkeit in Erinnerung, dass auch in dem - vergleichsweise - friedlichen Staat mit dschihadistischem Terror jederzeit zu rechnen ist. Dies auch darum, weil Jordanien als bislang einziges arabisches Land der internationalen Koalition gegen den IS beigetreten ist.

Jordanien Kreuzritterburg in Kerak (imago/imagebroker)

Beliebtes touristisches Ziel: die Kreuzritterburg von Karak

Noch im Juni hatte ein dschihadistisches Selbstmordkommando sieben Beamte an der Grenze zu Syrien durch einen Sprengstoffanschlag mit in den Tod gerissen. Im gleichen Monat erschoss ein Dschihadist fünf Angehörige des jordanischen Geheimdienstes. Der Mann wurde gefangengenommen. Islamistische Kreise hatten verlauten lassen, er sei gefoltert worden. Im November dann töteten Terroristen bei einem Angriff auf einen amerikanischen Militärkonvoi vier US-Soldaten und einen jordanischen Offizier.

Der Kontext des Anschlags

Dass sich auch der jüngste Anschlag in einen größeren Kontext reiht, legt die Wahl des Ortes nahe: Karak ist die Heimatstadt des jordanischen Kampfpiloten Muas al-Kasasba. Dieser war im Dezember 2014 mit seinem Kampfjet nahe der syrischen Stadt Rakka abgestürzt und von Mitgliedern des IS gefangen genommen worden. Rund zehn Tage später wurde er von den Terroristen bei lebendigem Leib verbrannt. Von dem Mord stellten sie ein Video ins Internet.

Daraufhin hatte Jordanien groß angelegte Vergeltungsschläge gegen den IS geführt. Unmittelbar nach Veröffentlichung des Videos ließen die jordanischen Behörden zudem die bereits zum Tode verurteilte Terroristin Sadschida al-Rischawi hinrichten. Sie hatte sich zusammen mit ihrem Mann Ende 2005 an einer Anschlagsserie auf mehrere Hotels in Amman beteiligt. 60 Menschen starben. Al-Rischawi überlebte, weil der Zünder ihres Sprengstoffgürtels versagte.

Jordanien - Protest Pro Pilot Muas al-Kasasba (picture-alliance/epa)

Trauerkundgebung für den getöteten Piloten Muas al-Kasasba

Macht und Ohnmacht der Politik

Der jordanische König Abdullah II. hat es vermocht, sein Land - mit Grenzen unter anderem zu Israel, Syrien, Irak und Saudi-Arabien in einer höchst unruhigen Region gelegen - vergleichsweise ruhig und stabil zu halten. Gleichwohl zeigte die mit 37 Prozent äußerst geringe Beteiligung an den Parlamentswahlen im September dieses Jahres, dass viele Jordanier sich von der etablierten politischen Szene nicht allzu viel erhoffen. Diejenigen, die sich an dem Urnengang beteiligten, wählten vergleichsweise moderat: So kamen die Muslimbrüder  auf nur 12 Prozent der Stimmen. Zugleich stieg die Zahl der weiblichen Abgeordneten auf über 15 Prozent.

Schwierig ist die wirtschaftliche Situation des Landes. Die Arbeitslosigkeit liegt derzeit bei fast 15 Prozent, die der 15-24-Jährigen bei 38 Prozent. Fast ein Viertel der Jordanier leben unterhalb der Armutsgrenze. Auf diese Herausforderung hat der König kaum mit sozial- umso stärker aber mit sicherheitspolitischen Maßnahmen reagiert. Belastet wird der Staatshaushalt trotz internationaler Hilfe durch die rund 1,4 Millionen syrischen Flüchtlinge.

Dschihadistische Verführer

Diese Situation mag dazu beitragen, dass sich Teile der Bevölkerung für die dschihadistische Ideologie, etwa des IS, interessiert. "Der IS hat meine Unzufriedenheit ausgenutzt", berichtet eine junge Jordanierin der Associated Press. Sie hatte Psychologie studiert, aber selbst drei Jahre nach ihrem Abschluss keine Anstellung gefunden. "Mitglieder des IS versprachen mir eine Anstellung und ein Haus." Daraufhin wurde sie Mitglied der Organisation.

Angesichts der Brutalität und des Fanatismus in den Reihen des IS entschloss sie sich aber, die Organisation wieder zu verlassen. Andere hingegen blieben. Gut 3000 Jordanier sollen nach Ausrufung des Kalifats für den IS gekämpft haben. Dessen Gründung geht ebenfalls auf einen Jordanier, den 2006 von den Amerikanern getöteten Terroristen Abu Mussabal-Zarqawi, einen Vertrauten Bin Ladens, zurück.

Ein islamistischer Prediger gegen den Terror

Um den IS und andere islamistische Terrorgruppen ideolgisch zu bekämpfen, griffen die ordanischen Behörden nach der Ermordung des Piloten Muaz al- al-Kasasba auf die Dienste des einflussreichen dschihadistischen Predigers Abu Mohammed Al-Makdisi zurück. Der 1959 im Westjordanland geborene Religionsgelehrte gilt als Vordenker jener radikalen sunnitischen Kreise, aus denen die Terrorgruppe "Al Kaida im Irak" hervorging. Diese wiederum ging auf einigen Umwegen in den "Islamischen Staat" über.

Abu Mohammed al-Maqdisi mit Abu Qatada 24.09.2014 (picture-alliance/AP Photo/M. Hannon)

Dschihadist gegen den IS-Terror: Abu Mohammed al-Makdisi (li.)

Seit dem Jahr 2004 kritisiert Al-Makdisi Gewaltanwendung gegen Muslime. Muslime dürften nicht gegen Muslime vorgehen, schrieb er. Gewalt sei nur gegen illegitime Herrscher zulässig. Im Mai 2014 bezeichnete er den IS als "abartige Organisation".

Anschlag auf die Tourismusindustrie

Dass sich auch von seinen Aufrufen nicht alle jordanischen Dschihadisten beeinflussen lassen, zeigen die Attentate dieses Jahres. Das jüngste von diesem Wochenende ist nach Einschätzung der Zeitung Rai al-yawm besonders verheerend: "Der Umstand, dass die Attentäter die Burg von Karak ins Visier nahmen, deutet darauf hin, dass sie mit ihrem Angriff auch die Tourismus-Industrie des Landes treffen wollten."

Der Tourismus ist eine der zentralen Einnahmequellen des Landes. Doch nicht nur diese sind gefährdet, fürchtet die Zeitung. Nachdem die Dschihadisten in Syrien und im Irak immer weiter zurückgedrängt worden sind, dürften sie nun in andere Länder ausweichen. Eine der ersten Adressen könnte das benachbarte Jordanien sein.

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