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Kultur

Kampf um Balakot

150 Kilometer nördlich der pakistanischen Hauptstadt liegt Balakot. Die Regierung hat entschieden, die zerstörte Stadt nicht wieder aufzubauen und die Einwohner umzusiedeln. Die Betroffenen lehnen die Umzugspläne ab.

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Die Kinder hausen wie die meisten in Zelten oder Wellblechhütten

Balakot liegt in Schutt und Asche. Die Hälfte der Einwohner ist durch das Erdbeben umgekommen. Die Stadt ist von Massengräbern und von den kleinen Erdhügeln der schnell geschaufelten Einzelgräber durchzogen. Aber Balakot ist keine tote Stadt. Die Überlebenden wollen ihre Häuser so schnell wie möglich wieder aufbauen. Viele suchen in den Ruinen nach brauchbarem Baumaterial. Auch der 26-jährige Rashid Amir möchte Balakot wieder so aufbauen, wie es vor dem 8. Oktober war. Doch die von der Regierung in Aussicht gestellte Unterstützung trifft nicht ein. "Wir müssen überall in langen Schlangen stehen, um Hilfe zu bekommen", beklagt er sich. "Wir müssen erst ein Konto eröffnen, wenn wir Geld bei der Regierung beantragen wollen. Und die Armee ist auch nicht hier, um uns zu helfen."

Neubau statt Wiederaufbau

Dossier Erdbeben Kaschmir Die Menschen von Balakot leben mit den Trümmern.

Die Menschen leben mit den Trümmern

Die Armee ist nicht mehr da, weil die pakistanische Regierung andere Pläne hat. Die zentrale Wiederaufbaubehörde ERRA (Earthquake Reconstruction and Rehabilitation Authority) hat mit der ausdrücklichen Zustimmung von Staatschef Pervez Musharraf entschieden, Balakot nicht wieder aufzubauen. Der Beschluss stützt sich auf ein seismologisches Gutachten, dessen Einzelheiten nur bruchstückhaft bekannt sind. Danach ist Balakot eine tiefrote Erdbebenzone, Prädikat "besonders gefährdet". Deshalb soll die Bevölkerung im Laufe der nächsten vier Jahre in eine Modell-Stadt mit einheitlichen Häusern umgesiedelt werden, rund 25 Kilometer südwestlich von Balakot.

Wie viele andere will auch der Schreiner Alam Zaib keine neue Stadt. "Das hier ist unsere Stadt. Wir sind hier geboren und aufgewachsen. Unsere Toten sind hier begraben." Er hat sich zwischen den Trümmern im Stadtzentrum eine kleine Werkstatt unter blauen Plastikplanen eingerichtet. Als nächstes will er für sein zerstörtes Haus bei der staatlichen Wiederaufbaubehörde ERRA einen Kompensationsantrag stellen. Den Opfern des Erdbebens steht eine staatliche Wiedergutmachung von 1250 Dollar für teilweise zerstörte und von 3920 Dollar für komplett zerstörte Häuser zu. Aber der 42-jährige Schreiner hat Angst, dass er das Geld nicht bekommt, solange er in Balakot wohnt: "Die Regierung hat uns bis jetzt zu nichts gezwungen. Sie sagt uns nur, wie gefährlich es ist, hier zu leben. Ich hoffe, dass wir das Problem schnell lösen können."

Freie Wahl?

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Balakot - Eine ganze Stadt liegt in Schutt und Asche

Wenn ausländische Medien da sind, präsentiert sich Bürgermeister Junaid Quasim ganz als Mann des Volkes, der immer ein offenes Ohr für die Sorgen seiner Bürger hat. Er gleitet mit schnellen Schritten durch die Reihen der Wartenden vor seinem Zelt, vertröstet gestenreich, beschwichtigt wortreich. Und bleibt immer in der Nähe des Mikrofons. "Wir haben gemeinsam mit der Bevölkerung von Balakot entschieden, die rote Zone aufzugeben und die Menschen in nur 25 Kilometer Entfernung neu anzusiedeln, in der Modell-Stadt Bakreal. Die Regierung plant, dort eine ganz neue, moderne Stadt aufzubauen."

Niemand wird gezwungen, betont Bürgermeister Junaid Quasim immer wieder. Aber welche Wahl haben die Bürger in der roten Zone und in den umliegenden Bergdörfern, wenn es um sie herum keine Straßen, Schulen, Krankenhäuser und Behörden gibt? Wenn sie keine Wiederaufbaugelder bekommen, sondern nur Fertighäuser für den Übergang? Der Berufspolitiker winkt ab. Er hält die Investitionen in eine neue Stadt für die beste Kompensation für die Bürger von Balakot. "Das muss jeder begreifen. Wenn wir unsere Leute hier lassen, dann werden die ausländischen Geldgeber nicht investieren."

Die Wut der Düpierten will sich Luft machen

Dossier Erdbeben Nordpakistan Akute Einsturzgefahr. In den meisten Ruinen von Balakot ist kein Leben mehr möglich

Akute Einsturzgefahr: In den Ruinen ist kaum Leben möglich

Irshad Malik, pensionierter Offizier des pakistanischen Militärgeheimdienstes, hat durch das Erdbeben 54 Mitglieder seiner Großfamilie verloren, darunter seine erste Frau. Er zählt sich zu den gewichtigen Stimmen der Stadt, und seine Wut über das, was er für eine einzige große Lüge hält, ist grenzenlos. "Der Bürgermeister ist nur noch selten hier und spricht nicht mit uns. Ich würde ihm auch ins Gesicht sagen, dass er lügt und dass er sich nicht um uns kümmert. Er denkt nur an sich und an seine politische Karriere. Ein Bürgermeister ist für seine Gemeinde da und sollte sie nicht verraten."

Der 64-jährige hat sich an der alten Hauptstraße eine kleine Bretterbude gezimmert, in der er Süßigkeiten und Getränke verkauft. Während er spricht, drängt sich eine große Menschentraube aus Männern um seinen Laden. Sie alle wollen sich zur Wehr setzen. "Wir werden zu friedlichen Demonstrationen aufrufen, aber es ist möglich, dass die Wut der Menschen darüber hinausgeht." Die Umstehenden nicken heftig und fragen sich, warum die Regierung im fernen Islamabad an ihnen vorbeiplant. San Francisco sei doch auch eine rote Erdbeben-Zone, sagen sie, aber niemand sei bisher auf die Idee gekommen, San Francisco zu verlegen.

Dossier Erdbeben Alles verloren - Irshad Malik war mal ein reicher Mann

Alles verloren - Irshad Malik war mal ein reicher Mann

Irshad Malik macht sich auf den Weg zu dem Schuttberg, der einmal sein Haus war. Die Trümmer liegen auf einer kleinen Anhöhe. Von hier oben hat er einen Panoramablick auf Balakot, auf das Zentrum der zerstörten Touristen- und Bergsteigerstadt, die vor dem Erdbeben ein Tor zum berühmten Nanga Parbat war. "Es ist für mich jedes Mal sehr schmerzhaft, hierher zu kommen. Mein Haus war wunderschön, ich hatte ein großes Haus. Aber alles, was geschehen ist, ist durch Allahs Willen geschehen. Wir folgen Allahs Weg. Ich werde mein Land nicht aufgeben. Ich wäre schon damit zufrieden, hier ein einfaches, kleines Haus zu bauen."

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