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Politik

Extremisten dominieren Erdbeben-Hilfe

Die internationale Hilfe für die Erdbeben-Opfer in Pakistan reicht noch immer bei weitem nicht aus. Das Vakuum füllen radikale islamistische Organisationen.

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Zeltlager in Muzaffarabad

Hafiz Mohammed Sayeed Gründer und Führer der extremistischen Moslemorganisation Lashkar-e-Toiba in Pakistan

Hafiz Mohammed Sayeed, Gründer von LeT und JuD

Es klingt düster, wenn Jamal Amjad von der Situation im pakistanischen Erdbeben-Gebiet berichtet. Zehntausende von Betroffenen hätten noch keinerlei Hilfe erhalten. "Wir bräuchten 30 Helikopter, um Hilfsgüter zu den Verteilungsbasen in den Bergen zu fliegen, aber wir haben nur 15", sagt der Sprecher des Welternährungsprogramms (WFP) in Pakistan. Nach wie vor verfüge das WFP erst über ein Fünftel der benötigten 100 Millionen Dollar. Dabei dränge wegen des beginnenden Winters die Zeit.

Während sich die Geberländer zurückhalten, machen sich militante islamistische Gruppen in der Erdbebenregion einen Namen als effektive Helfer. Besonders hervorgetan hat sich dabei die Jamaat-ul-Dawa (JuD), die als eine der ersten Organisationen - und vor der Armee - Zeltstädte für Obdachlose und Feldlazarette zur Behandlung von Verletzten errichtete. Die Organisation ist eng mit dem Terrorverband Lashkar-e-Toiba (LeT) verflochten - jener Gruppe, die unter anderem für die Bombenanschläge in der indischen Hauptstadt Neu Delhi verantwortlich gemacht wird, bei denen Ende Oktober 61 Menschen starben. Die LeT, die im indischen Teil Kaschmirs gegen die Armee kämpft, wurde in Pakistan 2002 auf Druck der USA verboten.

Angriffe auf Hilfstransporte

Erdbeben Opfer in Kaschmir Indien

Erdbebenopfer in Kaschmir

"An den Hilfsoperationen sind fast nur religiöse und extremistische Gruppen beteiligt. Die JuD ist dabei die dominierende Kraft", sagt Farooq Sattar, stellvertretender Vorsitzender der Regionalpartei MQM. Dass die Partei, die ihre Machtbasis in der fernen Provinz Sindh hat, 800 Freiwillige in die Katastrophenregion schickte und neun Zeltlager aufbaute, missfiel den dort verwurzelten islamistischen Gruppen. "Unsere Helfer wurden ständig belästigt und bedroht", sagt Sattar. Aktivisten der JuD hätten Lkws der MQM geplündert und die Hizb-ul-Mujahideen, eine in Indien aktive Kampftruppe, habe das Lager in Muzaffarabad in einer Drohgebärde mit 50 bewaffneten Kämpfern umstellt. Schließlich seien zwei MQM-Lager überfallen und die Helfer brutal verprügelt worden; zwei erlitten Schussverletzungen. Nachdem die MQM daraufhin am vergangenen Dienstag (8.11.2005) gedroht hatte, ihre Arbeit in Kaschmir zu beenden, stellte die Regierung Sicherheitskräfte zum Schutz der Lager bereit.

Auch dass die NATO rund 1000 Spezialkräfte - zumeist Ingenieure und Mediziner - in die Region entsandt hat, stört die radikalen Islamisten. So erklärte Munawar Hussain, Vize-Chef der fundamentalistischen Partei Jamaat-e-Islami, die ebenfalls an den Hilfsoperationen beteiligt ist, dies gefährde die nationale Sicherheit. Anfang November wurde ein amerikanischer Militärhubschrauber, der Hilfsgüter transportierte, nach Angaben der US-Armee mit einer Rakete beschossen.

Lob von der Regierung

Pervez Musharraf besucht Erdbebenopfer

Pervez Musharraf bei einem Besuch in der Erdbebenregion

Angesichts des humanitären Engagements der islamistischen Gruppen ist auch die Regierung voll des Lobes. Präsident Pervez Musharraf sagte, Organisationen wie die Jamaat-ud-Dawa leisteten "gute Arbeit" - freilich nicht ohne den Hinweis, dass es ihnen nicht gestattet werde, "Menschen für Extremismus oder Militanz zu gewinnen". Innenminister Aftab Khan Sherpao nannte die Gruppen gar "die Lebensader unserer Rettungs- und Hilfsarbeiten".

"Es ist verstörend zu sehen, wie diese Organisationen alles in der Hand haben und dabei jede Unterstützung vom Militär bekommen", sagt der prominente Menschenrechts-Aktivist Ansar Burney, der bis Montag (14.11.2005) mehrere Wochen in der Katastrophenregion war. "Wenn diese Gruppen verboten sind, wie der Präsident dem Westen immer versichert, warum können sie dann frei in einer so sensiblen Region wie Azad Kaschmir operieren?"

Waisenkinder als Terroristen der Zukunft?

Grenzöffnung im Kaschmir-Gebiet Pakistan Indien Grenze Tritinote

Grenzöffnung zwischen Indien und Pakistan am 7. November

Burney wirft der JuD vor, systematisch nach Kindern zu suchen, die ihre Eltern verloren haben, um sie für den Kampf im indischen Teil Kaschmirs auszubilden: "Sie wollen sie zu Terroristen machen." In mehreren Zeltlagern der JuD hingen riesige Transparente mit der Aufforderung: "Bringt Waisen nicht zu den ausländischen Juden, sondern zu Muslimen." Die Kinder würden in eine Madrassa in dem Ort Bagh gebracht - die Koranschulen radikaler pakistanischer Gruppen haben unter anderem die afghanischen Taliban hervorgebracht und gelten als Ausbildungsstätte für Terroristen.

Die JuD gibt an, mit zahlreichen internationalen Hilfsorganisationen wie dem Welternährungsprogramm (WFP) zusammenzuarbeiten. In einem Bericht auf der Internet-Seite der Organisation, der anscheinend auf Angaben von dem JuD-Koordinator Haji Javedul Hasan basiert, heißt es, das WFP händige die Hilfsgüter zur Verteilung an die Organisation aus. Eine Behauptung, die der WFP-Sprecher Amjad zurückweist: "Wir arbeiten nicht mit der JuD oder anderen religiösen Organisationen zusammen."

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