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Kultur

Künstler für und gegen die Unabhängigkeit Kataloniens

Der Streit um die Katalonienfrage wird hitziger. Die Fronten sind verhärtet - auch unter den Kulturschaffenden. Auf beiden Seiten gibt es prominente Künstler, die engagiert für ihre Sache kämpfen.

"Nehmt nicht teil! Geht nicht wählen!" So leidenschaftlich riefen rund 2000 Künstler und Intellektuelle im September die Katalanen dazu auf, dem Unabhängigkeitsreferendum am 1. Oktober fernzubleiben. In ihrem Manifest, das sie in der spanischen Tageszeitung "El País" veröffentlichten, kritisierten sie zwar die Blockadepolitik und geringe Dialogbereitschaft der spanischen Zentralregierung in der Katalonienfrage, bezeichneten das Referendum aber als "illegal, undemokratisch und undurchsichtig". 

Unterzeichner waren prominente Künstler wie die katalanische Regisseurin Isabel Coixet, ihr Kollege Pedro Almodóvar, der Liedermacher Joan Manuel Serrat oder die Schriftsteller Javier Marías, Juan Marsé und Nuria Amat. Diese Haltung kommt bei vielen Katalanen nicht gut an: Isabel Coixet, deren Film "Nobody Wants the Night" 2015 die 65. Berlinale eröffnet hatte, musste sich wegen ihres Engagements zugunsten der spanischen Einheit eines Shitstorms der Separatisten erwehren und sah sich sogar genötigt zu erklären: "Ich bin keine Faschistin."

Der eruanische Literarturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa spricht in ein Mikrofon (picture-alliance/dpa/U. Ruiz Basurto)

Für den Verbleib Kataloniens im spanischen Staat: Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa

Benachteiligung katalanischer Andersdenkender

Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa ist kein Katalane, nicht einmal gebürtiger Spanier. Dennoch wird der Peruaner mit spanischem Pass leidenschaftlich, wenn es um die Frage nach Kataloniens Verbleib in Spanien geht. Kürzlich bezeichnete er den Unabhängigkeitsprozess als "eine Krankheit, die sich in Katalonien ausbreitet. Es ist ein absurder Quatsch, ein Anachronismus, der nichts mit der Wirklichkeit unserer Zeit zu tun hat." 

Die deutsche Literaturkritikerin, Übersetzerin und Schriftstellerin Cecilia Dreymüller lebt seit rund 25 Jahren in Barcelona. Sie kritisiert die nationalistisch geprägte Haltung der katalanischen Regierung und deren Folgen: "Die Nichtachtung der Zweisprachigkeit der katalanischen Gesellschaft, die Ausschließlichkeit des Katalanischen, haben zum systematischen Ausschluss der spanischsprachigen Kulturschaffenden aus den Institutionen und dem öffentlichen Kulturleben geführt." Dabei verweist sie auf die Frankfurter Buchmesse 2007, bei der Katalonien Gastland war, aber kein einziger spanischsprachiger katalanischer Schriftsteller eingeladen wurde. Nuria Amat ist eine von ihnen. Sie fühlt sich seit langem benachteiligt: "Autoren wie ich, die gegen den Nationalismus sind und nicht auf Katalanisch schreiben, werden von den katalanischen Kulturinstitutionen, der separatistischen Presse, den Buchverlagen und den Universitäten systematisch zensiert und ausgeschlossen", sagt sie. 

Franco ist noch immer in den Köpfen

Die Furcht vor negativen Reaktionen lassen viele Unabhängigkeitsgegner verstummen. Es gebe unter Kataloniens, aber auch unter Spaniens Intellektuellen eine gewisse "Feigheit, sich gegen die aggressiv auftretende Masse katalanischer Separatisten öffentlich aufzulehnen," sagte der baskische Philosoph Fernando Savater der österreichischen Presseagentur APA.

Jose Carreras singt in ein Mikrofon (picture-alliance/dpa/J. Niering)

Prominenter Anhänger der "Independentistas": Tenor José, eigentlich Josep, Carreras

Professor Dieter Ingenschay, Kulturwissenschaftler und Experte für spanische und lateinamerikanische Literatur, hat Kontakt zu zahlreichen Kulturschaffenden in Spanien. Darunter sind auch "Independentistas", also Unabhängigkeitsbefürworter: "Für viele Intellektuelle und Kulturschaffende spielt die Vergangenheit, das Franco-Regime, beim Gedanken an die Unabhängigkeit eine große Rolle", sagt er.

Einer der berühmtesten Künstler in Reihen der Separatisten ist Tenor José Carreras: "Ich bin ein überzeugter Nationalist. Ich hege eine sehr starke Zuneigung zu Katalonien, zu meinem kleinen Land. Aber warum sollte das für Europa schlecht sein?", sagte er 2016 in einem Interview mit dem ORF. Carreras erklärte, dass es ihm zu Beginn seiner Karriere verboten wurde, seinen katalanischen Namen "Josep" zu tragen. Er habe sich aber immer als "Josep" gefühlt, auch wenn man ihn in "José Carreras" umgetauft habe. Wenn man ihn mit seinem katalanischen Namen "Josep" anspreche, mache ihn das stolz. 

Neue Fragen

Mit dem brutalen Vorgehen der Polizei gegen die katalanischen Bürger, die am 1. Oktober zur Wahl gehen wollten, haben die Gegner der spanischen Zentralregierung unter Ministerpräsident Mariano Rajoy neue gewichtige Argumente bekommen. Rafael M. Mérida Jiménez, Professor für spanische Literaturwissenschaft und Wissenschaftler am Centre dona i literatura der Universität Barcelona, fasst sie zusammen: "Nach meinem Urteil steht nicht die Frage 'Unabhängigkeit ja oder nein' im Zentrum, sondern 'Meinungsfreiheit ja oder nein', 'polizeiliche Repression ja oder nein'. Mir missfällt ein Staat, der ungerechtfertigte polizeiliche Maßnahmen anordnet, rechtfertigt oder ignoriert."

Schild, auf dem die spanische Flagge zu sehen ist, darauf eine Friedenstaube. Im Hintergrund Demonstranten.(Getty Images/AFP/J. Soriano)

Gibt es eine friedliche Lösung? Demonstranten am 1. Oktober in Madrid

Kulturwissenschaftler Dieter Ingenschay wünscht sich, dass sich die Zentralregierung in Madrid bewegt: "Das Argument, dass das Referendum verfassungswidrig ist, ist zwar ein gewichtiges. Es darf aber nicht das einzig gültige sein." Er plädiert für einen Mittelweg: eine föderalistische Neuordnung Spaniens anstelle des heutigen Zentralismus und eine damit verbundene stärkere Autonomie der Regionen. Dazu wäre allerdings eine Verfassungsreform notwendig.

Für die katalanische Kultur, die große Künstler wie Salvador Dalí, Joan Miró und Antoni Gaudí hervorgebracht hat, sehe es in jedem Fall düster aus, erklärt die Unabhängigkeitskritikerin Cecilia Dreymüller: "Die ehemalige soziale und kulturelle Pluralität Kataloniens, ganz besonders aber Barcelonas, ist in Gefahr unterzugehen. Das ist ein Prozess, der schon unter der Regierung Pujol (Jordi Pujol, Regierungschef Kataloniens von 1980 bis 2003, Anm. d. Red.) angefangen hat und nicht mehr aufzuhalten ist. Viele Kulturschaffende sind bereits aus Katalonien weggegangen, und es werden weitere folgen."

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