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Deutschland

Köln nach dem Schock

Begrapscht, bedrängt, beklaut: Viele Frauen haben in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof schreckliche Szenen erlebt. Wie leben die Menschen rund um den Bahnhof nun mit dem Schrecken? Von Vera Kern, Köln.

Wenige Tage nach der dramatischen Silvesternacht wirkt der Kölner Hauptbahnhof fast normal: Pendler hetzen im Stechschritt zu ihren Zügen. Touristen posieren im Nieselregen für Fotos mit dem Kölner Dom im Hintergrund, der direkt neben dem Bahnhof liegt. Doch es ist eine trügerische Normalität. Der Schrecken über die Ereignisse sitzt bei allen tief.

"Das war komplett unerwartet", erzählt ein junger Mann, der bei einer Fastfood-Kette im Bahnhof arbeitet. Dass an Silvester mehr los sein würde, hatte er befürchtet. Aber so etwas? Er hat beobachtet, wie nur zehn Meter von seiner Theke entfernt etliche Frauen von Männer begrapscht wurden. Aufmüpfig und äußerst aggressiv seien die Männer gewesen. Sie hätten den Frauen die Röcke heruntergezogen und ihnen zwischen die Beine gefasst. "So etwas habe ich noch nie gesehen", sagt er, immer noch sichtlich geschockt.

Verkäuferinnen am Bahnhof verängstigt

Ein paar Geschäfte weiter sortiert eine junge Frau an einem Kiosk Süßigkeiten in ein Regal ein. Es ist ihr erster Arbeitstag im neuen Jahr. In der Silvesternacht hatte sie "zum Glück" frei. Der Kiosk liegt gleich in der Bahnhofseingangshalle. Bei Großveranstaltungen kaufen viele, oft auch angetrunkene Menschen hier nachts Zigaretten oder Schokoriegel.

Kölner Hauptbahnhof - Foto: Vera Kern (DW)

Kölner Bahnhofsvorplatz: Auf den ersten Blick wirkt alles normal - doch der Schock sitzt tief

Auch die 27-jährige Verkäuferin ist fassungslos angesichts der vielen sexuellen Übergriffe auf Frauen, die nur ein paar Schritte von ihrem Arbeitsplatz entfernt passiert sind. Jetzt hat sie Angst - und deshalb beschlossen: "An Wochenenden und zu Karneval mache ich keine Nachtschichten mehr."

Enthemmt und betrunken

Wer einige Tage nach Silvester über den Bahnhofsvorplatz spaziert, kann sich nur schwer vorstellen, was sich hier in der Neujahrsnacht abgespielt haben muss: Bis zu 1000 junge Männer, etwa zwischen 18 und 35 Jahren, sollen sich versammelt haben. Augenzeugen berichten, die Männer hätten "nordafrikanisch" ausgesehen. Bislang steht die Herkunft jedoch nicht fest.

Klar zu sein scheint hingegen: Sie waren betrunken und haben "völlig enthemmt" Feuerwerkskörper in die Menge geworfen, so die Polizei. Aber erst gegen 1 Uhr nachts habe man einen konkreten Notruf erhalten, der sich auf einen sexuellen Übergriff bezog, berichtet der Kölner Polizeichef Wolfgang Albers. Zuvor wurde die Polizei vor allem wegen Taschendiebstählen gerufen. In der ganzen Nacht waren es drei Anrufe wegen sexueller Belästigung.

Henriette Reker und Wolfgang Albers - Foto: Wolfgang Rattay (Reuters)

Bürgermeisterin Reker und Polizeichef Albers: "Erst um 1 Uhr nachts der erste Notruf wegen sexueller Belästigung"

Wie kann es sein, dass an einem so symbolträchtigen Ort und ausgerechnet zur Silvesternacht eine Situation so außer Kontrolle geraten konnte? Wieso hat die Polizei die Lage nicht in den Griff gekriegt? Neben der Betroffenheit ist das der vorherrschende Gedanke unter den Passanten und Menschen, die rund um den Bahnhof arbeiten. Wut mischt sich in die Fassungslosigkeit.

Mehr Polizei, mehr Überwachung

Für den Juwelier Ibrahim Öztürk ist klar: Die Polizei hat komplett versagt. Sein Luxus-Schmuckgeschäft liegt hinter dickem Panzerglas direkt am Bahnhofsvorplatz. Angst wegen vermehrter Diebstähle habe er nicht. Aber er sorgt sich um seine Mitarbeiterinnen: Viele fahren mit der Bahn und hätten nun Angst, nachts alleine hier in der Gegend unterwegs zu sein.

Juwelier Ibrahim Öztürk - Foto: Vera Kern (DW)

Juwelier Öztürk: "Die Polizei hat versagt"

Auch eine Frau um die 50, die gerade ihr Fahrrad anschließt, um zum Zug zu laufen, sieht nun ganz klar die Polizei in der Pflicht. "Hoffentlich können mithilfe der Handyvideos die Täter schnell ermittelt werden", sagt sie. Der Gedanke, es hätte auch sie treffen können, besorgt sie. Hinzu kommt aber auch eine weitere Sorge: Hoffentlich werden jetzt nicht Flüchtlinge unter Generalverdacht gestellt.

Die Stadt Köln indes bemüht sich, die Bürger und vor allem die Bürgerinnen zu beruhigen. Künftig sollen deutlich mehr Polizisten im Einsatz sein. Und zwar nicht nur bei Großereignissen. Auch über mehr Videoüberwachung wird diskutiert. Als Oberbürgermeisterin Henriette Reker und Polizeichef Albers ihr Sicherheitskonzept präsentieren ist ihnen jedenfalls anzumerken: Auch sie sind immer noch geschockt.

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