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Musik

Juni 1966: Die Beatles machen Deutschland verrückt

Vor der Beatles-Blitztournee hatte man in Deutschland nur eine leise Ahnung, was diese "Beatlemania" bedeutete. Doch als die Band im Juni 1966 deutschen Boden betrat, wurde sofort klar, was das hieß.

Die Jugendzeitschrift "Bravo" holt die Fab Four im Juni 1966 für drei Tage nach Deutschland. Erstmals seit 1962 sind sie wieder da - das Fieber ergreift nicht nur die Fans, die ohnehin seit Jahren verrückt nach den Beatles sind, sondern auch die Presse. Die hat schon lange die steile Karriere der "vier Sängerknaben aus Liverpool" mit mehr Argwohn als Neugier verfolgt. Aber nicht ohne eine gewisse Faszination. Und genau diese Mischung schlägt zu Buche, als die mittlerweile "weltberühmte Beat-Band" für drei Tage nach Deutschland kommt und eine Welle der Hysterie - den Höhepunkt der deutschen Beatlemania - auslöst.

Plötzlich muss man sich mit den Fans beschäftigen, diesen "langmähnigen Teenagern", die man im vermufften Nachkriegsdeutschland eigentlich für verrückt hält. Zeitungen bemühen sich um Interviews mit Psychologen, um das merkwürdige Verhalten der Teenager besser deuten zu können und zu klären, dass von diesen Leuten keine Gefahr für die Gesellschaft ausgeht.

Bravo-Cover zur Blitztour (Foto: Archiv Herbert Hauke)

Das Cover der "Bravo" zur Blitztour

Krawalle gibt es auch zunächst nicht. Nur immer wieder Anhäufungen von schreienden Teenagern, die meisten davon weiblich, "knapp bekleidet in ihren Miniröcken". Sie erwarten die Beatles am Münchener Flughafen - und kreischen. Sie belagern das Hotel - und kreischen. Sie besuchen die Konzerte - und kreischen.

Jedes Detail wird zur Nachricht

Währenddessen verfolgt die Presse die Fab Four auf Schritt und Tritt - die Münchener Abendzeitung will sogar beobachtet haben, dass die vier Herren sich nach ihrer Ankunft im Münchener Luxushotel in ihre Suiten zurückgezogen, Schallplatten gehört und Tee mit Milch und Zitrone getrunken haben. Am späteren Abend gibt es eine Poolparty auf dem eigens für sie reservierten Hoteldach. Paul schwimmt. Die anderen ziehen es vor, Whisky zu trinken.

Auch das Frühstück wird genauestens beschrieben: "Die Pilzköpfe schlafen lange, essen relativ einfach und trinken gewaltig", schreibt der "Mittag", eine Zeitung aus dem Ruhrgebiet. "Sie verzehrten ein Frühstück, das aus Tee mit Milch, Cornflakes, und für Paul und Ringo zusätzlich aus Schinken und Spiegeleiern, für George und John aus Filetsteaks und Salaten bestand. Dazu brachte der Ober nicht weniger als sechs Flaschen Cola, drei Flaschen Whisky, zwei Flaschen Wein und 36 Flaschen Seven Up." Die Fans saugen jedes dieser Details auf. So ist anzunehmen, dass die schreibende Zunft in diesen Tagen die eine oder andere Tatsache auch mal "frisiert" hat, um mehr Leser anzulocken.

Lärm, Krach und Gebrüll

Nach zwei Konzerten in München geht es weiter nach Essen, wo die Beatles ebenfalls zwei Konzerte geben, bevor sie in den Nachtzug nach Hamburg steigen. Hier sollen sie - anstatt zu schlafen - sich ordentlich einen hinter die Binde gekippt haben.

Die Fans fallen weiterhin nur durch Lautstärke und hysterische Zusammenbrüche auf. Doch während die Band ihr zweites Konzert in Hamburg spielt, rotten sich draußen die "Rowdys" zusammen - Krawallbrüder, die randalierend durch die Straßen ziehen, Schaufensterscheiben einwerfen und Autos umkippen. Es fällt der Presse schwer, die Krawalle von den Beatleskonzerten zu trennen. Denn für die meisten Journalisten ist das, was sich in den Hallen abspielt, Lärm und Teufelszeug. Da "reißen sich junge Mädchen die Kleider vom Leib", andere müssen wegen Schreikrämpfen psychologisch behandelt werden. Die "Kölnische Rundschau" beobachtet, wie zwei Jungen in Ekstase verfallen und noch zappeln, als sie bewusstlos fortgeschleppt werden.

Die Eintrittskarte (Foto: Archiv Herbert Hauke)

Die Eintrittskarte kostete im Durchschnitt 15 D-Mark, heute ca. 7 Euro, für damalige Verhälnisse sehr teuer

Und der Krach auf der Bühne erst! Statt mit ihren alten 100 Watt-Verstärkern rücken die Beatles nun mit vier 150 Watt-Verstärkern an und drohen mit ihrer Lautstärke hunderte Trommelfelle zu zerfetzen. Manche ängstigen sich um die Dachkonstruktionen der Hallen. (Funfact: Keine zehn Jahre später pusten Deep Purple ihre Fans bereits mit 10 000 Watt um, heute bringen die Verstärkeranlagen bei großen Festivals bis zu 200 000 Watt.)

Lasst die Kinder doch machen

Als die Beatles nach drei Tagen weiter nach Japan fliegen, schüttelt sich Deutschlands Presse: Die Hysterie ist abgeflaut, der kollektive Wahnsinn ist vorbei. Die Hotels sind glücklich, dass nichts zu Bruch gegangen ist, Hamburg hat lediglich neun zerbrochene Stühle zu beklagen. Journalisten, die einen klaren Kopf behalten haben, bitten ihre Leser, es ihnen gleich zu tun. Der damals sehr beliebte deutsche Schauspieler Harald Leipnitz schreibt in einer Kolumne folgende Sätze: "Ihre Haare sind zwar lang, aber sehr gepflegt. Ihre Hemden sind extravagant, aber sauber. Ich finde die Beatles sympathisch." Zum Schluss seines Textes haut Leipnitz in eine empfindliche Kerbe der Deutschen: "Gerade wir Erwachsenen, die wir schon so eine fatale politische Hysterie erlebt haben, müssten dem Überschwang harmloser pubertärer Begeisterung wohl ein wenig Toleranz entgegen bringen."

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