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Kultur

Junges Kino aus aller Welt in Mannheim

Was bewegt die jungen Filmemacher weltweit? Mit welchen Themen beschäftigen sich iranische und afghanische Regisseurinnen und Regisseure? Antworten gibt es beim 63. Filmfest Mannheim/Heidelberg.

Ein Leben, erzählt in Schuhen. Strukturiert durch einzelne Kapitel, in denen Sandalen, Turnschuhe und Ballerinas die Hauptrolle spielen. Das ist die Idee des iranischen Films "316". Ein ganzes Leben läuft so ab auf der Kinoleinwand vor dem Zuschauer: Elternhaus, Kindheit, Jugend und Erwachsenwerden, Alter und Tod. Der Film des iranischen Filmemachers Payman Haghani mit dem schlichten Titel "316" ist ein kleines Filmwunder, poetisch wie authentisch, unterhaltsam wie künstlerisch gelungen.

Dafür sind Filmfeste da - um Filme zu zeigen, die wohl sonst nie außerhalb ihrer Heimat zu sehen sein werden. Den Sprung in den normalen Kinoalltag finden diese Filme fast nie. Das große Kommerz-Kino, wie wir es vor allem aus Hollywood kennen, besetzt in den Kinos der Welt die meisten Plätze.

Die Festivals füllen heute ein Lücke

Daneben bleibt nicht viel. In Deutschland der heimische Film, ein paar große Namen des europäischen Autorenkinos, dazu ab und an einmal etwas Exotisches. Die Filmtheaterlandschaft abseits der großen Multiplex-Kinos ist im letzten Jahrzehnt stark ausgedünnt. Und weil es weniger Programmkinos gibt und auch die Fernsehanstalten kaum noch auf die Kinoentwicklung fremder Nationen schauen, springen Festivals in die Bresche.

Payman Haghani (Foto: Festival)

Payman Haghani

Der 1982 in Teheran geborene Regisseur Payman Haghani hat mit seinem zweiten Spielfilm beim Festival in Mannheim ein wahres Film-Juwel vorgelegt. Er erzählt eine Lebensgeschichte im Iran in Zeiten politischer Umbrüche. Die Eltern wuchsen noch zu Zeiten des Schahs auf, 1979 folgte die Revolution, Ayatollah Chomeini kam an die Macht. Dann kam der verlustreiche Krieg gegen den Irak und schließlich die langsame Normalisierung des Alltags.

In 72 Minuten: die Geschichte des Iran

Die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen bieten den Hintergrund für Haghanis poetische Filmerzählung. Im Vordergrund erzählt der Regisseur von einer Frau, die auf das Leben ihrer Eltern zurückblickt, auf Kindergarten und Schule, auf ihre Hochzeit, die eigenen Kinder. Sie erzählt davon, wie das Leben mit mächtigen Schritten voranschreitet, von Alter und Tod: Ein Leben in 72 Minuten. "Einen Film zu erzählen über die Füße und die Schuhe der Hauptdarstellerin räumt einem Regisseur in einem islamischen Land die Möglichkeit ein, die Zensur zu umgehen", sagt der Regisseur.

"316" ist ein erstaunlicher Film, vor allem weil er vollständig auf die Gesichter seiner Darsteller verzichtet, mit dokumentarischen Material arbeitet, auch mit symbolischen Bildern, immer wieder mit Schuhen. 315 Paar habe sie in ihrem Leben getragen, erzählt die Frau am Ende des Films. Das letzte Paar, das 316., das sind ihre Totenschuhe. "316" von Payman Haghani ist ein eindrucksvoller wie anrührender Film über die Geschichte des Iran, wie man sie so noch nie zuvor gesehen hat.

Filmstill aus dem Film A few Cubic Meters of Love von Jamshid Mahmoudi (Foto: Festival)

Nur ein kleiner Raum für die Liebe: "A Few Cubic Meters of Love"

Das Festival hat es sich seit Jahren zur Aufgabe gemacht, junges Kino aus aller Welt aufzuspüren. Es hat den Anspruch, aus den rund 8000 Newcomer-Filmen, die jährlich entstehen, die besten auszuwählen. Ein anderes Beispiel ist "A Few Cubic Meters of Love" ("Ein paar Quadratmeter für die Liebe") von Jamshid Mahmoudi aus Afghanistan, der mit seinen Eltern als Kind über Pakistan in den Iran fliehen musste. In Teheran wurde er zum Regisseur ausgebildet, dort spielt auch sein erster Kinofilm.

Flüchtlingsdramen

Mahmoudi blickt auf die Elendsquartiere am Rande der iranischen Hauptstadt. Im Laufe der Jahre haben sich in den Slums viele Flüchtlinge aus Afghanistan angesiedelt. Wellblechhütten, schlichte Handwerksbetriebe und kleine Fabriken, Containeranlagen beherrschen die Szenerie. Saber, ein junger iranischer Vorabeiter und Marona, Tochter eines armen, aber stolzen Afghanen, verlieben sich in einander. Ihr heimlicher Treffpunkt: ein leer stehender Container - ein paar Quadratmeter für die Liebe, um sich auszutauschen, um allein zu sein inmitten der fürchterlichen Armut, der unsicheren Lage.

Die meisten Afghanen halten sich illegal in Iran auf, sind stets auf der Hut vor der Asylpolizei. Zum allem Unglück kommen auch noch die Auseinandersetzungen zwischen den Volksgruppen, Standesdenken, Vorurteile, patriarchalische Machtstrukturen - all das lässt den beiden Liebenden keine Chance.

Jamshid Mahmoudi (Foto: Festival)

Jamshid Mahmoudi

"A Few Cubic Meters of Love" ist eine Art Romeo-und-Julia-Version in den Slums von Teheran, überzeugend in seiner Anklage gegen althergebrachte Strukturen, realistisch in Szene gesetzt, mit authentischen Bildern und von Laien verkörpert. "Die Liebe von Saber und Marona ist aufrichtig und authentisch, durch sie kann ich dem Kinozuschauer besser vermitteln, um was es geht beim großen Thema Flüchtlingsströme", sagt der Regisseur über seinen Film.

Traumziel Europa?

Und was passiert, wenn sich die Menschen auf die Flucht begeben - in den scheinbar glücksbringenden Westen? Davon erzählt "Leave to Remain" des britischen Regisseurs Bruce Goodison, der zwei afghanische Flüchtlinge in London in den Mittelpunkt stellt. Auch das Leben in Großbritannien ist von Gefahren geprägt: Einsamkeit, soziale Benachteiligung, ein Leben weit weg von der Heimat, Konkurrenz zwischen den vielen verschiedenen Gruppen unter den Asylsuchenden - all das verdichtet Goodison zu einem packenden Sozialdrama von geradezu brennender Aktualität. Der Regisseur hat vor allem mit Laien gearbeitet, das verleiht seinem Werk hohe Authentizität.

Filmstill aus dem Film Leave to Remain von Bruce Goodison (Foto: Festival)

Einer der afghanischen Flüchtlinge in "Leave to Remain"

Drei Filme aus Iran, Afghanistan und Großbritannien. Sie alle eint, dass sie auf die Ränder der Gesellschaft blicken, auf die Verstoßenen, die Vertriebenen. Alle drei Filme werden es schwer haben im normalen Kinoalltag. Umso wichtiger ist es, dass solche eindrucksvollen Werke Platz finden auf Festivals wie dem in Mannheim/Heidelberg.

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