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Gesellschaft

Junge Deutsch-Koreaner - die Bildungsaufsteiger?

Die Kinder koreanischer Gastarbeiter gelten oft als Musterschüler erfolgreicher Integration. Doch so bilderbuchhaft ist die Realität nicht, sagt die 2. Generation.

Es gibt Fragen, die Jee-Un Kim einfach nicht mehr hören kann. Warum sie so gut Deutsch spreche? Ob sie länger bleiben oder nicht doch eines Tages zurückkehren wolle? Die 38-jährige Deutsch-Koreanerin fragt dann leicht verdattert zurück: "Meinen Sie jetzt nach Berlin-Tiergarten oder Berlin-Spandau?" Dann lacht sie, wirft den Kopf in den Nacken, so dass ihr kinnlanger Bob nachwippt. Und blickt plötzlich ernst: Der Schluss, dass Bildung auch gesellschaftliche Integration bedeute, sei falsch, so Jee-Un Kim.

Jee-Un Kim

Jee-Un Kim vom Verein Korientation

Denn auch andere Kommentare kann Jee-Un Kim nicht mehr hören: bildungshungrig, superintegriert. Kurzum das also, was Soziologen mit hoher sozialer Mobilität meinen. Das bedeutet, dass der soziale Aufstieg erfolgreich gelingt. Wie bei den Kindern koreanischer Gastarbeiter: In nur einer Generation erfolgte der Sprung vom Arbeiter zum Akademiker. Denn Jee-Un Kims Eltern kamen wie etwa 20.000 andere Koreaner in den 1960er und 1970er Jahren als Bergarbeiter und Krankenschwestern nach Deutschland. Sie folgten dem deutsch-koreanischen Anwerbeabkommen vom 16. Dezember 1963.

Heute, 50 Jahre später, leben laut dem Bundesamt für Statistik an die 26.000 Koreaner in Deutschland, zählt man die Eingebürgerten hinzu, sind es zwischen 30.000 und 40.000. Eine vergleichsweise kleine Migrantengruppe, die kaum im öffentlichen Bewusstsein auftaucht. Wenn überhaupt, wird die Geschichte der zweiten Generation der Deutsch-Koreaner angepriesen, zu der auch Jee-Un Kim gehört. Es ist die Erfolgsgeschichte von Menschen, die als Musterschüler der Integration gelten.


Musterschüler der Integration?

Doch genau diese Erzählart stört Jee-Un Kim. Musterschüler hier, Problem-Migranten dort - man müsse endlich die Kategorien "gut und böse" aufbrechen, meint sie. Denn der Unterschied zu anderen migrantischen Gruppen, die als kriminell und bildungsfern gelten, sei gar nicht so groß: "Die Probleme sind die gleichen". Probleme? Auf den ersten Blick klingt es absurd. Jee-Un Kim hat sogar zwei Studienabschlüsse, einen in Jura und einen in Kulturmanagement. Sie war erfolgreiche Rechtsanwältin, jetzt promoviert sie.

Solche Bilderbuchkarrieren sind nichts Ungewöhnliches unter Deutsch-Koreanern der zweiten Generation. Im Gegenteil: Etwa 70 Prozent haben Abitur, die meisten einen akademischen Abschluss. Aber gelingt Integration allein durch den Bildungsaufstieg? Jee-Un Kim hat zunehmend ihre Zweifel.

Südkoreanische Frauen auf dem Münchner Flughafen

Im Jahr 1970 werden 20 ausgebildete südkoreanische Krankenschwestern in München begrüßt.

Das war nicht immer so. Als Kind fand sie es zwar unangenehm, wenn man sie mit "Sching, Schang, Schong" oder "Du Chinese" ansprach. Doch an Alltagsrassismus dachte sie dabei nicht. In Berlin hatte sie deutsche Schulfreunde, ging aufs Gymnasium und war das, was man heute "gut integriert" nennt. Erst später als Erwachsene wurde ihr klar: "Das ist auch ein strukturelles Problem und nicht nur eine Erfahrung, die ich als Individuum gemacht habe."

"Diskriminierung verschwindet nicht, wenn die Leute musterhaft integriert sind", beobachtet auch You Jae Lee, Juniorprofessor für Koreanistik an der Universität Tübingen. Er forscht zu koreanischer Migration - und gehört selbst zur "1,5. Generation", wie es in der Community heißt: Als Kind kam er nach Deutschland. Viele Deutsch-Koreaner der zweiten Generation machten zwar Karriere, so Lee, würden aber irgendwann merken, dass sie nicht weiterkommen und an eine gläserne Decke stoßen.


Doppelt so viel anstrengen, dann wird alles gut?

Dabei war genau das die Hoffnung der Eltern: Wer sich doppelt so sehr anstrengt wie die deutschen Mitschüler, wird erfolgreich sein und von der Gesellschaft akzeptiert werden. So das Credo. Doch die Kinder sollten bei allem Bildungseifer auch nicht ihre koreanischen Wurzeln vergessen. Unter der Woche möglichst Klassenbester werden - am Wochenende in der koreanischen Schule lernen: Das sind Kindheitserinnerungen vieler der zweiten Generation.

You Jae Lee

You Jae Lee von der Universität Tübingen

Die Netzwerke der ersten Generation waren gut ausgebaut, man traf sich in Kirche und Sportverein, beim Koreanischunterricht und bei Geselligkeitstreffen. Korea - für die Eltern war das Sehnsucht und Erinnerung zugleich. "Wir sind Koreaner, ist ja klar", sagten auch Jee-Un Kims Eltern. Die zweite Generation hingegen ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Viele kennen Korea nur aus Urlauben und den Erzählungen der Eltern.


Zweite Generation: Fühlt sich auch deutsch

"Die zweite Generation versteht sich vielmehr als Mitglied der Gesellschaft und will hier ihren Beitrag leisten", sagt Migrationsforscher You Jae Lee. Das sei ein wesentlicher Unterschied zur Elterngeneration. Die Gruppe der Jüngeren sei zudem viel heterogener. Man heiratet auch Nicht-Koreaner, hat einen Freundeskreis außerhalb der koreanischen Community - und es gibt eigene Vereine. Etwa "Korientation - Asiatische Deutsche und ihr Blick auf die Welt". Neben Ausstellungen und Filmfestivals bringt der Verein sich auch auf Integrationsgipfeln ein.

Jenseits politischer Debatten ist deutsch-koreanische Kultur durchaus präsent in Deutschland. Dazu tragen auch die Start-ups der zweiten Generation bei. Koreanische Restaurants von Berlin bis Frankfurt sind inzwischen angesagte Szeneläden. Und längst haben koreanische Konzerne wie Samsung, LG oder Hyundai hier ihre Büros eröffnet.

Doch für Jee-Un Kim und You Jae Lee reicht das nicht aus. Sie hoffen, dass die dritte Generation nicht mehr mit der ewigen Frage konfrontiert wird: "Bist du Koreaner oder bist du Deutscher?" Und dass Vielfalt somit eines Tages für die Enkelkinder der koreanischen Bergarbeiter und Krankenschwestern vor allem eines ist: ganz normaler Alltag.

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