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Europa

Jugoslawische Gastarbeiter in Deutschland

Als die Bundesrepublik Deutschland 1968 ein Anwerbeabkommen mit Jugoslawien schloss, kamen auch aus diesem sozialistischen Land Hunderttausende, um hier zu arbeiten. Viele sind bis heute in Deutschland geblieben.

--- DW-Grafik: Peter Steinmetz

Karte Ehemaliges Jugoslawien Blanko

"Ich bin ein Gastarbeiter, der hier geblieben ist, weil seine Kinder hier leben. Alle Träume von der Rückkehr sind verflogen“: So stellt sich Dragan Pribic vor. Seine Geschichte trifft auf viele Migranten der ersten Generation aus dem ehemaligen Jugoslawien zu.  

Der heute 62-Jährige kam 1970 aus Belgrad nach Deutschland. In den Jahren davor boomte die Wirtschaft, in der Bundesrepublik suchte man Arbeitskräfte. Schon 1955 hatte die Bundesrepublik Deutschland ein Anwerbeabkommen mit Italien geschlossen, bald folgten Spanien, Griechenland, die Türkei, Portugal – und 1968 auch Jugoslawien. Dragan Pribic landete in Frankfurt. Der gelernte Techniker konnte kein Wort Deutsch, das war zunächst aber auch nicht so wichtig: "Am Anfang wollte ich hier nur so lange bleiben, bis ich das Geld für ein Auto sparen kann, also für ein oder zwei Jahre". 

Jugoslawische Gastarbeiter bei ihrer Ankunft in Deutschland

Jugoslawische Gastarbeiter bei ihrer Ankunft in Deutschland



Arbeiten mit gepackten Koffern

Das hätten damals viele gedacht, erklärt Leo Monz, Leiter des Geschäftsbereichs Migration beim Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB): "Die ausländischen Arbeitnehmer, die gekommen sind, hatten nicht die Perspektive, sich auf Dauer in der Bundesrepublik Deutschland niederzulassen. Sie hatten immer wieder die Rückkehr vor Augen." Auch deswegen haben viele Arbeitsmigranten ihre Familienmitglieder zunächst nicht mitgenommen. Wenn beide Ehepartner in Deutschland waren, ließ man die Kindern oft "zu Hause", bei den Großeltern in Jugoslawien.

Für Migranten aus Jugoslawien war die Arbeitssuche in der Regel sehr erfolgreich. Anders als die Mehrheit der Gastarbeiter hatten sie gute Qualifikationen – viele waren Handwerker. Auch die deutschen Arbeitgeber seien sehr zufrieden mit ihnen gewesen, erklärt Gewerkschafter Leo Monz.

Nur noch ein Jahr, und dann noch ein Jahr

Auch Dragan Pribic fand schnell eine Arbeitsstelle als Elektriker, konnte  nach kurzer Zeit Deutsch sprechen und lernte seine zukünftige Ehefrau kennen. Alles lief sehr gut, er kaufte sein erstes Auto, aber auch seine Ansprüche wuchsen: "Ich dachte, vielleicht nur noch eine kleine Wohnung... Danach kam eine größere Wohnung, zum Schluss das Haus. Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich 50 Jahre lang in Deutschland bleiben würde,  hätte ich ihn für verrückt erklärt."

Im Vergleich zu anderen ausländischen Arbeitnehmern wurden die "Jugos" - wie man die Gastarbeiter aus Jugoslawien damals nannte - besonders stark von ihrem Staat unterstützt. Dafür spreche beispielsweise, dass viele jugoslawische Clubs und Vereine in Deutschland von der jugoslawischen Botschaft und den zahlreichen Konsulaten mitbegründet und betreut worden seien, sagt Leo Monz. Deutsche Gewerkschaften betrachteten das mit gemischten Gefühlen: "Für uns war das zu viel Staat, insbesondere wenn es darum ging, die Arbeitnehmerinteressen zu definieren“, erklärt Leo Monz. "Auf der anderen Seite hatten wir in der jugoslawischen Regierung immer einen Ansprechpartner, der sich für die Belange dieser Menschen verantwortlich fühlte."

Man bleibt unter sich

"Vorübergehende Arbeiter", so die offizielle Bezeichnung, arbeiteten tagsüber viel und abends gingen sie dann in ihre eigenen Clubs: Heute würde man dazu sagen, sie lebten in einer Parallelgesellschaft. "Nur wenige Gastarbeiter der ersten Generation haben sich wirklich integriert. Man sagte: Wir sind nur vorübergehend hier, wir sollen keine großen Freundschaften mit den Deutschen schließen, wir sollen uns nicht politisch engagieren", erinnert sich Pribic. 

Eine Gastarbeiterbeiterfamilie macht Picknick auf einem Rastplatz. (Foto: Istvan Bajzat /dpa)

Die "Jugos" - sie sind gekommen und geblieben


Die Rotation der Arbeitskräfte – dass also die einen nach wenigen Jahren wieder gehen und an deren Stelle neue kommen - funktionierte aber nie wirklich. Weder wollten viele Gastarbeiter in ihre immer noch armen Heimatländer zurückkehren, noch wollten ihre deutschen Arbeitgeber die einmal eingearbeiteten Mitarbeiter wieder gehen lassen. So wurden aus kurzfristig angeheuerten Arbeitern langfristig in Deutschland lebende Migranten, die dann auch ihre Familien nachkommen ließen. In dieser Zeit sagte der Schriftsteller Max Frisch: "Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen Menschen."

Der Krieg veränderte alles

Das ist auch die Geschichte der Familie Pribic: Bald kam ihr erstes Kind, danach das zweite. "Zunächst wollten wir hier bleiben, bis die Kinder in die Schule kommen, dann wollten wir abwarten, bis sie mit der Schule fertig sind. Inzwischen sind wir alt geworden und bekommen hier unsere Rente", erzählt Pribic. Auch nach dem Anwerbestopp 1973 stieg die Zahl der Jugoslawen durch den Familiennachzug in den folgenden Jahren stetig weiter. Mit dem Beginn des Jugoslawien-Krieges 1991 vergrößerte sie sich schlagartig: Migranten holten so schnell wie möglich ihre Verwandten nach Deutschland, viele Flüchtlinge erreichten die Bundesrepublik.

Mit dem Krieg wurden aus Jugoslawen plötzlich Kroaten, Serben, Bosnier oder Mazedonier. Auch zahlreiche jugoslawische Restaurants verschwanden über Nacht, genauso wie die Clubs und Vereine, um am nächsten Morgen unter einer neuen ethnischen Flagge und Bezeichnung wieder aufzuerstehen. "Diese nationalen Unterschiede waren plötzlich so bedeutsam, dass sie zu kriegerischen Auseinandersetzungen geführt haben. Wir waren darüber zutiefst entsetzt", erinnert sich Leo Monz. Für ihn und die meisten Menschen in Deutschland waren diese Unterschiede völlig bedeutungslos und der Krieg kaum verständlich.

Symbolbild jugoslawische Identität (Foto: DW/Christopher Bobyn)

Aus Jugoslawen sind Serben, Kroaten, Bosnier, Mazedonier geworden



Die Koffer sind ausgepackt

Inzwischen lebt in Deutschland die zweite und dritte Generation von Menschen, die aus dem ehemaligen Jugoslawien und den Nachfolgestaaten stammen. Insgesamt wird ihre Zahl auf bis zu 1,5 Millionen geschätzt. Viele von ihnen haben inzwischen den deutschen Pass.

Die Jüngeren gelten als gut integriert, viele der Älteren haben den richtigen Augenblick für eine Rückkehr verpasst. Sie werden in Deutschland bleiben wie Dragan Pribic. Er ist mit 62 immer noch sehr aktiv: Vor einigen Jahren ist er zum Versicherungsältesten des Deutschen Versicherungsbundes ernannt worden. Er berät kostenlos Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien über ihre Rentenansprüche. Seine Kunden sind oft Landsleute die, genau wie er, vor Jahrzehnten vorübergehend als Gastarbeiter kamen und mit den Kindern hier geblieben sind.