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Europa

Jugendlicher gesteht Mord an Dink

Ein 17-Jähriger hat den Mordanschlag auf den armenisch-stämmigen Journalisten Hrant Dink gestanden. Er konnte durch einen Hinweis seines Vaters festgenommen werden.

Der festgenommene Täter (M.) mit zwei Polizisten in Samsun

Der festgenommene Täter (M.) mit zwei Polizisten in Samsun

Dieses Bild einer Überwachungskamera führte zur Festnahme

Dieses Bild einer Überwachungskamera führte zur Festnahme

Ein Jugendlicher hat die Ermordung des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink gestanden. Dies habe bereits die erste Vernehmung des am Samstag festgenommenen Verdächtigen ergeben, erklärte am Sonntag (21.1.2007) der zuständige Staatsanwalt Ahmet Cokcinar nach einer Meldung der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu.

Der 52-jährige Dink war am Freitag vor seinem Redaktionsbüro in Istanbul erschossen worden. Eine Überwachungskamera hielt Aufnahmen des Verdächtigen fest. Eine Sekretärin Dinks erkannte darauf den Jugendlichen als einen Besucher, der ins Redaktionsbüro gekommen sei und um ein Treffen mit Dink gebeten habe. Die Polizei nahm den Verdächtigen, dessen Name mit Ogün Samast angegeben wurde, am Samstag in Samsun am Schwarzen Meer fest.

Computer beschlagnahmt

Hrant Dink im November 2006, Foto: AP

Hrant Dink im November 2006

Der 17-jährige Arbeitslose war in einem Bus festgenommen worden, nachdem ihn sein Vater auf Fahndungsbildern im Fernsehen wiedererkannt und die Polizei informiert hatte. Er stammt aus der Stadt Trabzon am Schwarzen Meer und war auf der Rückfahrt nach Hause. In derselben Stadt war erst vor knapp einem Jahr ein italienischer Priester von einem 16-jährigen Türken hinterrücks in der Kirche erschossen worden.

Auf der Suche nach möglichen Hintermännern beschlagnahmte die Polizei in Trabzon Computer aus Internet-Cafés, in denen sich der Jugendliche häufiger aufgehalten haben soll. Türkischen Medienberichten zufolge hatte der junge Mann die Schule nicht beendet und war zuletzt ohne Beschäftigung. Aus einem Fußballclub für Amateure soll er wegen Disziplinlosigkeit hinausgeworfen worden sein.

Anfeindungen und Drohungen

Der Mord an Dink hatte in der Türkei Entsetzen ausgelöst. Tausende Menschen protestierten spontan gegen den Mordanschlag. Dink soll am Dienstag auf einem armenischen Friedhof in Istanbul beigesetzt werden.

Der Journalist sah sich wegen seiner Äußerungen zum Völkermord an Armeniern im Osmanischen Reich während es Ersten Weltkriegs massiven Anfeindungen von Nationalisten, Politikern und Staatsanwälten ausgesetzt. Er musste sich deswegen auch wegen Beleidigung des Türkentums vor Gericht verantworten. Ein Berufungsgericht bestätigte im vergangenen Jahr eine zuvor ausgesetzte sechsmonatige Haftstrafe gegen Dink. In seiner letzten Kolumne schrieb Dink, dass er Angst vor einem Mordanschlag habe.

Vorwürfe gegen die Regierung

In Zeitungen wurde der Regierung vorgeworfen, Dink trotz zahlreicher Drohungen gegen ihn nicht ausreichend geschützt zu haben. Der vor den Wahlen im Mai und November zunehmende Rassismus und Nationalismus sei Triebfeder hinter dem Mord. Der Istanbuler Gouverneur Muammer Güler wies die Vorwürfe zurück. Dink habe keinen Schutz beantragt und deshalb auch keinen bekommen. "Es wurden nur allgemeine Sicherheitsvorkehrungen getroffen." Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sagte am Samstag im Fernsehen, die Schüsse auf Dink seien "auf uns alle abgegeben" worden.

Das tödliche Attentat dürfte die politischen Spannungen in der Türkei erhöhen, die einen Beitritt zur Europäischen Union anstrebt. Wegen der Einschränkung der Meinungsfreiheit und der Strafverfolgung von Intellektuellen, die sich zum Völkermord an den Armeniern geäußert haben, war Erdogans Regierung auch bei der EU in die Kritik geraten. Das Massaker an Armeniern ist ein politisch hoch sensibles Thema in der Türkei. Dem Vorläufer der heutigen Türkei, dem Osmanischen Reich, wird systematischer Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern zwischen 1915 und 1923 vorgeworfen. Die Türkei argumentiert dagegen, dass während des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches viele christliche Armenier und muslimische Türken getötet wurden. (stu)

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