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100 Tage Trump im Amt

Journalismus unter Trump: "Der Ton wird rauer"

Das Land ist gespalten und die Enttäuschung groß - in allen Lagern. Unter Trump gelten Journalisten neuerdings als "Feinde". Kein günstiges Klima für Politiker und Berichterstatter, sagt Korrespondent Miodrag Soric.

Der Journalist Miodrag Soric ist seit 2009 Studioleiter der Deutschen Welle in Washington. Zuvor war er von 2002 bis 2009 DW-Chefredakteur sowie Leiter der Russisch-Redaktion und der Mittel- und Osteuropaprogramme. 1960 geboren, studierte er Slawistik, Politikwissenschaft und Germanistik an den Universitäten Köln, Kiew, Moskau und München. 

DW: Präsident Trump ist seit 100 Tagen im Amt. Wie hat sich das politische Klima in Ihrer alltäglichen Umgebung verändert?

Miodrag Soric: Ich glaube, dass die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten das Land noch tiefer gespalten hat. Viele Amerikaner haben kaum noch Verständnis für die Sichtweise der jeweils anderen Seite. Ich sehe nicht, dass sich dies in absehbarer Zeit ändern wird. Der Ton im Umgang wird rauer. Ich kenne viele Demokraten, die offen am Geisteszustand dieses Präsidenten zweifeln. Mit denen einen politischen Kompromiss zu finden, ist unmöglich. Die reine Lehre, das Ideologische, überlagert jeglichen Pragmatismus. Für die praktische Politik ist das verheerend, denn die Verfassung sieht vor, dass Kompromisse geschmiedet werden. 

Welche konkreten Änderungen gibt es beim journalistischen Arbeiten unter Trump im Vergleich zu Obama? 

Screenshot Miodrag Soric DW Webvideo aus Washington: Wer wird der nächste US-Präsident?
DW Webvideo aus Washington: Wer wird der nächste US-Präsident?
(DW)

Miodrag Soric bei der Wahlberichterstattung 2016

Der Zugang zu den amtierenden Präsidenten war immer schon schwer. Doch Donald Trump bezeichnet die Journalisten offen als "Feinde". Er untergräbt das ohnehin schwache Vertrauen der Amerikaner in die Presse. Trump attackiert einzelne Kritiker persönlich, wird verletzend. Das hatte es früher nicht gegeben. Alle in Washington wissen, dass der Präsident zu früher Stunde, aber auch spät abends alleine im Morgenmantel und Hausschlappen im Weißen Haus vor dem Fernseher sitzt und durch die Kabelkanäle zappt. Das ist seine wichtigste Informationsquelle. Das ist traurig: Ein Präsident hat Zugang zu Informationen aus Ministerien und Geheimdiensten. Doch Trump hat Schwierigkeiten beim Lesen längerer Texte. Seine Aufmerksamkeitsspanne ist extrem kurz. Das gibt konservativen Nachrichtenkanälen eine Macht, die sie nie zuvor hatten. 

Wie erleben Sie die Veränderung der gesellschaftlichen Atmosphäre mit Trump an der Regierungsspitze?

Immer mehr Amerikaner sind enttäuscht von der Politik. Die Liberalen sind enttäuscht, weil Hillary Clinton die Wahlen verloren hat und derzeit kein wirklich überzeugender Führer bei den Demokraten zu sehen ist. Viele Konservative sind enttäuscht, weil Donald Trump seine ursprünglichen Wahlkampfversprechen nach und nach aufgibt, etwa eine weniger interventionistische Außenpolitik. Trump konnte bislang Obamacare nicht reformieren. Es fehlt die Finanzierung für den Bau der Mauer entlang der Grenze zu Mexiko. Zudem droht er, einen Handelskrieg mit Kanada vom Zaun zu brechen. Niemand weiß, ob Trump seine Steuerreform durch den Kongress bekommt. Trump hat viel mehr versprochen, als er halten kann. Und wer falsche Hoffnungen weckt, erntet echte Enttäuschungen.  

Wie sind Ihre Erfahrungen im Privaten, ist eine stärkere Politisierung in Ihrem Umfeld spürbar? Kommt es zu mehr politischem Engagement?

Trumps Zustimmungsrate ist auf einem historischen Tiefpunkt. Das ermuntert viele Liberale, sich stärker politisch zu engagieren. Da läuft derzeit viel ab, ohne das es die Presse mitbekommt. Doch Sie werden sehen: Wenn die nächsten Kongresswahlen vor der Tür stehen und Trump weiterhin nichts geregelt bekommt, werden die Demokraten siegen. Was ihnen derzeit fehlt, ist eine überzeugende Führungsfigur. Bernie Sanders ist ein netter Typ, aber zu alt. 

Hat sich Ihre Haltung zu Ihrer Arbeit während dieser Präsidentschaft geändert?

Nein. Guter Journalismus war und bleibt wichtig.

Das Gespräch führte Julia Hitz.

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