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Kunst

Fotograf Leist aus den USA: "Empfinde einen tiefen Schmerz"

Bekannt ist er für seine Fotoserien, die Jahrzehnte umspannen. Jetzt blickt der deutsch-amerikanische Fotograf Reiner Leist auf 100 Tage Donald Trump zurück - und erklärt, warum Kunst immer politisch ist.

Reiner Leist, Jahrgang 1964, hat Kunst und Fotografie in München, Kapstadt und New York City studiert und besitzt sowohl die deutsche als auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Seit 1994 lebt er in Manhattan. Seine fortlaufenden Fotoserien beleuchten die Beziehung von Mensch und Gesellschaft über Jahre hinweg. Für seine Fotoserie "American Portraits" reiste er sieben Jahre lang quer durch die USA und nahm rund 100 Porträts auf, die er Kindheitsfotos und biographischen Texten dieser Personen gegenüberstellte. 2001 wurde die Serie erstmals veröffentlicht, aktuell ist sie bis zum 2. Juni 2017 im Centre Culturel Français Freiburg zu sehen.

Ein weiteres grundlegendes Projekt von Reiner Leist trägt den Titel "Window": Jahrelang machte er so gut wie jeden Tag ein Foto aus dem Fenster seines Apartments in Manhattan. Diese Arbeit führte unweigerlich dazu, dass er den Einfluss der Terroranschläge vom 11. September 2001 auf den Stadtteil dokumentierte.

Reiner Leist Window 015_Leist_Window_Sep14_09_lr (Reiner Leist/VG-Bild Kunst, 1995, 2016)

Manhattan 1995: Für die Serie "Window" fotografiert Reiner Leist den Blick aus seinem Fenster. Damit wurde er zum Chronisten von 9/11

DW: Am 29. April war Präsident Donald Trump 100 Tage im Amt. Sie sind 1994 in die USA gezogen, haben also eine ganze Reihe amerikanischer Präsidenten erlebt. Wie würden Sie das derzeitige politische Klima im Land beschreiben?

Reiner Leist: Ich empfinde einen tiefen Schmerz, ein Gefühl der Ausgrenzung, das ist für mich der wesentlichste Einschnitt. Wenn ich von Eltern höre, die aus Sorge, als illegale Einwanderer erkannt zu werden, ihre Kinder nicht mehr in die Schule schicken, dann ist das bereits eine große Veränderung. Ganz unabhängig davon, welche politischen Entscheidungen noch getroffen werden, hat die bloße Erwartung dessen, was passieren könnte, im Leben vieler Menschen bereits Schaden angerichtet.

Beeinflusst dieses politische Klima der Angst ihre Arbeit? Planen Sie ein Projekt, dass auf diese Entwicklung antwortet?

Anne Frank (picture-alliance)

Foto-Porträt von Anne Frank

Meine Projekte sind alle langfristig angelegt. Sie ziehen sich über 10, 15, 20 Jahre und enden nie wirklich. Was sich allerdings ändert, ist die Art und Weise, wie Menschen sich dokumentarische Arbeiten anschauen. Wenn man an das Porträt von Anne Frank denkt, dann hat sich an der Bildsprache dieses Porträts seither wenig geändert, dennoch blicken wir mit dem Wissen um den Holocaust ganz anders auf dieses Bild. Was die Menschen mit einem Foto verbinden, macht seine Essenz aus. Und das gilt für jede Fotografie.

Denken Sie an mein Projekt "Window": Die Lücke im Zentrum des Bildes wird durch das definiert, was wir über sie wissen. Das gilt gleichermaßen für die "American Portraits", darunter die Porträts von Henry Kissinger und Dixie Evans. Wir tragen unsere Denkmuster an diese Arbeiten heran, und jedes Bild verändert sich in dem Maße, wie sich unsere Wahrnehmung  und unser Verständnis von etwas ändert.

Glauben Sie, das derzeitige politische Klima verändert den Blick auf Ihre Werke?

Nein, das tut es nicht. Was meine Arbeiten dem Betrachter eröffnen, zeigt sich hoffentlich in der Langzeitwirkung. Wenn man ein- und dieselbe Sache über einen kurzen Zeitraum betrachtet, kann dies nicht dieselbe Wirkung wie über einen langen Zeitraum haben. Nur mit Ausdauer und durch langfristige Investitionen lässt sich gesellschaftlich etwas verändern. Das gilt auch für die Kunst.  

Hat Trumps Präsidentschaft Sie politischer werden lassen? 

Installation aus der Ausstellung Boris Lurie. Anti-Pop im Neuen Museum in Nürnberg (Foto: picture-alliance/dpa/Daniel Karman)

Boris Luries Reaktion auf den Holocaust: Provozierender Kontrast von nackter Leichen der Konzentrationslager und Pin-Up Girls

Für mich ist jede Kunst politisch. Man kann sich gar nicht dafür oder dagegen entscheiden, politisch zu sein. Schließlich steckt in jeder Arbeit politische Bedeutung. Ich musste gerade daran denken, wie unterschiedlich beispielsweise die fotografischen Arbeiten der beiden Holocaust-Überlebenden Boris Lurie und Eric Isenburger sind. Das Jüdische Museum Berlin hat gerade erst eine große Perspektive des bildenden Künstlers Boris Lurie gezeigt. Er wurde 1924 geboren und starb 2008. Ich kannte ihn gut, da er, so wie ich, in New York lebte. Genauso wie bei dem Maler Eric Isenburger lautete seine Antwort auf den Holocaust, zunächst einmal Europa zu verlassen und nach New York zu ziehen.

Vordergründig reagierten sie also genau gleich. Schaut man sich die Arbeiten von Borie Lurie aber genauer an, trifft man dort auf die grauenhafte Gegenüberstellung von Fotos von Skeletten nach der Befreiung der Konzentrationslager mit Pin-Up-Girls und pornografischen Bildern. Seine Ausstellungen sind für Jugendliche unter zwölf Jahren verboten.

Ganz anders die Arbeiten von Eric Isenburger. Er reagierte auf den Holocaust, indem er seine Frau oder Blumen malte. Bei ihm erscheint alles bunt und schön. Vielleicht stehen beide für dieselbe Erfahrung von Ausgrenzung und Überleben, aber rein formal betrachtet, reagierten sie darauf völlig anders. Im Spätsommer wird im Zentrum für verfolgte Künste in Solingen eine Ausstellung von Eric Isenburger zu sehen sein.

Wie hat sich die Tatsache, dass Sie neben der deutschen Staatsbürgerschaft auch die amerikanische besitzen, auf ihre politische Identität ausgewirkt?

Mein Identitätsgefühl ist tatsächlich sehr komplex. Ich fühle mich nicht nur als Amerikaner oder als Deutscher, sondern auch als Südafrikaner, weil ich dort so lange gelebt habe. Ich bin zum Beispiel stolz darauf, dass Deutschland Norman Foster den Reichstag erneuern ließ und dass Nam June Paik Deutschland bei der Biennale in Venedig vertreten hat, ebenso auf die Kulturpolitik des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Aber ich würde niemals sagen: Das eine Land ist besser als das andere.

Ich muss gerade an unseren Gesprächsbeginn zurückdenken. Angesichts der derzeitigen Politik von Ausgrenzung frage ich mich, ob ich mich selbst manchmal ausgrenzend verhalte. Ich nehme vielleicht kein neues Projekt in Angriff, aber ich denke über ein Porträt nach, das emotional in der derzeitigen Situation Sinn macht. Das ist vielleicht meine Antwort auf eine Krisensituation wie die derzeitige: eine Mischung aus Wandel und Beständigkeit.   

Das Gespräch führte Kate Müser.

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