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Deutschland

Jonas: "Man muss kein Sozialrambo sein"

Die türkischstämmige Tugce starb, weil sie Mädchen beschützte, die belästigt wurden. Ein tapferer Einsatz, den nicht jeder wagt. Doch Zivilcourage könne man lernen, meint Sozialpsychologe Kai Jonas.

Deutsche Welle: Herr Jonas, wenn jemand eine Auseinandersetzung sieht, wie kann er richtig Hilfe leisten?

Kai Jonas: Es gibt für solche Situationen keine Faustregel. Und "Faust" ist hier gleichzeitig ein Bild für ein körperliches, gewalttätiges Eingreifen, das häufig nicht notwendig ist. Konfliktsituationen abschätzen zu können, erfordert einige Erfahrung oder geschulte Menschenkenntnis durch Trainings. Solche Vorbereitungen können die extremen Risiken, die leider manchmal auftreten - so auch

im Fall von Tugce

- vermeiden.

Wie kann ich denn konkret eingreifen?

Wenn es möglich ist, sollte man sich Verbündete suchen, mit denen man gemeinsam aktiv werden kann. Dann können Rollen verteilen werden: Einer spricht das Opfer an und schützt es, ein anderer ruft die Polizei. Später trifft man sich gemeinsam. Das ist natürlich eine Art Idealbild, das häufig in der Situation nicht möglich ist. Ich möchte Tugces Handeln und ihr Eingreifen in keinster Weise schmälern oder nachträglich kritisieren.

Was sie getan hat, war außerordentlich mutig.

Wende ich mich an den Täter oder an das Opfer, um die Situation zu entschärfen?

Idealerweise richtet man sich nicht auf den Aggressor, sondern auf das Opfer. Wenn man sich auf den oder die Täter fokussiert, was häufig Männer tun, dann gerät man sehr schnell in eine Eskalationsspirale. Dann kann man sehr schwer abschätzen, wo diese Spirale endet. Viel sinnvoller ist es, sich auf die Opfer zu fokussieren und in einer Art und Weise einzugreifen, die den Konflikt in den Hintergrund rückt. Wir nennen das paradoxe Intervention. Ziel ist es, die Opfer zu schützen, aus der bedrohlichen Situation herauszuholen und in einen sicheren Raum zu bringen. Man sollte so tun, als ob diese Gewaltsituation nicht besteht.

Den oder die Täter sollte man also komplett ignorieren? Wie kann denn so eine Intervention aussehen?

Ich kann zu dem Opfer sagen: "Oh, wir haben uns ja lange nicht mehr gesehen. Lass uns doch zusammen einen Kaffee trinken." Und anschließend zieht man die Person mit "sanfter Gewalt" in ein Café und macht ihm oder ihr deutlich: Wir machen das jetzt, um dich aus dieser gefährlichen Situation herauszubringen. Danach musst du mit mir natürlich keinen Kaffee trinken.

Das wäre eine Möglichkeit, wie ich den Konflikt komplett negiere und mich so verhalte, als ob ich ihn nicht wahrgenommen hätte. Ich kann mich auch im Bus oder in der Bahn einfach neben das Opfer setzen und so aus einer Art Schutzwall heraus ein Gespräch beginnen. Damit erzeuge ich für die Täter erst einmal eine weitere Barriere, ohne dass ich ihr Verhalten kritisieren und sage: "Was ihr macht, ist nicht in Ordnung."

Ist das Opfer dadurch nicht irritiert und fühlt sich erst recht von zwei Seiten in die Ecke gedrängt?

Porträt von Tugce (Foto: Sabah)

Tugce ist zu einem Symbol für Zivilcourage geworden

Ein Opfer ist häufig in dem Magnetfeld des Täters gefangen und hat nicht die Möglichkeit, über Handlungsoptionen nachzudenken oder mögliche Fluchtwege zu erkennen. Deswegen ist es auch wichtig, die Situation für das Opfer so darzustellen, dass es genau weiß, was es zu tun hat: mit mir mitgehen und die Situation verlassen. Denn die Opfer sind häufig gelähmt und wissen nicht, was sie tun müssen.

Dazu gehört aber ein sehr überzeugtes und unbeirrtes Auftreten, das nicht jedem liegt.

Man muss in diese Situationen nicht immer eingreifen. Manchmal ist es nicht möglich und man traut sich nicht - und manchmal ist es auch die bessere Lösung, nicht einzugreifen. Aber dann gilt es, ein guter Zeuge zu sein, die Polizei zu alarmieren, andere Leute hinzuzuziehen. Das kann auch Zivilcourage sein, weil man deutlich macht: Wir gucken auf das, was hier passiert. Niemand muss Sozialrambo werden, niemand muss eingreifen. Jeder sollte nach seinen oder ihren Möglichkeiten handeln.

Woher weiß ich, was ich mir wann und wie zumuten kann?

Man kann Zivilcourage lernen, aber Zivilcourage ist auch ein lebenslanger Lernprozess. Niemand wird nach einem eintägigen Training in der Lage sein, in alle Situationen einzugreifen. Man kann das in der Familie oder im Bekanntenkreis üben. Da gibt es genügend Momente, wo man zivilcouragiert eingreifen kann. Bei rassistischen oder sexistischen Bemerkungen beispielsweise. Man muss nicht in die große Schlägerei kommen. Zivilcourage muss sich auf die Umgebung der handelnden Person richten. Jeder kann Prioritäten setzen und sagen, da möchte ich wachsam sein.

Das Interview führte Sabrina Pabst.

Kai Jonas ist Sozialpsychologe an der Universität Amsterdam.

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