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Kultur

John Fords "Der lange Weg nach Cardiff"

Männer im Boot: John Fords Film "Der lange Weg nach Cardiff" (1940) erzählt die Geschichte eines Handelsschiffes zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Fords Epos ist ein Meisterwerk des Schwarz-Weiß-Films.

Als "Goethe der Leinwand" hat man den amerikanischen Filmregisseur John Ford anlässlich einer Retrospektive seines Werks in Köln im Jahre 1990 bezeichnet. Dem ein oder anderen dürfte der Western-Regisseur John Ford geläufig sein. Aber selbst ein Gigant wie er ist nachwachsenden Generationen von Kinogängern kaum noch ein Begriff. Filme wie

"Stagecoach"

und "The Seachers" schaffen es immerhin noch ins Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Deutschland.

Ein "vergessener" Film

Doch Ford, der während seiner langen Karriere rund 130 Filme gedreht hat, schuf auch außerhalb des Genres Western zahlreiche Meisterwerke. Wenn also ab und an einer dieser "vergessenen" Filme auf DVD erscheint, ist das umso erfreulicher. Als John Ford zu Beginn des Zweiten Weltkriegs "Der lange Weg nach Cardiff" ("The Long Voyage Home") drehte, zählte sein Oeuvre bereits mehr als 90 Werke.

Filmszene Der lange Weg nach Cardiff von John Ford (Foto: Studiocanal)

Intimes Kammerspiel - die Schiffskajüte wird zum Gefängnis auf hoher See

Der Zweite Weltkrieg war erst ein paar Monate alt, als der Regisseur "Der lange Weg nach Cardiff" drehte. Doch Fords Film ist alles andere als ein konventioneller

Kriegsfilm

nach herkömmlichen Mustern. Von amerikanischen Produktionen der Zeit, die in erster Linie die Aufgabe hatten, Propaganda gegen die Nazis zu machen, ist "Der lange Weg nach Cardiff" weit entfernt. Nicht um die Beschreibung von Schlachten oder die Unterstützung der eigenen Truppen geht es, sondern um die Beschreibung der Nöte und Sorgen der einfachen Matrosen an Bord des Frachters "Glencairn". Der ist mit einer Ladung Munition von Südamerika nach England unterwegs und wird durch die

Kriegswirren

plötzlich zum Ziel deutscher U-Boote und Bomberstaffeln.

Verschworene Schicksalsgemeinschaft

Ford stellt uns die einzelnen Mitglieder der Besatzung vor: Da ist ein schwedischer Matrose, der seit Jahren seinem Traum nachhängt, sich in seiner Heimat niederzulassen, um einen bäuerlichen Hof zu übernehmen. Da ist ein ehemaliger britischer Offizier, der - zum einfachen Matrosen degradiert -, versucht seiner unglücklichen Vergangenheit zu entkommen. Da ist ein Dutzend liebevoll gezeichneter Raufbolde, die einen Weg suchen, das überaus entbehrungsreiche Leben zur See halbwegs erträglich zu gestalten. All ihnen ist zumindest eines gemeinsam: Sie versuchen ihr Unglück im Alkohol zu ertränken.

Filmszene Der lange Weg nach Cardiff von John Ford (Foto: Studiocanal)

Spannungen zwischen Mannschaft und Kapitän an Deck: "Der lange Weg nach Cardiff"

Der Film hat eine stark episodisch geprägte Struktur, was wohl seiner literarischen Grundlage zu schulden ist. Regisseur Ford und sein Drehbuchautor Dudley Nichols stützten sich bei ihrer Arbeit auf vier Bühnenstücke des US-Dramatikers Eugene O‘Neill. Das merkt man Dramaturgie und Szenenaufbau an. Es sind nicht die großen Spannungsbögen, die dem Film seine Durchschlagskraft verleihen. "Der lange Weg nach Cardiff" gleicht mehr einem intimen Kammerspiel als einem dramatischen Kriegs und See-Epos. Ford schaut auf die einzelnen Charaktere und deren Situation und nicht auf die Zeit der historischen Umwälzungen zu Kriegsbeginn.

Konzentriertes Spiel auf engem Raum

Man hätte sich den Film ebenso gut in einer Kaserne oder in einer anderen Truppenunterkunft vorstellen können. Die Reduzierung auf wenige Schauplätze und die Umsetzung des größten Teils der Handlung in den Kajüten der Matrosen und an Deck des Frachters verdichten die Erzählung zusätzlich. Spannung kommt immer dann auf, wenn sich Ford und Nichols auf das Schicksal einzelner Filmfiguren konzentrieren. Auch viele Jahre nach Entstehung des Film kann der Zuschauer so noch mit den Matrosen mitleiden, deren Verzweiflung nachvollziehbar ist.

Filmszene Der lange Weg nach Cardiff von John Ford (Foto: Studiocanal)

Die Flasche ist immer dabei - Alkohol als ständiger Begleiter des rauen Seemannslebens

Das größte Plus des Films aber sind dessen Bilder. Einer der einflussreichsten und stilprägendsten Kameramänner Hollywoods, Gregg Toland, lieferte seinem Regisseur für "Der lange Weg nach Cardiff" ein optisches Konzept, dass auch dem heutigen Zuschauer noch den Atem verschlägt. Der Ford-Biograph John Baxter beschrieb Tolands Stil so: "Stark gefiltertes, kontrasthaltiges Inventar, hartes Licht von der Seite und eine unnachgiebige Einhaltung des richtigen Winkels angesichts der dramatischen und erzählerischen Notwendigkeiten machen den Film zu einem Essay in Bildern." Wenn einen die Geschichte heute nicht mehr packen sollte - die eindrucksvollen Aufnahmen sind immer noch phantastisch. Viele davon kann man sich gerahmt an der Wand vorstellen: ein Schwarz-Weiß-Universum in Vollendung.

Großer Einfluss auf Filmgeschichte

Tolands Arbeit für den Film sollte Wirkung zeigen und Eingang in die Filmgeschichte finden - insbesondere in Sachen Tiefenschärfe: "Es liegt auf der Hand, dass es ohne Tolands Experimente nie einen

Citizen Kane

gegeben hätte", merken Scott Eymann und Paul Duncan in ihrem Buch "John Ford - Pionier der Bilder" (Taschen-Verlag 2004) an. "Trotz der noch größeren Schärfe bei Citizen Kane ist der fotografische Stil der beiden Filme praktisch identisch. Während der Dreharbeiten zu Citizen Kane griff Toland fortwährend auf die hohe Schule des John Ford zurück und bat Welles, eine Szene, wann immer möglich, in einer einzigen Einstellung, also ohne Schnitt, zu drehen und dadurch später unnötige Arbeit im Schneideraum zu vermeiden." Das Ergebnis ist heute noch unbedingt sehenswert. Die Bilder sind von atemberaubender Schönheit, sämtliche Schwarz-Weiß-Nuancen und Grau-Schattierungen machen aus dem harten

Kriegsfilm

eine poetische Filmerzählung.

John Fords "Der lange Weg nach Cardiff" (Originalttitel "The Long Voyage Home") ist beim DVD-Anbieter

Studiocanal

erschienen, 90 Minuten, mit dem Videoessay "Heimkehr" von Tag Gallagher als Extra.

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