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Wirtschaft

Jobkiller Digitalisierung?

Viele deutsche Firmen tun sich schwer mit der Digitalisierung, zeigen neue Studien. Sind dadurch langfristig Arbeitsplätze in Gefahr? Andreas Becker hat auf der IT-Messe Cebit in Hannover nach Antworten gesucht.

Die gute Nachricht: Es gibt WLAN auf der Digitalmesse Cebit, also kostenloses und schnelles Internet. Die schlechte: Wer es nutzen will, muss sich mit einem 14-stelligen Code registrieren, der auf der Eintrittskarte versteckt ist. Alle vier Stunden muss man sich dann erneut einloggen. Einfach ist anders.

Richtig düster, was die Verfügbarkeit von schnellem Internet angeht, sieht es dagegen in vielen ländlichen Regionen Deutschlands aus. Doch auch in der Provinz sitzen Firmen, nicht selten Maschinenbauer, die ihre Produkte in die ganze Welt verkaufen. Wenn die ihre digitale Entwicklung vorantreiben wollen, scheitert es oft schon am Netzzugang, sagt Udo Ungeheuer, Präsident des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI).

"Das darf einfach nicht sein. Beim Ausbau des High-Speed-Internet und der Breitbandversorgung müssen wir in allen Regionen wirklich vorankommen", so Ungeheuer zu DW. "Und wir müssen schneller aufholen als der Wettbewerb - das ist das Problem."

Ungeheuer präsentierte auf der Cebit die Ergebnisse einer Umfrage des VDI unter 1000 Fachleuten. Fast 50 Prozent bewerten die Wettbewerbsfähigkeit des IT-Standorts Deutschland nur als durchschnittlich - deutlich mehr als noch vor vier Jahren. Bei neuen Geschäftsmodellen, die auf Vernetzung und Online-Plattformen basieren, sehen nur 15 Prozent der Befragten Deutschland gut aufgestellt.

Bereit für die zweite Halbzeit?

Bei großen Online-Plattformen, die sich an private Nutzer richten, ist der Zug für die Deutschen längst abgefahren. Hier bestimmen Firmen wie die Online-Händler Amazon und Alibaba, der Übernachtungsservice Airbnb oder der Taxidienst Uber das Feld. "Keine einzige der großen digitalen Plattform kommt aus Europa, sondern meist aus den USA, ein paar wenige aus China", sagt Thorsten Dirks, Präsident des deutschen Digitalverbands Bitkom.

Für die deutsche Industrie sei es daher lebenswichtig, die zweite Halbzeit nicht zu verschlafen. "In der ersten Halbzeit ging es um die Konsumentenangebote. In der zweiten Halbzeit geht es um die Digitalisierung im Geschäftskundenbereich, also die Digitalisierung unserer Leitindustrien", so Dirks zu DW. "In der zweiten Halbzeit können wir es uns nicht leisten, zurückzufallen. Wir müssen deshalb Tempo machen, um diese Halbzeit zu gewinnen."

Deutschland Hannover CeBIT aufblasbarer Stand Amazon

Der US-Handelsriese gehört zu den Gewinnern der "ersten Halbzeit" - und ist auch ein großer Cloudanbieter

Nachzügler

Auch Bitkom präsentierte auf der Cebit eine neue Studie. Zwei Drittel der befragten Unternehmen gaben an, beim Thema Digitalisierung eher Nachzügler zu sein oder gar den Anschluss verpasst zu haben. Ebenfalls zwei Drittel sind der Ansicht, dass sich ihr Geschäftsmodell durch die Digitalisierung verändert. Und trotzdem sehen neun von zehn Firmen die Digitalisierung eher als Chance denn als Risiko.

Als positives Beispiel nennt Thorsten Dirks den europäischen Flugzeugbauer Airbus. Früher habe das Unternehmen "ein riesiges Problem mit der Lagerhaltung" gehabt, "weil sie auf jedem Flugplatz dieser Welt alle Ersatzteile vorhalten mussten, die an einem Flugzeug kaputtgehen können."

Und heute? "Das Flugzeug funkt an die Bodenstation, wenn irgend etwas kaputtgegangen ist, und dann wird unten ein 3D-Drucker angeworfen, der dieses Ersatzteil druckt", so Dirks. Das Ergebnis: Effizienter, flexibler, günstiger.

Jobkiller Digitalisierung?

Was aber bedeutet der digitale Wandel für die Arbeitsplätze? Eine Studie des World Economic Forum zeichnete Anfang des Jahres ein düsteres Bild: In den nächsten fünf Jahren fallen demnach in den großen Industrieländern rund fünf Millionen Arbeitsplätze weg.

Die Studie des deutschen Ingenieursverbands ist weit weniger pessimistisch. "Durch die zukünftigen Herausforderungen entstehen neue, andere Arbeitsplätze als bisher. Aber es wird nicht zu einem großen Abbau kommen", sagt VDI-Präsident Ungeheuer.

So sehen das zumindest vier von fünf Befragten. Auch Bitkom-Präsident Dirks ist optimistisch. Zwar würden durch die Digitalisierung viele Tätigkeiten obsolet. "Doch am Ende, davon bin ich überzeugt, werden wir mehr Arbeitsplätze haben als vorher."

Fachkräfte und Zuwanderung

Im Moment haben viele deutsche Firmen ein ganz anderes Problem: Sie suchen IT-Fachkräfte, finden aber nicht genug. Das Problem lasse sich nur durch Zuwanderung und offene Grenzen innerhalb Europas lösen, glaubt Dirks.

"Wir brauchen Integration, wir brauchen offene Grenzen, wir brauchen ein Europa." Nur innerhalb eines offenen Europas hätten deutsche Firmen eine Chance, sich im Wettbewerb mit Unternehmen aus den USA und China zu behaupten - und so letztlich Arbeitsplätze zu sichern.

Abschottung, wie sie etwa von der Partei AfD gefordert wird, die am Sonntag bei drei deutschen Landtagswahlen Erfolge feiern konnte, hält er dagegen für "sehr gefährlich", sagt Dirks. "Das letzte, was wir brauchen, sind Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit."

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