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Wirtschaft

Jobkiller Industrie 4.0 ?

Die Arbeitswelt steht vor einem riesigen Umbruch: Maschinen und Dinge reden miteinander und vernetzen sich zu intelligenten Fabriken. Und wo bleibt der Mensch? Vom Wirtschaftsforum in Davos kommen düstere Prognosen.

"Wir stehen am Anfang einer Revolution, durch die sich die Art, wie wir leben, arbeiten und miteinander umgehen, fundamental verändern wird", so der Organisator des Davoser Weltwirtschaftsforums Klaus Schwab. Die Rede ist von der Industrie 4.0 - also der computergesteuerten, voll automatisierten und vernetzen Produktion und die zunehmende Verbreitung von Technologie auch im Dienstleistungsbereich - beispielsweise durch Roboter.

Sogar eigentlich markliberale Ökonomen schlagen mittlerweile ernste Töne an. Die Industrie 4.0 habe negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt - so das Ergebnis einer Umfrage unter Managern in 15 Volkswirtschaften. Demnach könnten neue Technologien in den kommenden fünf Jahren bis zu sieben Millionen Arbeitsplätze in den Industrieländern verdrängen.

Laut der Umfrage, die am kommenden Mittwoch in Davos vorgestellt werden soll, trifft es nicht nur Arbeitsplätze in den häufig bereits völlig automatisierten Fabriken, sondern diesmal auch Büroangestellte und den Dienstleistungssektor. Anlageberater, Krankenschwestern oder Taxifahrer - sie alle konkurrieren mit der Technik. Neue Jobs werden laut der Umfrage - die der Zeitung "F.A.S." exklusiv vorliegt - vor allem für Computer- und Technikspezialisten geschaffen. Allerdings nur zwei Millionen - was unter dem Strich ein Minus von fünf Millionen Arbeitsplätzen bis 2020 bedeutet.

Phasen von Arbeitslosigkeit

Solche Unkenrufe sind nicht neu. Wann immer die Welt vor einem technologischen Umbruch steht, ist die Angst vor Massenarbeitslosigkeit groß. "Es gibt dabei immer viele Fortschritte und neue Risiken. Sorgen sind deshalb berechtigt, aber dass uns nun die Arbeit ausgeht, ist eher Panikmache", so Enzo Weber, Wissenschaftler des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.

Schon bei der Industrialisierung des 18 Jahrhunderts debattierten Ökonomen über die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Der Einführung neuer Technologien bei der Textilverarbeitung und in der Landwirtschaft folgten tatsächlich Entlassungen im großen Stil. Handwerker und Bauern heuerten danach wieder als Tagelöhner unter deutlich schlechteren Bedingungen an. Während Maschinen einfache Arbeiten übernahmen, erhöhten sich die Chancen nur für spezialisierte Berufe.

Dieser Trend setzt sich auch mit der Industrie 4.0 weiter fort. So wird es laut Weber vom IAB vor allem für Niedrig-Qualifizierte noch schwerer, einen Job zu finden. "Wir sehen aber auch, dass im mittel qualifizierten Bereich Arbeitsplätze wegfallen könnten." Die moderne Arbeitswelt suche vor allem nach Akademikern.

Nur Negatives kann er solchen Umbruchphasen aber nicht abgewinnen: "Bei technologischem Fortschritt kommt auch immer wieder Neues auf, die Investitionen steigen und es gibt wieder neue Nischen." Die Herausforderungen lägen aber eindeutig in der Fortbildung des aus dem Arbeitsmarkt gedrängten Personals. "Die Arbeit ist noch nie ausgegangen", allerdings komme es nach fundamentalen Veränderungsprozessen immer zu kürzeren Phasen von Arbeitslosigkeit. So sieht auch eine Studie des IAB von Oktober 2015 den Wegfall von rund 60.000 Stellen in Deutschland in den kommenden Jahren.

Wie werden die Gewinne verteilt

Laut den Forschern Carl Benedikt Frey und Michael Osborne aus den USA sind rund die Hälfte aller Berufe computerisierbar. Der Wirtschafswissenschaftler Erik Brynjolffson vom Massachusetts Institute of Technology geht gedanklich bereits den nächsten Schritt. In seinem Buch "The Second Machine Age" schreibt er, dass sich die Gesellschaft dringend Gedanken machen müsste, wie die Verteilung des neu entstehenden Wohlstands geregelt werde.

Denn niemand bezweifelt wirklich, dass die Industrie 4.0 deutlich mehr Geld in die Kasse spülen könnte - die Frage ist nur für wen? Brynjolffson schlägt Steuererhöhungen oder ein Grundeinkommen vor. Es könnte aber auch anders kommen. Entscheidend wird sein, ob sich die Besitzer der hochkomplexen Maschinen erfolgreich einer Umverteilung widersetzten, so der Autor.

Während diese Szenarien noch in der Zukunft liegen, bereiten die Nationalstaaten jetzt den Boden, um die Industrie 4.0 nicht zu verschlafen. Deutschland ist laut der Davoser Umfrage stärker von diesem Wandel betroffen als andere europäische Länder. Weber vom IAB sieht das anders. Die deutsche Wirtschaft könne davon massiv profitieren. Vor allem das Know-how bei der Sensortechnik und im Maschinenbau sei hilfreich, um vorne mitzuspielen. Industrie 4.0 - das ist aber nicht nur die Vernetzung von Geräten, sondern auch die Auswertung und Verarbeitung von Daten im großen Stil.

Enzo Weber

Enzo Weber vom IAB

Da haben vor allem Firmen aus den USA die Nase vorn. Für Weber liegt genau hier das größte Risiko der kommenden Revolution. "Mit großen Datenströmen flexibel umgehen zu können - das ist keine Stärke", so Weber. Deutschland müsse deshalb aufpassen, nicht als verlängerte Werkbank einer Datenindustrie zu enden, die aus den USA dominiert wird. Dann könnte für Deutschland der Jobverlust langfristig noch deutlich höher ausfallen als in Davos prognostiziert.