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Filme

Jiří Menzel - der zensierte Oscarpreisträger

Der tschechische Regisseur Jiří Menzel gehört zu den größten Neueren des osteuropäischen Films. Für sein Debüt "Scharf beobachtete Züge" heimste er einen Oscar ein - danach schlug die Zensur zu.

Standbild Ein launischer Sommer von Jiri Menzel (TRIGON FILM)

Jiří Menzel, Regisseur und Schauspieler, hier in seinem Film "Ein launischer Sommer"

Zweifellos gehört Jiří Menzel zu den großen europäischen Kinokünstlern des vergangenen Jahrhunderts. Wäre der Blick des westeuropäischen Publikums nicht durch die politischen Zeitläufe geprägt, den Zuschauern also Namen wie François Truffaut oder Woody Allen geläufiger, so käme einem der Name Jiří Menzel hierzulande ebenso leicht über die Lippen, wie die seiner westeuropäischen oder nordamerikanischen Kollegen.

Porträt von Jiri Menzel (TRIGON FILM)

Schwejkscher Humor: Jiří Menzel

Gerade Festivals wie das Wiesbadener "goEast" (26.04.-02.05.2017), die ihren Fokus auf den mittel- und osteuropäischen Film richten, arbeiten mit ihren aktuellen und historischen Programmen daran, den Blick auf die Filmgeschichte vielfältiger zu gestalten. Aber auch DVD-Anbieter wie die Schweizer Trigon-Stiftung bemühen sich seit Jahren um einen etwas "objektiveren" Blick auf die Kinohistorie. Bei Trigon ist jetzt eine Edition mit dem Frühwerk Jiří Menzels erschienen. Gerade die ersten Filme des tschechischen Meisterregisseurs hatten es in sich.

Für's Kinodebüt gab es direkt einen Oscar

Welcher Filmemacher kann schon von sich behaupten, dass bereits sein allererster Film mit dem Oscar ausgezeichnet worden ist? Doch was bedeutet einem Regisseur, der tief in der Kultur seines Landes verwurzelt ist, der das Land nach Ende des Prager Frühlings ganz bewusst nicht verließ und in Tschechien heute Kultstatus genießt, schon der Oscar? Viel wichtiger sei es ihm, so hat es Jiří Menzel selbst gesagt, dass die Drehorte seines Debüts "Scharf beobachtete Züge" (in Deutschland auch unter dem Titel "Liebe nach Fahrplan" bekannt) von 1966, heute zu kulturellen Treffpunkten geworden sind. Und dass dort sogar wieder Bier gebraut wird!

Tschechoslowakei Film Liebe Nach Fahrplan (picture alliance/United Archives/IFTN)

Dafür gab es 1968 den Oscar: Menzels Debüt "Scharf beobachtete Züge", auch unter dem Titel "Liebe nach Fahrplan" bekannt

Diese Aussage charakterisiert den Regisseur und Menschen Jiří Menzel recht gut. Ihm war der Kontakt zum Zuschauer immer wichtiger als der rote Teppich. Was ja nicht heißt, dass Menzel das Rampenlicht scheuen würde. Der mittlerweile 79-jährige Regisseur ist auch als Schauspieler und Komödiant eine Größe. Über 75 Filmauftritte verzeichnet seine Vita als Darsteller.

Schalk im Nacken: Jiří Menzel

Standbild Scharf beobachtete Züge von Jiri Menzel (TRIGON FILM)

Stempel auf dem Popo: Diese Szene erregte Aufmerksamkeit und Proteste der Kulturbehörden. Menzel machte sich in "Liebe nach Fahrplan" über Bürokratie im Sozialismus lustig

"Ich bin sehr glücklich, dass Amerika tschechische Filme mag", meinte Menzel ein wenig verschmitzt in seiner sehr kurzen Dankesrede auf der Oscarbühne im Umbruchjahr 1968. Er war damals noch keine 30 Jahre alt und trotz seiner offensichtlichen Schüchternheit hat man heute beim Betrachten der Szene das Gefühl, Menzel habe auch ein wenig Ironie in seinen Dank gemischt. Das große Amerika und die kleine ČSSR, wie das Land damals hieß. Das musste ein junger Mann erst einmal fertig bringen: einen kleinen Schwarz-Weiß-Film über einen sehr schüchternen Bahnbeamten drehen und damit die große Bühne der Filmwelt erobern!

Szenen, wie der Oscarauftritt Menzels oder dessen persönliche Oscar-Einschätzung, sind Fundstücke in der Dokumentation "To Make A Comedy Is No Fun" von Robert Kolinsky. Dieser aufschlussreiche Dokumentarfilm über das Werk des Tschechen ist in der DVD-Edition ebenso enthalten wie dessen ersten drei langen Spielfilme: "Scharf beobachtete Züge", "Ein launischer Sommer" und "Lerchen am Faden", entstanden in den Jahren 1966 bis 1969.

"Lerchen am Faden": Zunächst zensiert

Schaut man auf die Produktionsgeschichte von "Lerchen am Faden", erschließt sich das ganze Drama um den Regisseur Menzel. Der Film wurde bereits 1969 gedreht, nach einem sofortigen Verbot durch die Behörden aber für Jahre in die Giftschränke der Filmzensoren verbannt. Erst 1990, als in Europa der Eiserne Vorhang gefallen war, wurde "Lerchen am Faden" aufgeführt - und gewann bei der Berlinale 1991 prompt den Goldenen Bären.

Lerchen am Faden (4 Männer am Feuer) (Trigon-Film)

Leben auf dem Schrottplatz: Menzels Film "Lerchen am Faden", der von den tschechischen Behörden sofort verboten wurde

Menzels Filme waren immer geprägt von einem leisen Humor, von einem subtil satirischen Blick auf seine Protagonisten. Oft stützte er sich dabei auf literarische Vorlagen seines Freundes, des großen Schriftstellers Bohumil Hrabal. Menzel hatte das Glück - wenn man das so nennen will - in der kurzen Zeit des Prager Frühlings, einige wichtige Filme drehen zu können. In einer Zeit, die es den Debütanten, aber auch den älteren Filmemachern, erlaubte, die Fesseln der sozialistischen Kulturrichtlinien  abzustreifen und der Phantasie und der Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen freien Lauf zu lassen. Es war allerdings nur eine kurze Ära, die schon nach wenigen Monaten am 21. August 1968 wieder endete.

In der ČSSR erprobten die jungen Regisseure neue Formen

Mitte der 1960er Jahre waren auch in anderen osteuropäischen Ländern filmische Neuerungsbewegungen entstanden, ästhetisch wagemutig, inhaltlich ohne Scheu. Doch in keinem anderen Land inszenierten so viele junge Talente Filme wie in der damaligen ČSSR. Menzel gehörte zu den innovativsten jungen Regiegenies.

Ein launischer Sommer (Trigon-Film)

In Ländern, in denen keine Meinungsfreiheit herrscht, konzentriert man sich auf erotische Eskapaden - Szene aus "Ein launischer Sommer"

"Scharf beobachtete Züge" ist heute noch ein sehr unterhaltsamer Film über den tschechischen Widerstand gegen die deutsche Besetzung während des Zweiten Weltkriegs. Humorvolle Unterhaltung und Kriegsgeschichte - bei Menzel war das kein Widerspruch. Schwere Themen leicht und doch nicht leichtgewichtig in Szene zu setzen, das wurde zu einem Markenzeichen dieses Regisseurs.

"Ein launischer Sommer", Menzels zweiter Film, erzählt die Geschichte von drei älteren Charmeuren, die während eines Sommers auf einer Datsche eine junge Tänzerin begehren. Ein Film, wunderbar fotografiert, atmosphärisch dicht und sehr poetisch in Szene gesetzt.

"Lerchen am Faden" dann, der Film, der Menzel zu einem Berufsverbot zwang, ist eine Allegorie auf die Unterdrückung in den sozialistischen Systemen Osteuropas. Ein paar Männer und Frauen, allesamt vom Staat bestrafte Intellektuelle und Ingenieure, Ärzte und Wissenschaftler, verdingen sich ihr Leben auf einem Schrottplatz - Sinnbild für die abgehalfterten Zustände im real existierenden Sozialismus.

Ein satirischer, aber menschlicher Blick auf die Wirklichkeit

Doch Menzel zeigte auch in diesem Film Größe. Hass und Rache waren seine Sache nicht. Die Protagonisten seiner Filmerzählungen, auch die, die auf der anderen Seite standen, wurden immer mit großer Empathie und Menschlichkeit gezeichnet. So entstehe "eine melancholisch-sentimentale Distanz zu den großen historischen Prozessen", formulierte es der Filmwissenschaftler Hans Jürgen Wulff einmal. Diese "melancholisch-sentimentale Distanz" ist sicherlich einzigartig im tschechischen, wie im europäischen Film.

Die Jiří Menzel-Edition mit drei Spielfilmen und der Dokumentation sind in einer Box beim Anbieter Trigon-Film erschienen. Beim diesjährigen goEast-Filmfestival in Wiesbaden gibt die Filmreihe "Czech Cinema Now!" Einblicke in das aktuelle Filmgeschehen des Landes. 

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