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Deutschland

"Jeder Erwachsene durfte nur einen Rucksack tragen"

2,5 Millionen Menschen flohen vor dem Bürgerkrieg aus Syrien. Eine von ihnen ist Maya Alkhechen, die vor sieben Monaten über das Mittelmeer nach Essen kam. Für die 30-Jährige war Deutschland aber kein fremdes Land.

Deutsche Welle: Frau Alkhechen, wann kamen Sie zum ersten Mal nach Deutschland?

Maya Alkhechen: Mit sechs Jahren.

Sind Sie syrische Staatsbürgerin oder deutsche?

Syrische, ich komme aus der Hauptstadt Damaskus.

Warum sind Sie damals nach Syrien zurückgekehrt?

Ich hatte in Deutschland mein Abitur gemacht und wollte Medizin studieren. Ich habe auch einen Platz bekommen, aber dann hieß es: "Ich darf nicht." Ich musste eine Bescheinigung von der Ausländerbehörde besorgen, weil ich damals nur geduldet war. Und der Sachbearbeiter hat gesagt: "Studieren dürfen Sie nicht." Was sollte ich machen? Mit 21 Jahren Zuhause sitzen und Däumchen drehen? Von daher habe ich dann Deutschland verlassen. Zurück in meine Heimat - in Anführungsstrichen, weil ich Syrien gar nicht kannte.

Konnten Sie dann dort Medizin studieren?

Ich habe mich da beworben, musste allerdings mein Zeugnis beglaubigen lassen, was ich vorher nicht wusste. Also habe ich mein Zeugnis wieder nach Deutschland geschickt, um es beglaubigen zu lassen. Aber bis es mir wieder zurückgeschickt wurde, hatte ich die Anmeldezeit verpasst. In der Zwischenzeit hatte ich meinen Mann kennengelernt, habe geheiratet und wurde dann sofort schwanger. So kam es nicht zum Studium. Jetzt habe ich zwei Jungs, sechs und drei Jahre alt.

Wann haben Sie die Entscheidung getroffen, Syrien zu verlassen?

Nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs. Ich wohnte direkt neben einer Kaserne. Also bekam ich so einiges mit. Mein Mann wurde mehrmals festgenommen. Das zweite Mal, als er im Gefängnis saß, gab es Schüsse zwischen Rebellen und der Kaserne neben mir und die Kugeln waren in meiner Wohnung. Da dachte ich: Jetzt ist es genug. Es ist ein Glück, dass meine Kinder und ich nicht verletzt wurden. Als mein Mann dann raus kam, hat er auch gesagt: Es geht nicht mehr. So sind wir nach Ägypten geflohen.

Wie kamen Sie nach Deutschland? Waren Sie Teil der Sonderkontingente der Bundesregierung, die ja ein spezielles Aufnahmeprogramm für 10.000 Syrer hatte?

Nein. Bei dem zweiten Kontingent war ich schon hier. Bei dem ersten Kontingent hat mein Bruder alles Mögliche für mich versucht und dann ist es daran gescheitert, dass ich in Ägypten und nicht im Libanon war, wo das UHNCR (UN-Flüchtlingshilfswerk, Anm. d. Red.) Flüchtlinge registriert hat. Dann hab ich versucht, den deutschen Botschafter in Ägypten persönlich zu treffen. Das durfte ich aber nicht. Man hat mir nur gesagt, ich könnte Asyl beantragen, wenn ich auf deutscher Erde sei. Ich wollte eigentlich nicht illegal einreisen, aber der Weg übers Mittelmeer war der Einzige, der mir ein bisschen Hoffnung gezeigt hat. Wenn ich denn gesund und heil da ankomme, wird vieles sich für mich verändern, habe ich gedacht.

Wie lange hat der Weg von Ägypten nach Deutschland gedauert?

Eigentlich sollte die ganze Bootsfahrt drei Tage dauern, aber dann dauerte es sieben Tage und sechs Nächte, bis wir in Italien waren. Dort wurden wir von der Küstenwache festgenommen und in einer Notunterkunft untergebracht. Am nächsten Tag wurden die Türen aufgemacht und es wurde uns gesagt, dass wir hingehen können, wo wir wollen. Dann bin ich sofort mit Bussen und Zügen von Sizilien nach Essen gefahren.

Was machen Sie jetzt?

Ich habe Asyl bekommen und habe eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre. Momentan muss ich noch vieles erledigen - erst einmal festen Boden unter den Füßen bekommen. Eine eigene Wohnung haben wir jetzt Gott sei Dank. Mein älterer Sohn hat Epilepsie und eine geistige Behinderung. Wir mussten erst mal eine Diagnose gestellt bekommen, um zu wissen, was er überhaupt hat. Das haben wir in den letzten Monaten alles geschafft, er hat jetzt viele Therapien vor sich. Meinen Mann muss ich in einem Integrationskurs unterbringen, meine Kinder sind jetzt bei einer Tagesmutter untergebracht. Ich bin außerdem dienstags und donnerstags ehrenamtlich bei Pro Asyl aktiv, dolmetsche, gebe Ratschläge und übersetze deutsche Briefe.

Gibt es etwas, das Sie aus Syrien vermissen?

Wir konnten natürlich von Syrien nichts mitnehmen, gar nichts. In den Booten durfte jeder Erwachsene nur einen Rucksack tragen. Wir haben uns natürlich dafür entschieden, dass ich in meinen Rucksack Jacken für die Jungs einpacke, weil es auf dem offenen Meer sehr kalt ist, und zwei, drei Wasserflaschen. In den Rucksack von meinem Mann kam dann die Medizin für meinen Sohn Hamza und ein paar Äpfel und Kekse für die Kinder rein. Also habe ich alles zurückgelassen.

Haben Sie versucht, Ihre Verwandten nachzuholen? Ist das sehr schwierig?

Ich kann die Verwandten nicht nachholen, weil ich eine Verpflichtungserklärung für Sie abgeben müsste. Das heißt, ich muss mich dazu verpflichten, die kompletten Kosten für sie zu übernehmen: Wohnung, Essen und Trinken und die alltäglichen Sachen, die sie brauchen. Ich habe zwei Schwestern, die in Libyen festsitzen, aber das kann ich mir nicht leisten.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft? Würden Sie gerne in Deutschland bleiben?

Ja, ich möchte gar nicht mehr zurück. Ich hoffe, dass ich innerhalb der drei Jahre einen guten Job bekomme, und dass ich meine Aufenthaltserlaubnis von drei Jahren auf eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung umwandeln kann. Dann möchte ich natürlich auch die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen.

Maya Alkhechen wurde in Syrien geboren und kam mit sechs Jahren nach Deutschland. Nach ihrer Schulzeit kehrte sie nach Syrien zurück und floh 2013 vor dem Bürgerkrieg über das Mittelmeer nach Deutschland.

Das Interview führte Carla Bleiker.