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Kultur

Jean-Paul Sartre: Leitfigur des Existentialismus

"Ich fühle mich an nichts von dem gebunden, was ich geschrieben habe. Ich nehme aber auch kein Wort zurück." So kommentierte Jean-Paul Sartre sein bewegtes Leben und Werk. Am 21. Juni 2005 wäre er 100 Jahre alt geworden.

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Zur Freiheit verurteilt - Jean-Paul Sartre am Schreibtisch

Der Großneffe von Albert Schweitzer gilt als geistiger Vater des französischen Existenzialismus, einer der bedeutensten philosophischen Strömung des 20. Jahrhunderts. Der Existenzialismus geht davon aus, dass der Mensch zur Freiheit verurteilt ist und sich den Sinn seiner Existenz durch Engagement selber geben muss.

Engagement zeigte Sartre reichlich: Mit über 50 Romanen, Essays, Theaterstücken sowie zwei Filmdrehbüchern zählt er zu den produktivsten Schriftstellern und Philosophen in dieser Zeit. Auf der langen Liste seiner Veröffentlichungen stehen unter anderem "Das Sein ist das Nichts", "Der Idiot der Familie" und "Geschlossene Gesellschaft". Seine Werke brachten ihm 1964 den Literaturnobelpreis ein, den er aber ablehnte.

Engagement mit Wirkung

Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir

Sartre und seine Lebensgefährtin, die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Simone de Beauvoir, auf der Gangway eines Flugzeugs auf dem Pariser Flughafen Orly

Sartres Engagement beschränkte sich nicht nur aufs Schreiben an sich: Wenn er unter Einfluss von Zigaretten, Alkohol und Amphetaminen täglich sechs bis acht Stunden schrieb, dann zielte er stets auf eine gesellschaftlich-politische Wirkung. Er wandte sich gegen bürgerliche Normen, den Algerienkrieg und den Kolonialismus und setzte sich für den Weltfrieden, das studentische Aufbegehren im Pariser Mai 1968 und für das Asyl vietnamesischer Flüchtlinge ein. So wurde er zum Inbegriff für den engagierten Intellektuellen und Schriftsteller.

Zwar kämpfte Sartre um die Freiheit des Einzelnen, verteidigte aber zumindest zeitweise Stalin, Mao, Castro und Ché Guevara, Tito und das Vorgehen der Roten Armee Fraktion (RAF). Nach seiner Reise in die damalige Sowjetunion 1954 behauptete er "Die Freiheit der Kritik ist in der UdSSR total" und drohte "Wenn jemand mir noch einmal zu sagen versucht, dass in der Sowjetunion die Religion verfolgt oder verboten wird, schlage ich ihm die Fresse ein."

Noch heute, 100 Jahre nach seinem Geburtstag am 21. Juni 1905, beschäftigt Jean-Paul Sartre die Menschen: Kolloquien, neue Bücher und Studien analysieren ihn und sein Werk. "Sartre ist einzigartig", erklärt Michel Rybalka, Spezialist aus Frankreich, "denn er hat gleichzeitig ein großes literarisches und philosophisches Werk hinterlassen." Rybalka arbeitete an der bis zum 21. August laufenden Ausstellung "Sartre und sein Jahrhundert" in der Pariser Nationalbibliothek mit und ist Herausgeber vieler Werke des Schriftstellers und Philosophen. Zu seiner heutigen Bedeutung meint er: "Sartre berührt uns im Bereich der Kultur, als auch im täglichen Leben. Er hilft uns die Begriffe 'existenziell' und 'Erlebtes' zu verstehen. Ich kannte Sartre persönlich und lernte seine Großzügigkeit, Intelligenz und Menschlichkeit schätzen."

Der Philosoph und die Frauen

Sartre litt unter seiner Hässlichkeit: Bei einem von Klassenkameraden arrangierten Rendezvous mit dem schönsten Mädchen von La Rochelle, wo er von seinen Großeltern erzogen wurde, wurde der damals Zwölfjährige wegen seiner krötenhaften Augen ausgelacht. Er flüchtete in die Bücher, wurde zunächst Gymnasiallehrer, studierte in Berlin und Paris und machte schließlich als der heute bekannte Philosoph und Schriftsteller Karriere.

100. Geburtstag von Jean-Paul Sartre

Jean-Paul Sartre in seinem Arbeitszimmer

In der Beziehung mit Simone de Beauvoir propagierte er ein neues Geschlechterverhältnis, denn die beiden verzichteten auf bürgerliche Normen und führten eine freizügige Beziehung. So erzählte zum Beispiel jeder dem anderen seine Bettgeschichten. Sartre hatte de Beauvoir während seines Studiums kennen gelernt. Alle seine Werke ließ er von ihr durchlesen und redigieren.

Am 15. April 1980 starb Jean-Paul Sartre im Alter von 74 Jahren, blind und völlig erschöpft. Rund 50.000 Menschen geleiteten seinen Sarg auf den Friedhof von Montparnasse.

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