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Japans verschwundene Jugend

Ina Rottscheidt15. Juli 2004

Die Hartgesottenen unter den "Hikikomori" bringen es auf über 20 Jahre: Sie verkriechen sich in den eigenen vier Wänden, isoliert und ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt - wenngleich nicht ganz freiwillig.

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Computer: die Brücke zur AußenweltBild: AP

Zwölf Jahre lang dauerte das Einsiedlerdasein von Yuichi Kurita. Der heute 34-Jährige hatte sich in seinem Zimmer verkrochen, schlief bis zum späten Nachmittag, frühstückte am Abend, sah die ganze Nacht fern, las Mangas oder spielte Computer bis in die Frühe. Die Türe stets verschlossen, hatte er keinerlei Kontakt zur Außenwelt.

Yuichi Kurita war ein in "Hikikomori" (zu Deutsch: "sich zurück ziehen") und in Japan kein Einzelfall: Immer mehr junge Menschen verschanzen sich dort in ihren eigenen vier Wänden, manchmal jahrelang, ihr Kontakt zur Außenwelt beschränkt sich aufs Telefon und Internet. Japan-Expertin Susanne Kreitz-Sandberg weiß: "In Extremfällen ist es tatsächlich so, dass sie auch nicht mehr in die Schule oder zur Arbeit gehen, und dass die Eltern ihnen das Essen nur noch durch den Türspalt schieben können."

Volkswirtschaftliche Probleme

"Das 'Hikikomori'-Problem ist ein nationale Tragödie", urteilt der japanische Psychater Tamaki Saito, der es in seinen 17 Berufsjahren bereits mit mehr als 3000 Fällen zu tun hatte. Seinen Schätzungen zufolge gibt es in Japan rund eine Million 'Hikikomori'. Junge Menschen, im Alter zwischen 20 und 30, die sich einfach aus der Gesellschaft zurückziehen.

Japaner auf dem Weg zur Arbeit
Was zählt, ist LeistungBild: AP

"Der Leistungsdruck in Japan ist enorm", weiß Hans Dieter Ölschleger, Sozialwissenschaftler bei der Forschungsstelle für Modernes Japan in Bonn und vermutet hier die Gründe für dieses Phänomen: "Für die Jüngsten muss es bereits der beste Kindergarten sein, damit man auf eine gute Schule gehen kann. Später kommen dann Nachhilfestunden hinzu, richtige Paukschulen als Vorbereitung für Japans Eliteuniversitäten. Der Name der Uni spielt dort eine viel größere Rolle für den späteren Job als in Deutschland."

Falls denn die jungen Japaner einen Job finden, denn die Jugendarbeitslosigkeit liegt nach Schätzungen Ölschlegers bei rund 17 Prozent und "diese Perspektivlosigkeit verstärkt den Druck". Hinzu kämen starkes Markenbewusstsein und Konsumdenken. "Viele junge Japaner verschulden sich massiv, nur um diesen Zwängen gerecht zu werden", sagt Ölschleger.

Auch der Japanologe Carsten Kowalewski kennt dieses Phänomen. "Es ist ein typischer Charakterzug des Sozialverhaltens der Japaner, die Umwelt nicht mit den eigenen Problemen zu belasten. Als ich dort war und mich mit meinen Freunden getroffen habe, wurde nie über Persönliches geredet. Die Japaner machen ihre Probleme lieber mit sich selbst aus", erzählt er.

Angst vor der Welt draußen

Aus Angst vor Prüfungen, Hänseleien oder Schikanen von Mitschülern suchen die "Hikikomori" Zuflucht in der Sicherheit der eigenen vier Wände, und plötzlich werden aus ein paar Tagen mehrere Jahre. Auf der anderen Seite der Zimmertüre stehen dann meist überforderte Eltern: "Für die Familie ist das die Hölle, sie wissen nicht, was sie tun sollen", sagt Psychiater Saito.

Von staatlicher Seite können sie kaum Hilfe erwarten. "Die Politik macht gar nichts", so Ölschleger. Doch das ist auch nicht einfach, denn er weiß: "Wenn ein 'Hikikomori' das ernsthaft betreibt, kommt auch keiner an ihn ran." Mit Verständnis und einer Engelsgeduld nehmen sich nun zunehmend Sozialarbeiter und Selbsthilfegruppen, wie die Nonprofit-Organsiation "New Start" der jugendlichen Einsiedler an: Schrittweise nehmen sie Kontakt mit den "Hikikomori" auf, erst nur per E-Mail, dann vielleicht ein Telefongespräch und wenn sich danach die Zimmertüre öffnet, ist das schon ein Erfolg. Bis irgendwann einmal persönliche Kontakte oder gar die Vorbereitung auf das Berufsleben kommen.

"Meine Jugend war weg"

Dabei scheint die Lösung des Problems so einfach: rausgehen, Menschen kennen lernen, Selbstvertrauen aufbauen - das empfiehlt Psychiater Saito seinen Schützlingen. Doch nur ein Prozent aller Betroffenen hat dazu die Kraft. Einer von ihnen war Yuichi Kurita: "Vor drei Jahren wurde mir klar, dass ich nichts habe. Meine Zeit, meine Jugend waren weg", erinnert er sich. Anfangs widerwillig wagte er sich aus seinem Schneckenhaus, begann, Leute zu treffen und gewann langsam Selbstvertrauen: "Ich habe das Gefühl, ich entdecke mein eigenes Ich wieder und hole mir die vergangenen Jahre zurück."